Erleuchtung:

Vorwort

Einen großartigen Beweis von der erbärmlichen Subjektivität der Menschen, in Folge welcher sie Alles auf sich bezieh[e]n und von jedem Gedanken sogleich in gerader Linie auf sich zurückgehen, liefert die Astrologie, welche den Gang der großen Weltkörper auf das armselige Ich bezieht, wie auch die Kometen am Himmel in Verbindung bringt mit den irdischen Händeln und Lumpereien. Dies aber ist zu allen und schon in den ältesten Zeiten geschehen. (Schopenhauer, 1920, S. 168 f.)

In der Gesellschaft ist die Astrologie (z. Dt.: Sterndeutung) weit verbreitet: Horoskope findet man in fast jeder deutschen Zeitung. Bekanntermaßen als Pseudowissenschaft markiert, sollte sie in linken Kreisen beständiger Kritik ausgesetzt sein und, im Vergleich zur bürgerlichen Gesellschaft, weniger Anklang finden. Doch das ist nicht der Fall.

Dieser Text setzt sich daher kritisch auseinander mit den Verkeilungen von Pseudowissenschaft und Wissenschaft, dem okkulten Spiritualismus der New-Age Strömungen, sowie der Vermengung von Astrologie in linken und queeren Kreisen. Schonungslos soll die Suche nach dem „wahren Leben Mitten im Falschen“ (Adorno, zit. nach Gess, 2007) als Irrsinn aufgedeckt und der letzte okkultische Splitter im Auge der emanzipatorischen Bewegungen herausgerissen werden; jede Scharlatanerie muss ausgetrieben werden, um so den Platz für sinnhafte Erklärung und Zielsetzung zu schaffen. Dieser Aufgabe verschreibt sich der nachfolgende Text.

Der eigentlichen Kritik an der Astrologie und den okkultischen Ideologien im Allgemeinen geht eine Auseinandersetzung mit dem Verhältnis der Astrologie zur empirischen Wissenschaft sowie eine generelle Beschreibung der Astrologie voraus. In der darauf folgenden Auseinandersetzung mit der Ideologie an sich wird sich den Gedanken zum Wesen des Christentums Feuerbachs, der Epistemologie Kants, dem kritischen Rationalismus Poppers und der Ideologiekritik Adornos bedient. Dieser Auseinandersetzung folgt abschließend ein Einblick in die Welt der Astrologie aus queerer und linker Perspektive, welcher mit Ausschnitten aus dem Heidentum und den Bedeutungen für die praktische Emanzipation angereichert ist.

1 Empirie gegen Astrologie

1.1 Von Krakenorakeln und Kursbestimmung

Die Zukunft vorherzusehen, eines der zentralen Themen in der Astrologie, ist ein dem Menschen naheliegendes Bedürfnis. Diese Fähigkeit kann Leid verhindern und, sofern beschränkt auf einige wenige, Reichtum ermöglichen. Über die Lottozahlen der kommenden Woche Bescheid zu wissen, hat sich wohl jede*r schonmal gewünscht. Auch im Mainstream wird dieses Bedürfnis ausgedrückt, völlig getrennt von offensichtlichen Bezügen zur Astrologie: Der Krake Paul sagte zur Weltmeisterschaft 2010 das Gewinnerteam aller Spiele mit Beteiligung der Deutschen korrekt voraus, indem er jedes Mal den richtigen, mit Nationalfahne gekennzeichneten, Futtertopf wählte. Schon zur Europameisterschaft 2008 kam Paul zum Einsatz, lag damals aber teilweise falsch. Wie bei jeder öffentlichen Vorhersage stellt sich natürlich auch hier die Frage, inwiefern die Bekanntgabe der prognostizierten Ergebnisse die wahren, zukünftigen Ergebnisse beeinflussen könnte. Diese Frage ändert allerdings nichts an der Popularität solcher Spielereien. Krake Paul sind Straßen gewidmet und Denkmäler gemacht worden.

