Warum die #NeueRechte gar nicht islamfeindlich ist – Zum Islambild der Neuen Rechten (Vortrag von @hagedorn_y) „Die Neue Rechte und der Islam“ hieß der Vortrag, zu dem die religionskritische Giordano Bruno Stiftung Unterfranken lud. Eingeladen wurde Matheus Hagedorny, Historiker, Doktorand an der Universität Potsdam und Mitglied im Präsidium der Deutsch-Israelischen Gesellschaft. Hagedorny forscht zu den Islambildern der Neuen Rechten. Er hat eine interessante These mitgebracht: Die Neue Rechte sei gar nicht islamfeindlich, sie nehme den Islam eher als geschätzten Konkurrenten war. In den Schelmenkeller in der Pleich waren 25 interessierte Zuhörer*innen gekommen. Trotz Lärm, schlechter Luft und Verbindungssymbolen an der Wand, hat wohl niemand den Besuch des Vortrags bereut. Der folgende Text ist ein Versuch, in einfacher Sprache die Inhalte des Vortrags wiederzugeben. Was ist eigentlich die Neue Rechte?

Die Neue Rechte ist ein Teil der extremen Rechten. Ausgehend vom Frankreich der 1960er Jahre entwickelte sich eine rechte Strömung, die vorgab mit dem Nationalsozialismus gebrochen zu haben. Sie beziehen sich auf die sog. „Konservative Revolution“ des Deutschlands der 1920er Jahre. Armin Mohler hatte in seiner Dissertation über die sog. „Konservative Revolution in Deutschland 1918-32“ promoviert. Die Konservative Revolution stellt allerdings eher einen Mythos dar, weite Teile der deutschen Rechten der 1920er Jahre begrüßten die Machtergreifung der Faschisten.

Begriffe wie Rasse werden im neurechten Sprech vermieden. Biologistischer Rassismus wird vordergründig abgelehnt und durch kulturalistische Abwertung abgelöst. Etwa sprechen Neue Rechte von „Ethnopluralismus“ statt völkischer „Reinheit“. Die Bedeutungen der Begriffe ähneln sich. Ausgehend von der Vorstellung eines homogenen Volkes, werden alle die nicht ins völkische Bild passen, als störende Fremdkörper betrachtet. Allerdings gibt es dutzende Spielarten des Begriffs des Ethnopluralismus in der neurechten intellektuellen Szene. Wie groß ist der Einfluss der Neuen Rechten innerhalb der AfD?

Heute hat die Neue Rechte großen Einfluss in der AfD, dennoch ist nicht die Mehrheit der AfD-Mitglieder der Neuen Rechten zuzuordnen. Der „Flügel“ um Kalbitz und Höcke ist jedoch mittlerweile so mächtig, dass innerhalb der AfD keine Entscheidung gegen die Neue Rechte getroffen werden kann. Wie ist die Neue Rechte in Deutschland organisiert?

In Deutschland besteht das Milieu aus Zeitschriften (Junge Freiheit, Cato, Tichys Einblicke, Compact, Sezession) und dem Antaios Verlag von Götz Kubitschek. Kubitschek inszeniert sich als zentrale Figur der Neuen Rechten in Deutschland. Sein Institut für Staatspolitik in Schnellroda gilt als neurechter „Think-Tank“. Das IfS gilt als bewegungsorientierter als etwa die Junge Freiheit. Dies zeigt sich darin, dass Kubitschek die Identitäre Bewegung in Deutschland und das rechte Solinetzwerk Einprozent aufbaute. „Genau dieses Milieu meine ich, wenn ich über die Neue Rechte in Deutschland rede“, so Hagedorny. Gegen wen richtet sich die Politik der Neuen Rechten?

Hagedorny stellt die These auf, die Feindschaft der Neuen Rechten gegenüber dem Islam sei nicht zentral. Die Neue Rechte habe sogar Respekt vor dem Islam. Ihre Politik richte sich gegen den Liberalismus. Zudem ist die Neue Rechte rassistisch, antifeministisch und antisemitisch. Hagedorny meint: „Rassismus gegen Muslime und Bewunderung für den Islam müssen sich nicht ausschließen“. Wer war Carl Schmitt?

Der Staatsrechtler Carl Schmitt lebte von 1888 bis 1985. 1933 wurde er NSDAP-Mitglied und bezeichnete etwa die antisemitischen Nürnberger Gesetze (der Beginn der staatlichen Diskriminierung der Juden) als „Verfassung der Freiheit“. Er wird auch als „Kronjurist des Dritten Reiches“ bezeichnet. Für die Ideologie der Neuen Rechten gilt Carl Schmitt als prägend. Armin Mohler beispielsweise sieht sich selbst als Schüler Carl Schmitts. Was meint Carl Schmitt mit „geistiger Heimatlosigkeit“?

