Unser Bericht zur 4. #LockdownCapitalism-Demo am Samstag, 13. Februar 2021!

@F4F_wuerzburg rief zur Demonstration unter dem Motto „Fight every Crisis“ auf. Mit der erfolgreichen Demonstrationsreihe sehen wir, dass die Ungewissheit endlich vorbei ist: Ja, Protest ist trotz Pandemie möglich und schließt sich nicht aus; ja, die „Lösungsansätze“ der Politik können hinterfragt und Alternativen aufgezeigt werden. Deshalb wird es auch nächsten Samstag wieder mit dem Motto #LockdownCapitalism auf die Straße gehen: Die linksradikale Gruppe @kleinnizzawue ruft zu Protest auf, unter anderem gegen die Logik von Impfpatenten. Genauere Infos hierzu folgen noch. Fridays For Future Würzburg mobilisierte bereits im Vorhinein zur Demonstration mithilfe eines sehenswerten Videos(youtu.be/_FuI9K2B4aE). Die Gruppe zeichnet darin die Grundideen des Kapitalismus und zeigt eindrücklich, dass sich mit diesem System keine Krise lösen lässt. Denn viel eher ist das System selbst die Krise. Wie verwebt Kapitalismus, Klimakrise und #Corona-Krise sind, zeigt sich eindrücklich an folgender Beobachtung: „Seit der vorindustriellen Zeit gab es fünf bemerkenswerte Rückgänge beim CO2-Ausstoß: 1945, nach dem 2. Weltkrieg, 1981 bei der Ölkrise, 1992 nach dem Zusammenbruch des Ostblocks und 2009 bei der Finanzkrise, und jetzt: bei Corona. Das alles waren Ereignisse, die das Wirtschaftswachstum klar zum Stocken gebracht haben. Es ist also nicht zu leugnen: Es gibt einen klaren Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und Klimakrise, zwischen Bruttoinlandsprodukt und CO2-Ausstoß.“ Bei der Auftaktkundgebung um 16 Uhr am Hauptbahnhof sprach ein Redner die vermutlich anwesenden Personen von „Eltern stehen auf“ an, welche für kommenden Montag einen Faschingsumzug planen. Die für ihre verschwörungstheoretischen und antisemitischen Aussagen bekannte Gruppe ( scheitere an fundierter Kritik an den teils nicht nachvollziehbaren Corona-Maßnahmen und sei mehr darüber besorgt, wenn „verdächtige“ Helikopter über der Stadt fliegen. Ihre Sorgen bezeichnete der Redner als egozentrisch. Mit Sprüchen wie „Make the rich pay for Covid-19“ bewegte sich die Demonstration aus gut 100 Personen in Richtung Juliuspromenade. Wie bereits letzte Woche der Fall (twitter.com/schwarzlichtwu…), hielten es Cops auch dieses Mal wieder für nötig, quer durch die Demo zu spazieren.