Was im Mainstream Randerscheinung ist, wird in der Astrologie zur ernsten Hauptaufgabe. Ein nennenswertes Beispiel ist hierzu die Vorhersage von Aktien- und (Crypto-)Währungskursen. So wird laut einem Artikel zur „Astrology of Cryptocurrency“ am 17. März 2027 der kumulative Punkt einer Dekonstruktion unseres aktuellen Finanzsystems und Aktienmarktes erreicht werden (Brooke, 2021). Anhand des Jahres der „Erfindung“ der Cryptowährungen, 2009, wird die nähere Zukunft von Bitcoin und Dogecoin gedeutet: „Venus will […] be retrograding over Bitcoin’s natal Jupiter, while Jupiter simultaneously transits its natal Venus. Also, Dogecoin’s natal Venus is in Capricorn and will be having a retrograding Venus return in December and January. So, the immediate future into early next year looks good, at least, for these coins.“ Die einzig glaubwürdige Aussage dieses Artikels bleibt wohl der Schlusssatz: „This is not financial advice.“ Ob eine Vorhersage die Zukunft verändern kann, lässt sich im Fall der Cryptowährung dabei wohl nicht verneinen. Die eine Millionen Follower*innen große TikTok „Influencerin“ Maren Altman verbreitet tagesaktuelle Vorhersagen für Bitcoin und weiß, ihre Zuschauer*innen mitzunehmen: „I don't really care to prove anything to you. I'm going to be making money off of this. If you'd like to join in, you can“ (Copeland, 2021). Hier ist es gar keine Frage mehr, dass solche Aussagen die Zukunft verändern und es ist offensichtlich, dass Altman, indem sie zeitlich vor ihren Zuschauer*innen anlegt, die durch ihre beträchtliche Menge eine Kurserhöhung verursachen, das meiste Geld herausholen kann.

1.2 Die Kritik der empirischen Wissenschaft an Astrologie

Leo Leo

Ob dem Finanzsystem im Jahr 2027 tatsächlich bevorsteht, was prognostiziert wurde (Brooke, 2021), werden wir wohl erst in ein paar Jahren erfahren. Müsste man sich festlegen, wäre man jedenfalls besser daran gelegen, dagegen zu wetten. So sieht es auch die empirische Wissenschaft, die der Astrologie dank Untersuchungen vorhalten kann, dass ihre Vorhersagen nicht statistisch signifikant besser zutreffen als willkürliche Behauptungen. Sich selbst als wissenschaftlich verstehend, haben auch Astrolog*innen selbst, so wie der französische Psychologe Michel Gauquelin, empirische Nachforschungen angestellt, kommen aber zu ebenso ernüchternden Ergebnissen: Einerseits wurden die in den Zeitungen abgedruckten Horoskope als völlig wertlos erkannt – Widder und Skorpion, in Horoskopen als besonders kampfbereit, aggressiv und physisch stark beschrieben, weisen keine höhere Anzahl an Athlet*innen und Soldat*innen auf als jedes andere Sternzeichen (Schoener, S. 50) (diese Erkenntnis tut professionellen Astrolog*innen allerdings nicht weh, denn diese sehen die in Zeitungen erscheinenden Horoskope als bloße „Trivialastrologie“ an). Andererseits verliefen sich aber auch die Nachforschungen nach den Auswirkungen der Planetenkonstellationen zur Geburt (ein essentielles Gebiet der Astrologie) auf die Berufswahl im Sande (ebd.).

In einer Metastudie kam man zu einen ähnlichen Schluss: „The majority of studies conducted do not confirm astrological claims and the few studies that are positive need additional clarification“ (Kelly, 1979). Mahnend endet das Paper mit den Worten „Supporters of astrology have tried to give their subject an aura of scientific respectability. Such pseudo-scientific manipulation must not be taken seriously without critical analysis“ (ebd.).

Es mangelt der Astrologie also an Korrelation. Doch selbst, wenn es diese gäbe, so gilt: „Correlations themselves do not constitute a theory“ (Kelly, 1979). Vor diesem Hintergrund müssen auch die Folgerungen des gesamten restlichen Textes gedacht werden! Denn selbst wenn es so wäre, dass Astrologie mit hoher Korrelation aufwarten könnte und so die Kritik der empirischen Wissenschaft schlagen würde, soll standhalten, was im Folgenden aufgeführt wird, indem es auf den Mangel der Kausalität baut.

1.3 Kleiner Ausflug in die Geschichte der Astrologie

Aquarius Aquarius

Unweigerlich haben wir es der Aufklärung zu verdanken, dass wir stehen, wo wir heute stehen. Dass Astronomie und Astrologie einmal verschmolzen waren, ist heute undenkbar, zu lange ist die Abspaltung her. Doch es gab gute Gründe. Bei den ersten Vermessungen der Planetenlaufbahnen ist noch alles ungewiss. Soll man viel, soll man wenig erwarten? Haben diese Himmelskörper für den Menschen irgendeine Bedeutung? In jenen vorchristlichen Zeiten existiert noch Natur. Überall lauert unerklärliche Gefahr. An irgendetwas muss man sich klammern, und seien es die für den damaligen Menschen entferntesten Dinge wie die im 5. Jahrhundert vor Christus entwickelten Sternbilder. Auch die Philosophie der Antike nahm Astrologie in ihre Überlegungen auf.