Carl Schmitt beschreibt ein „Gefühl der geistigen Heimatlosigkeit“. Dafür muss man Schmitts Sozialisation verstehen. Er ist aufgewachsen in einem traditionell katholischen Milieu. Hagedorny beschreibt Schmitts Welt als Dreiklang: „Monotheismus, Monarchie, Monogamie“. Diese sieht Schmitt allerdings untergehen. Er fühlt sich ohnmächtig gegenüber den ökonomischen Strukturen des Kapitalismus. Er formuliert allerdings keine Kapitalismuskritik, wie etwa die Sozialist*innen oder Anarchist*innen, sondern beschreibt jene Entfremdung als „Gefühl der geistigen Heimatlosigkeit“. Wie ist für Carl Schmitt „Politik“?

Carl Schmitt versteht Politik als den militärischen Kampf eines Volkes. Für ihn ist Krieg aus „moralischen Gründen“ unpolitisch (etwa sog. „Humanitäre Interventionen“). Hagedorny sagt: „Für Schmitt ist der Feind „der Andere, der Fremde“. Verzichtet ein Volk auf ein Feindbild gilt es für Schmitt als schwach und verschwindet“. Wie steht Schmitt zum Liberalismus?

Schmitt lehnt den Liberalismus als verweichlicht ab (synonym gilt dieser für ihn als „verweiblicht“). Er sehnt sich nach der alten Einheit aus Thron und Altar und bekämpft ideologisch den liberalen Staat. Wie sieht Schmitt den Islam?

Im Islam sieht Schmitt die alte Synthese aus Glauben (privat) und Religion (staatlich) verwirklicht. Eben nach jener Synthese sehnt er sich zurück. Wie stand der Nationalsozialismus zum Islam?

Der Nationalsozialismus ist in Fragen der rassistischen Hierarchie inkonsistent. Auf Druck von mehrheitlich muslimischen Ländern, wurden etwa Türken, Perser und Araber mit den Nürnberger Rassegesetzen gegenüber den Juden aufgewertet. Ebenso wollten die Nazis den Begriff des Antisemitismus tilgen, da auch Araber als Semiten gelten.

Hitler hatte ein positives Islambild. In SS und Wehrmacht wurde Muslimen die Religionsausübung gestattet (Christen nicht). Der Nationalsozialismus stilisierte sich als Schutzmacht der Muslime gegen Juden, Sowjets, Großbritannien und Frankreich. „Von Islamfeindlichkeit war der Nationalsozialismus weit entfernt“, so Hagedorny. Wie steht die #NeueRechte zum Islam?

Entgegen der weitläufigen Meinung ist der Islam nicht „das“ Feindbild der „Neuen Rechten“. Die Hauptrichtung der Neuen Rechten sind „Antisemitismus, Antiamerikanismus & Antiliberalismus“, meint Hagedorny. Das Feindbild ist der Universalismus. Wer war Henning Eichberg?

Henning Eichberg lebte von 1942 bis 2017. „Seine Theorien haben sich innerhalb der Neuen Rechten durchgesetzt, obwohl er vergessen ist“, meint Hagedorny. Eichberg interpretierte Kultur als Fortsetzung eines Biologismus. Auf ihn gehen die Begriffe des Ethnopluralismus zurück. Eichberg stand im Kontakt mit Alain de Benoist, dem Gründer der Nouvelle Droite, der französischen „Neue Rechten“. Eichberg vertrat einen antiuniversalistischen, kulturalistischen Nationalismus. Seit wann ist der Islam ein Thema für die extreme Rechte in Deutschland?

„Vor den Anschlägen des 11. September war der Islam kaum Thema für die Rechte in Deutschland“, so Hagedorny. Erst mit der politischen Bedeutung des Islamismus wuchs das Feindbild Islam. Rechtspopulist*innen, die Hagedorny von der Neuen Rechten unterscheidet, inszenieren sich als Beschützer vor dem Islam (Beispiel „Die Freiheit“ von Stürzenberger oder PEGIDA). Welche Islambilder vertritt die Neue Rechte?

Karlheinz Weißmann ist Buchautor und Vertreter der deutschen Neuen Rechten. Er sieht den Islam als überlegen an, da er eine geschlossenere Ordnung propagiere. Ernst Nolte löste den sog. Historikerstreit aus. Seine geschichtsverfälschende These, die Nazis hätten nur aus Furcht vor dem „Klassenmord“ der Bolschewiki den Holocaust organisiert, führte zu jenem „Historikerstreit“. Er sieht den Islam als „dritte Widerstandsbewegung gegen die Moderne“. Hauptproblem für Nolte sei nicht die „Immigration, sondern die fehlende eigene Identität“. Angesichts der „Dekadenz“ westeuropäischer Gesellschaften, äußerte er „ebenso Hoffnungen wie Befürchtungen“ an die Einwanderung von Muslimen. Für den neurechten Autor Thor von Waldstein stellt eine Islamisierung Europas nur die „zweitschlechteste Lösung“ nach einer weiteren „Durchamerikanisierung“ dar. Er plädiert für ein Bündnis mit Russland und den islamisch geprägten Mittelmeeranrainern. Er propagiert das Feindbild Amerika statt das Feindbild Islam. (Mehr dazu von Hagedorny auf dem Blog gegneranalyse: gegneranalyse.de/die-zweitschle…). Wenn die Neue Rechte nicht islamfeindlich ist, warum spielt die „Reconquista“ dann eine so große Rolle in der Identitären Bewegung?