Schwarzlicht Würzburg (@schwarzlichtwue):
Leider kam es schon wieder zu polizeilicher Repression, wie es in Würzburg im letzten Jahr scheinbar zur traurigen Tradition geworden ist. Ein Polizist, der immer wieder quer durch die Demonstration lief, rempelte einen Demonstrierenden an, da dieser ihm nicht schnell genug Platz machte. Daraufhin kam es zu einem Wortgefecht mit dem aggressiv auftretenden Beamten. Dem Genossen wurde vorgeworfen den Cop vorsätzlich angerempelt zu haben, woraufhin er in einem unübersichtlichen Moment die Demonstration verließ.
Mehrere Polizist:innen verfolgten ihn jedoch und ein Fahndungsaufruf wurde herausgegeben. Schließlich wurden Personalien festgestellt und eine Anzeige geschrieben. Wir verurteilen erneut das aggressive und repressive Auftreten der Polizei gegen linke Demonstrierende in Würzburg und sprechen dem betroffenen Genossen unsere vollste Solidarität aus!
Als die Demonstration an einer schlagenden Burschenschaft in der Sanderglacisstraße vorbeikam, kam es kurz zu verbalen Auseinandersetzungen mit Burschis, die auf einem Balkon standen.
Schließlich erreichte der Demozug den Willy-Brandt-Kai unterhalb der Löwenbrücke. Dort beschrieb ein:e Redner:in der „Initiative soziokulturelles Zentrum“ die schlechte kulturelle Lage in Würzburg. Mit der Schließung der Posthalle, der u.a. auch das „Immerhin“ zum Opfer fällt, gestalte sich die Lage zunehmend kritischer. Ein adäquater Ersatz in zentraler Lage sei nicht findbar. Doch nicht nur die Kultur, auch die parteiunabhängigen politischen Gruppen hätten ein massives Platzproblem.
So würden die Räumlichen Kapazitäten der MiezeKoZe nicht für alle Gruppierungen ausreichen. Auch Bildungsarbeit, Küfas, Konzerte, Safer Spaces und anderweitige Begegnungsräume für strukturell benachteiligte Personen seien nicht umsetzbar.
Außerdem verschlinge die Miete einen Großteil der mühsam zusammengetragenen Spenden. Während die Innenstädte schon vor der Corona-Krise hauptsächlich von Ketten geprägt waren, müssen nun insbesondere die letzten verbliebenen kleinen Läden schließen.
Während die Stadt also – insbesondere für junge Leute - zunehmend unattraktiver wird, steigen die Mieten in unserer Studierendenstadt immer weiter an und werden so – gerade auch für Studierende und finanziell schwache Familien – schlicht unbezahlbar.
Es solle „endlich ein Fokuswechsel von starker Konsumorientierung hin zu gesellschaftlichem und kulturellem Austausch angegangen werden.“ Es brauche „einen selbstverwalteten und diskriminierungssensiblen Ort, der sowohl politisch als auch zur freien und unkommerziellen Nutzung und für verschiedenste Bedürfnisse dient: Beispielsweise ein Seminarraum, Werkstätten, Proberäume, Raum für freie Bildung, ein Lesecafé, Infrastruktur für Geflüchtete, ein Umsonstladen und Arbeitsräume für Initiativen, die keinen Platz finden in der Stadt.
Das bedeutet für uns, selbstbestimmt und selbstverwaltet antikapitalistische Alternativen zum allgemeinen Konkurrenzdenken zu leben und zu etablieren. Für antifaschistische Arbeit, für ökologischen und sozialen Wandel, sowie inklusive Kultur, z.B. in Form von Konzerten, Küfas und
Kneipenabenden.

Kurz & gut – für ein Soziokulturelles Zentrum!“

Die Initiative stellte sich im Zuge der Pandemie neu auf und steht bereits in Kontakt mit der Stadt. Interessierte können sich gerne melden.

Nach einer von Musik begleiteten kurzen Aufbau-Pause, sang der Sänger der der Würzburger Punkband „Heavy Holes“ ein paar Lieder und begleitete sich selbst auf der Gitarre. Zum Abschluss spielten „Unordnungsamt“ und riefen zur vierten LockDownCapitalism-Demonstration nächsten Samstag – diesmal organisiert von @F4F_wuerzburg - auf.

