Stonewall was a riot!

Heute jähren sich die Aufstände von #Stonewall zum 51. Mal. In der Nacht auf den 28. Juni 1969 veranstaltete die Polizei eine Razzia in der queeren Bar „Stonewall Inn“ in der Christopher Street im Greenwich Village, New York City. Nach zahlreichen Razzien in LGBTIQA* Etablissements in den 60er Jahren, stellte diese einen Wendepunkt dar. Erstmals wehrte sich eine größere Gruppe gegen die Marginalisierung durch die Polizei, die vertrieben wurde. Wer den ersten Stein bei der Stonewall Rebellion warf, ist ein bekanntes Meme; wer es tatsächlich war, kann nicht festgestellt werden. Der Grund für den ersten Stein war die Festnahme einer Aktivistin, die später oftmals als Stormé DeLarverie festgestellt wurde, bei welcher die Polizei mehrmals auf die Aktivistin einschlug. Ihre Rufe zum Widerstand waren der Funken am Pulverfass, der nicht nur das Werfen des ersten Steins, sondern auch den zweiten und dritten und alle nachfolgenden ermöglichte. Der erste geworfene Ziegelstein war eine Straftat, die nächsten einhundert geworfenen Ziegelsteine sind nun eine Jahreszahl in den Geschichtsbüchern. Die Rebellion hielt sich über zwei Nächte, in der trotz Einsatz polizeilicher Paramilitärs der queere Widerstand sich nicht nur hielt, sondern auch den Einfluss der Polizei zurück drängte. Zwischen brennenden Einsatzwägen und zerbrochenen Fensterscheiben kristallisierte sich eine Wahrheit deutlich heraus: Unter der fokussierten Wut gegen die achtzehn Jahrhunderte der europäischen Verfolgung, Verachtung und Repression von queeren Menschen zerbrachen die besten Riot Shields. Zum ersten Mal in der Moderne gab es einen sicheren Raum, in den sich Menschen hinein outen konnten. Während die cis schwulen Männer, die ihre Rechte mittels Anpassung an die Gesellschaft erreichen wollten, entsetzt mit dem Kopf schüttelten, kam es zu einem Moment, dessen Tragweite nicht zurück zu nehmen war. Im „Stonewall Inn“ trafen sich viele auch intersektionell mehrfach marginalisierte Personen wie schwule Latinos oder Schwarze Dragqueens. Die Gay Liberation Front, die sich aus der Rebellion entwickelte, konzentrierte sich über viele Jahre auf die Rechte von cis Schwulen und danach Lesben. Die Rechte von trans Personen und Bisexueller rückten erst viel später in den Fokus. Trotzdem erwuchs aus dem Moment eine Bewegung in Permanenz, nicht zuletzt dank Brenda Howard. Dass ihre Bekanntheit selbst in queeren Kreisen so gering ist, ist eine Schande; neben ihrer queerer Organisationsrolle war sie lautstarke Aktivistin gegen den Krieg in Vietnam. Sie war Mitglied von und Kämpferin für die queerfeministischen, bisexuellen, kinky und polyamoren Communities. Im Rahmen der Rebellion hatten sich viele queere Menschen in New York organisiert, zu Netzwerken organisiert und standen im Kontakt; allerdings gab es keinen konreten Punkt, auf den sich der Aktivismus konzentrierte. Howard wird heutzutage, wo ihr Name überhaupt bekannt ist, als Mutter der Pride bezeichnet, und zwar zurecht: Sie nahm eine zentrale Rolle im ersten Pride March ein Jahr nach der Rebellion ein. Die erste Pride, ganz im Gegensatz zu modernen CSDs, war deutlich und strukturiert ein Akt des zivilen Ungehorsams. Er ging gegen den Willen des Einzelhandels an der Demonstrationsroute, er blockierte wichtige Fahrtstraßen für Autos, er ging gegen den impliziten Widerstand der Polizei und die explizite Empörung der Stadtverwaltung. Innerhalb der ersten paar Jahre mäßigte sich der Widerstand deutlich, aber die erste Pride Parade war ein friedlicher, selbstorganisierter, gezielter Aufstand. Die Stonewall Rebellion war ein Aufstand gegen vergangene und gegenwärtige Polizeigewalt, die erste Pride war ein Aufstand für gegenwärtige und zukünftige queere Freiheit. Brenda Howard wusste die Energie der queeren Gruppen, zuvor noch einzeln agierend, in ein gemeinsames Projekt zu bündeln. Ob in Demonstrationen, in