Muslimische Armeen eroberten im 8. Jahrhundert Teile der Iberischen Halbinsel (Spanien, Portugal). 732 schlug der Franke Karl Matell die islamischen Armeen und schaffte den Mythos der Reconquista (Rückeroberung). Aus heutiger Perspektive wird die Reconquista oft verfälscht. In neurechten Diskursen wird der Eindruck erweckt, als hätten homogene christliche Armeen die muslimischen Araber und Berber besiegt. Karl Matell wird heute zum Retter des christlichen Abendlandes stilisiert. Die Geschichte des Kulturkampfes zweiter homogener Kulturblöcke (Islam vs. Christentum) hat einen großen propagandistischen Reiz für die antiuniversalistische Rechte. Geschichtsverfälschend wird eine neue Reconquista gefordert – Ein Kampf gegen den Islam in Europa, um die eigene Kultur erhalten zu können. Dass keine muslimischen Heere vor den Toren Europas stehen und viele Millionen muslimische Menschen friedlich zusammen mit Christen und Atheisten in Europa leben, lässt diesen Vergleich nicht zu. Warum bezieht sich die Identitäre Bewegung auf das Christentum?

Die IB praktiziert das Christentum, um einen „Rückgriff auf die eigene Ethnokulturelle Identität u inszenieren“, so Hagedorny. Wenn sie etwa Kreuze auf Bergkuppen aufstellen, geht es ihnen wenig um christliche Religion. Sie suchen sich Symbole, die sie der imaginierten „fremden“ Islamisierung entgegenstellen können. Welches Islambild hat die IB?

In der Projektion der IB bietet der Islam die Einheit aus Politik und Religion, feste patriarchale Strukturen und die Verkündung eines Heils im Paradies. Diese Werte sollen auch in den westeuropäischen Gesellschaften wieder stärker gefördert werden. Wie sind Björn Höckes Aussagen gegen Islam zu verstehen?

„Wir werden die Macht bekommen - und dann werden wir das durchsetzen, dann werden wir das durchsetzen, was notwendig ist, damit wir auch in Zukunft noch unser freies Leben leben können. Dann werden wir nämlich die Direktive ausgeben, dass am Bosporus mit den drei großen M - Mohammed, Muezzin und Minarett - Schluss ist“, sagte Höcke 2018 in Eisleben. Höcke übt keine Islamkritik im antireligiösen Sinne. Für ihn sind die Kulturräume geschlossene Räume. Europa etwa ist christlich und der Bosporus markiert die Grenze zur islamischen Welt. Dies knüpft an die faschistische Blut und Boden-Ideologie an, demnach Völker/Religionen/Kulturen an gewisse Räume gebunden seien. Höcke sagte etwa auch: „Der größte Feind ist nicht der Islam, sondern die Dekadenz“. Was ist der Große Austausch?

Mit der Chiffre des „Großen Austausch“ versuchen Neue Rechte das Bild eines gezielten „Bevölkerungsaustauschs“ zu propagieren. Von oben werde so die europäisch christliche Bevölkerung gegen eine muslimische ausgetauscht. Die Legende des „Großen Austausch“ ist antisemitisch, da sie die gezielte Steuerung von „oben“ imaginiert. Was bringt es Geflüchteten oder Migrant*innen aus muslimischen Ländern, dass der Islam gar nicht DAS Feindbild der Neuen Rechten ist?

Gar nichts. Sie werden genau so Opfer von Rassismus. Ob Menschen sich wirklich mit dem Islam identifizieren spielt für Rassist*innen keine Rolle. So werden auch Geflüchtete, die vor Islamismus fliehen, Opfer rassistischer Gewalt. Was können Antirassist*innen dem neurechten Islambild entgegenstellen?

„Es muss sich dem Identifizierungszwang entgegengestellt werden“, fordert Hagedorny. Nur weil jemand in einem muslimischen Land aufwächst, ist er noch lange kein gläubiger Muslim. Die Menschen werden in Deutschland Opfer von Rassismus und nicht etwa von Islamfeindlichkeit. Nach seinem komplexen Vortrag nahm sich Hagedorny Zeit die Fragen der Anwesenden zu beantworten. Auf die Frage nach Islamkritik innerhalb der #noAfD antwortet er: „Der AfD ist die Kritik am Islam egal. Sie paktieren auch mit dem syrischen Regime (das mit dem islamistischen iranischen Regime verbündet ist), um zu propagieren, dass Syrien ein sicheres Land sei. Die #noAfD kämpft somit nicht etwa gegen islamistische Bestrebungen, sondern gegen die Geflüchteten, die sie dann schnellstmöglich wieder in den autoritären syrischen Staat abschieben möchte.