Schon früh aber erfuhr sie eine harte Abfuhr, unter anderem vom Skeptiker Sextus Empiricus (ca. 100 bis 200 nach Christus). Sextus zeigte mit einem Trilemma auf, dass Astrology entweder unmöglich oder sinnlos oder beides sei: Ereignisse geschehen aus Notwendigkeit, durch Zufall oder durch menschliches Handeln. Sofern aus Notwendigkeit, dann ist Astrologie sinnlos, da ihr keine Bedeutung mehr zukommt und die Ereignisse einfach geschehen. Geschehen sie aus Zufall oder menschlichem Handeln und daher keinem nötigen Grund, dann ist Astrologie unmöglich, da nichts dergleichen im Voraus bekannt sein kann (Cooper, 2018).

Auch über die astrologischen Auswirkungen der Geburtszeit auf das Lebensschicksal macht sich Sextus lustig, indem er die Frage aufstellt, wann ein Mensch denn genau geboren sei – wenn der Kopf „herausschaut“ oder wenn er*sie vollständig von dem*der Gebärenden getrennt ist? Ohne hier Klarheit zu haben, könne sich darauf auch keine präzise Folgerung anstellen (Cooper, 2018). Entsprechend katastrophal für die Astrologie ist auch der heute oft genutzte Kaiserschnitt, der den kosmischen Rhythmus aufhebt und die Geburtszeit für Bewertungen unnutzbar macht (Niehenke, 1994).

Über das Mittelalter und die Renaissance hat die Astrologie im christlichen Raum Hoch- und Tiefzeiten, war mit dem christlichen Glauben und seiner Voraussetzung des freien Willens aber schon damals nur schwer vereinbar. Zwar wies ein Stern zum Christuskind, doch heißt es zugleich: „Die Sterne sind Lichter, die Gott am Firmament angebracht hat. Sie sind selbst keine Mächte, die man anbeten soll“ (Jung, 2004) Über dem Kosmos also steht christliche Gott. Im 16. und 17. Jahrhundert erfuhr die Astrologie, teils zusammen mit anderen okkulten Richtungen, mehrere Verbote durch König und Kirche. In dieser Zeit löste sich auch die Astronomie von dem Bund mit der Astrologie ab. Wissenschaftlichkeit bedeutete Rationalität und hatte für eine Verknüpfung von spirituellen Bedeutungen für den Menschen mit den astronomisch untersuchten Planeten keinen Platz mehr.

Die heutige Astrologie ist von Religion und Wissenschaft mehr oder weniger säuberlich abgetrennt und irrt meist als bloßes Hobby in den Gesellschaften dieser Welt herum.

1.4 Wir sind doch Freunde! Der astrologische Anspruch auf Wissenschaftlichkeit

Gemini Gemini

Heute teilt sich die Astrologie mit vielen anderen Bewegungen wie Esoterik, Homöopathie und Verschwörungstheorien die Bezeichnung „Pseudo-Wissenschaft“ und teilweise auch „Parawissenschaft“ (wenn kein Anspruch an Wissenschaftlichkeit erhoben wird). An keiner Universität gelehrt, ist Astrologie heute Hobby, Beruf oder Bestandteil gewisser Sekten. Dennoch handelt es sich um ein Phänomen, das in der gesamten Gesellschaft aufzufinden ist, was daher auch nicht ausschließt, dass Astrologie gerade an der Universität nicht ebenso verbreitet wäre. Dies weist auf das gesellschaftliche Problem der Halbbildung hin, welches später noch behandelt wird.

Trotz aller Bemühungen, wieder als Wissenschaft anerkannt zu werden, ist die Astrologie mit seiner eigenen Unwissenschaftlichkeit konfrontiert. Als man in den 1960er-Jahren das „Wassermannzeitalter“ einläutete – jenes Zeitalter, in dem das gleichnamige Sternzeichen auf den Frühlingspunkt fällt – war man in Wahrheit noch 600 Jahre von diesem entfernt. So lange wird es nämlich noch dauern, bis wir das „Fischezeitalter“ verlassen (Wiechoczek, 1989). Dem Anfang und Ende eines Zeitalters werden einerseits utopische Hochzeiten und andererseits dystopische Tiefzeiten nachgesagt, weshalb der baldige Wechsel Grund zum Feiern war. Aus dieser Euphorie entstand auch die „New-Age“ Szene. Fakten, wie jener, dass kein Neuanfang in Sicht ist, zumindest nicht für die nächsten 600 Jahre, scherten nicht. Hier stellt sich die Astrologie also völlig offensichtlich als Parawissenschaft dar.