Parties, in Mahnwachen, oder in Theateraufführungen, die Veranstaltungen der ersten Prides hatten kein gemeinsames Muster, sondern eine gemeinsame Aussage: Wir erinnern an unsere Stärke, der Repression zum Trotz, und tragen diese Stärke ins gemeinsame Bewusstsein; solange (queere) Menschen unterdrückt werden, ist Stonewall nur vertagt, nicht beendet. Die Geschichte des queeren Widerstandes kennt bestimmte Varianten von Feierlichkeiten in diversen Rollen: Zur Erschaffung von Safe Spaces oder eigener Identitäten, zur Vernetzung untereinander, als Plena für die Organisation von Supportnetzwerken und politischer Aktivitäten, als Alternativfamilie für Ausgestoßene. Heutige CSD-Parties, maßgeschneidert, um nichtqueeren Menschen nicht auf die privilegierten Füße zu treten, erfüllen in keinerlei Hinsicht mehr die Aufgaben ihrer historischen Vorgänger. Sie sind zu einer Party für nichtqueere Partygänger:innen geworden, wo alle Hemmungen fallen gelassen werden dürfen. Hemmungslos zu sein ist an sich nichts schlechtes und hemmungslose queere Partys, wo queere Menschen sein können wie sie wollen, ohne Stigmata befürchten zu müssen sind wichtig, dennoch darf die Essenz des Christopher Street Days darin nicht verloren gehen. Es geht um queere Autonomie, queere Schutzräume gegen den antiqueeren Hass, Orte ohne Herrschaft und Priorisierung der Privelegierstesten. Und, genauso wichtig: Stonewall was a riot! Wir müssen uns alle in Erinnerung rufen, dass Rechte nicht durch lieb fragen und Petitionen erreicht wurden. Sie wurden erkämpft. Doch diese Erinnerung verblasst zusehends. Politiker:innen und die Gesellschaft verurteilen Ausschreitungen, wie die aktuell die durch den Mord an George Floyd ausgelösten Black Lives Matter Riots. Wie sehr moderne #CSD°s ihre Ursprünge verleugnen und korrumpieren zeigt dieses Beispiel besonders drastisch: „Einigkeit und Recht und Freiheit“ Besser gepasst hätte wohl eher „Einigkeit und Recht und Rückschritt“. Das geplante Motto des Kölner CSDs zeigt sich als Symptom des Zusammenbruchs des intersektionalen Widerstands. Bürgerlich, unkritisch, an den Staat anbiedernd, dazu ein bisschen Patriotismus. Attribute, die eher zu einem CSU-Stammtisch als zu einem Christopher Street Day oder gar eine Erinnerung an Stonewall passen. Die Wahl des Kölner Kommitees war exklusionistisch und privilegiert. Weiße reiche able-bodied atheistische cis Schwule reclaimten Nationalismus und machten damit ihre relative Privilegierung gegenüber dem Rest der Community schmerzhaft deutlich. Das priveligiertere queere Menschen mit queerfeindlichen Mephistos eingehen, ist ein neueres Phänomen, aber auch eines, dass über Einzelpersonen hinausgeht. Von weißen schwulen cis Männern als Minister von Parteien, die in großer Mehrheit die Gleichbennenung der Ehe ablehnten bis zu weißen heterosexuellen trans Frauen, die zur Unterstützung faschistischer Wahlprogramme in den Vereinigten Staaten ihre trans Identität in reinem Saneismus zu einer schlimmen geistigen Krankheit erklären. Sie alle vereint die relative Privilegierung gegenüber vieler queerer Menschen. Sie tauschen die unantastbare Menschenwürde ihrer selbst und der Mitglieder der queeren Community gegen ein bisschen Macht und zweitrangige Duldung von Seiten der Priveligiertesten. Es verwundert wenig, dass hier Leute, die außer ihrer schwulen Identität komplett den Erwartungen der heutigen Gesellschaft entsprechen, besonders laut gegen den Rest der Community schießen. Sie sind mehrheitlich die Profiteure von Lockerungen antiqueerer Marginalisierung, historisch waren sie oft die ersten und einzigen, die etwas besser leben konnten. Warum sich queere Menschen zu diesen konservativen Vorzeigeschablonen degradieren, kann diverse Gründe haben, von Angst über den fehlgeleiteten Wunsch, etwas weniger schlecht behandelt zu werden bis zu Machtgier. Was auch immer der individuelle Grund sein