Ohne größerer Probleme gelangte die Demo aber um 17:15 Uhr erfolgreich an ihr Ziel, dem Unteren Markt. Dort hielten Fridays For Future Würzburg, Ende Gelände Würzburg und Seebrücke Würzburg mehrere Reden, musikalisch begleitet von einer Band. So beschreibt @EGwuerzburg eine Ideologie des Kapitalismus: „Die moralische Eigenverantwortung im Kapitalismus beginnt und endet mit dem Minus vor der Kontostandsanzeige. In seiner Denkwelt ist das Firmenmeeting in Pandemiezeiten ja nur ein paar Stunden, die […] nicht so ins Gewicht fallen. In seiner Denkwelt ist eine Autobahnverlängerung ja nur die Rodung von ein paar hundert Bäumen. Die Pandemie entsteht allerdings nicht im Kontakt von einer Person zu Dutzend anderen und die Klimakatastrophe entsteht nicht in hundert gefällten Bäumen. Die Pandemie erwächst aus dem täglichen Übertragungskontakt von hunderttausend Infizierten zu Millionen anderen. Die Klimakatastrophe erwächst unter anderem aus den täglich hundert Millionen bis Milliarden zerstörten Bäumen. Unter dem kapitalistischen Dogma des Individuums als größter und einzig wichtiger Instanz lässt sich die eigene Verantwortung abstreiten. Der Tag, an dem die Institution des kapitalistischen Egozentrismus fällt, ist der Tag, an dem die Kursanzeigetafeln in Flammen stehen werden.“ Darüber hinaus geht Ende Gelände auf das moralisch verwerfliche Management von Impfpatenten ein: „Solange Patentrechte den medizinischen Sektor zu einer Gelddruckmaschine missbrauchen, werden Firmen aus der Impfstoffknappheit Profit schlagen können. Kolonial ausgebeutete Regionen wurden des eigenen Vermögens zu sehr beraubt, um die zahlungskr. Kundschaft zu sein, welche die Pharmaindustrie verlangt. Die Klimakatastrophe ist keineswegs wirtschaftshemmend, das Sterben von Millionen und das Leid von Milliarden war von Anfang an ein profitabler Absatzmarkt.“ Dem Motto „Fight every Crisis“ folgend machte die @SeebrueckeWue auf das inhumane Leid der Menschen an den EU-Außengrenzen aufmerksam. Neben den illegalen Pushbacks durch #Frontex und der Kriminalisierung der Seenotretter:innen müssen im Hier und Jetzt Menschen in lebensbedrohlichen Hotspot-Lagern hausen: „Ein Blick in eine kurze Videofrequenz auf die instabilen Zelte in Moria 2 auf Lesbos, die buchstäblich in einem braunen Drecksumpf davonschwimmen, wenn der eisige Wind sie nicht schon abgeräumt hat, gibt Gewissheit, dass niemensch sich freiwillig auch nur eine einzige Nacht in ein Zeltlager begeben würde, in dem solche lebensunwürdigen Zustände herrschen.“ Parallel werde auch während der Pandemie in Länder wie Afghanistan und Syrien abgeschoben – „Aus dem Gefängnis führt der Weg in ein Flugzeug und raus aus Deutschland. Als würde sich auch nur ein einziges Problem lösen, wenn sich in der Bundesrepublik Deutschland mit mehr als 80 Millionen Einwohner:innen nach einer Sammelabschiebung 30 Personen weniger befinden.“ Dabei sei betont, dass „auch und besonders in Zeiten der Pandemie gilt: eine Krisenbewältigung, deren “Erfolg” darauf basiert, neue Krisen zu schaffen oder bestehende Krisen zu verstärken, ist opportunistisch, menschenfeindlich, und absolut untragbar. Eine Krisenbewältigung, die auf den Schultern schutzbedürftiger Menschen ausgetragen wird, um eigene Privilegien zu schützen, ist verabscheuenswert. Dabei sei gesagt: eine “Flüchtlingskrise” oder “Migrationskrise” hat es nie gegeben. Es war und ist eine europäische Krise. Eine Krise der Menschlichkeit. Eine Schande.“ Deshalb fordert Seebrücke Würzburg „eine sofortige humanitäre Aufnahme aller einreisewilliger Menschen, die sich auf der Flucht befinden und ein Ende der menschenverachtenden Migrationspolitik in Deutschland und in Europa! Zeigt Menschlichkeit, gebt die Grenzen frei und leistet endlich Hilfe!“ Es scheint, als würde keine Krise ernsthaft gelöst, stattdessen kommen immer mehr hinzu. Damit wächst die Not nach radikalen Ideen und Bewegungen, die sich jenseits der eingefahrenen, kapitalistisch veranlagten Strukturen orientieren und auf diese auch nicht angewiesen sind. Auf dass #LockdownCapitalism irgendwann in die Tat umgesetzt wird!