mag, sind doch alle diese Begründungen falsch: Während die konservative Gesellschaftsordnung zuerst weniger priveligiertere Queers angreift, hat sie keinen Platz für jegliche queere Menschen. Sie versucht uns alle, nach einer von ihnen festgelegten Reihenfolge, unserer Menschlichkeit und unserem Glück zu berauben. Egal wie weit hinten auf dieser Liste sich Menschen befinden, die widermenschlichen Kräfte werden nicht vor ihnen mit der Zerstörung der Menschenwürde aufhören. In queerer Kollaboration finden sie einen Mechanismus, zu teilen und weiterzuherrschen, die vereinte Kraft der Pride zu schwächen. Die vorherrschende mediale Narrative zu CSDs hat etwas von Zoo- oder Naturdokumentationen, die zu schlechten Sendezeiten auf ARD/ZDF laufen: Eine entmenschlichende Menagerie an vermeintlichen Ulkigkeiten und Kuriositäten, die Community wird zu einem Haufen seltsamer, aber harmloser bunt bemalter Hippies degradiert. Die neoliberale Interpretation von Stonewall ist zweiseitig: „War ein bisschen übertrieben, so viel anzuzünden, aber wie dem auch sei, ihr seid jetzt gleichgestellt und habt euren Spaß, also müssen wir doch nicht mehr darüber reden“. Diese Narrativen sind falsch, widermenschlich und gefährlich. Die erste Pride war ein Akt des zivilen Ungehorsams, dies ist ein historischer Fakt, der in der Gegenwart verschwiegen wird. Weiterhin gilt, dass sich mit der Stonewall Rebellion direkt nichts politisch geändert hat; es war die Tatsache, dass in den Pride Parades über Jahrzehnte hinweg der Moment der Rebellion weitergetragen wurde; und selbst angesichts des letzten halben Jahrhunderts sind wir noch weit von queeren Glück und wahrer Gleichberechtigung entfernt. Es bedarf kontinuierlicher Weiterführung aller Kämpfe in die Zukunft. Es bedarf intersektionelle Zusammenarbeit und Solidarität. No one is free until all are free, lautet eine bekannte Parole, die wir uns jetzt umso mehr zu Herzen nehmen müssen. In Zeiten in denen Städte, Konzerne und sämtliche Parteien sich mit Pride Flags schmücken und ihre LGBTIQA*-Freundlichkeit kommerziell vermarkten, um ihren ausbeuterischen kapitalistischen Interessen zu frönen, ist es umso wichtiger klar Stellung zu beziehen. Menschenrechte und Freiheit müssen für alle gelten. Dies ist im Patriarchat, im Kapitalismus, im weißen cis Heteronormativ niemals zu erreichen. Die Kämpfe müssen verbunden und gemeinsam geführt, die Kapazitäten gebündelt werden und gegenseitige Solidarität vorherrschen. LGBTIQA* werden niemals frei sein, wenn die Rechte nur für weiße Queere erkämpft wurden. BI_PoC werden niemals frei sein, wenn ihre Rechte nur für cis-männliche Personen gelten. Die Gesellschaft kann niemals frei sein, solange Menschen in asiatischen, afrikanischen und südamerikanischen Ländern für unseren Reichtum und unsere Wegwerfgesellschaft ausgebeutet werden und sterben; solange unsere kapitalistischen Interessen dafür sorgen, dass Waffen in Kriegsgebiete exportiert werden & wir zulassen, dass die Geflüchteten auf dem Weg in Sicherheit oder direkt vor unseren Außengrenzen sterben, die Menschheit kann niemals frei sein, solange Tiere in unseren Fleischfabriken gequält & ermordet werden und der Planet ausgebeutet wird. Deshalb: no one is free until all are free! Die queere Community darf sich nicht kapitalistischen, konservativen, rassistischen oder misogynen Interessen unterordnen. Sie muss gegen jede Form der Diskriminierung vorgehen! In Kapitalismus und Patriarchat ist kein freies, glückliches Leben für alle möglich. Anstatt sich also – wie in Würzburg – an diskriminierende Parteien wie CDU/CSU und deren Bürgermeister:innen, an millionenschwere Konzerne und die Mehrheitsgesellschaft anzubiedern, müssen Kämpfe wie #BlackLivesMatter und #MyBodyMyChoice bedingungslose Solidarität und Unterstützung erfahren.

No justice, no peace, Krieg den Palästen und den Faschist:innen nie auch nur einen Fußbreit!