Gängig ist das aber nicht; eigentlich will man den Schein der Wissenschaftlichkeit wahren. So wird immer wieder stolz mit wissenschaftlichen Ansätzen gekuschelt, sei es mit der Psychologie, der Geometrie, der Linguistik, der Metaphysik oder natürlich der Astronomie. Es kann vorkommen, dass stichhaltige psychologische Aussagen entlang Freuds Modellen getätigt werden, denen Astrologie lediglich als Zusatz beigemengt wird. Ebenso sind Astrolog*innen wohl die fittesten im Winkelmessen und Kopfrechnen.

Dennoch: So wie schon der Theologie die Ergebnisoffenheit fehlt, so fehlt sie auch den „wissenschaftlichen“ Arbeiten der Astrologie. Es wird nicht von einem Punkt Null mithilfe von wissenschaftlichen Methoden und Beobachtungen hin zur Astrologie gefunden, sondern diese wird allen anderen „wissenschaftlichen“ Untersuchungen vorausgesetzt. Aus diesem Zirkelschluss auszubrechen, ist ungemein schwer; von Null zu ihm hinzufinden wiederum potenziell unmöglich. Entsprechend schwer tut sich die Astrologie mit der Falsifizierbarkeit, welche Grundlage jeder realen Wissenschaft ist. Das Praktizieren von Astrologie ist eine Absage an die Wissenschaft und reduziert auf bloßen Glaube. (Diese vorzeitige Beschränkung auf eine reine Glaubenssache soll in den später folgenden Abschnitten zur Erkenntnistheorie und dem kritischen Rationalismus noch weiter ausgeführt und begründet werden.)

1.5 Von der Zukunft zu sprechen

Aries Aries

Bevor nun die eigentliche Kritik formuliert wird, soll in einem letzten Abschnitt dieses Teils eine psychologische Erklärung für das „Funktionieren“ der Astrologie formuliert werden.

Die, welche, mittelst Streben und Hoffen, nur in der Zukunft leben, […] [die] das wahre Glück bringen soll[…], […] betrügen sich selbst um ihr ganzes Dasein, indem sie stets nur ad interim leben, – bis sie tot sind. (Schopenhauer, 1920, S. 128)

Schopenhauer erteilt der Zukunftsspekulation diese Absage, da: „Statt […] mit den Plänen und Sorgen für die Zukunft ausschließlich und immerdar beschäftigt zu sein, oder aber uns der Sehnsucht nach der Vergangenheit hinzugeben, sollten wir nie vergessen, dass die Gegenwart allein real und allein gewiss ist, hingegen die Zukunft fast immer anders ausfällt, als wir sie denken; ja, auch die Vergangenheit anders war“ (Schopenhauer, 1920, S. 128) Nach Schopenhauer wäre es also töricht, zu viel über die Zukunft zu spekulieren (statt die Gegenwart zu genießen). Dennoch spüren viele Menschen diesen Drang. Und die Astrologie kann genau hier Abhilfe schaffen. Damit sie ihre Popularität und ihren Ruf beibehält, sollte sie dabei allerdings nur in den seltensten Fällen falsch liegen. Aus den empirischen Überprüfungen (siehe oben) wissen wir aber bereits, dass sie im Spezifischen zumindest genauso oft „nicht richtig“ liegt, wie zufällige Bestimmungen.

Um den Schein zu wahren, bedient sich die Astrologie daher zahlreicher Tricks, der bekannteste darunter ist der Barnum Effekt. Er beschreibt die Neigung des Menschen, vage und allgemeingültige Beschreibungen über die eigene Persönlichkeit sowohl als zutreffend, als auch als tendenziell einzig für ihn geltend anzunehmen (Forer, 1949, S.118). Einher mit der persönlichen Validierung geht durch die positive Erfahrung auch die Validierung des Instruments (Astrologie) und des*der Diagnostizierenden (Astrolog*in) (ebd., S.119).

In einer Studie zur Überprüfung dieser Aussagen wurden 39 Testpersonen Fragenkataloge ausgehändigt, die Fragen zu Hobbies, gelesener Literatur, persönlichen Charakteristiken, Jobs und heimlichen Träumen beinhalten (ebd.). Nach einer Woche erhielt jede Testperson eine angeblich individuelle (aber tatsächlich zu allen anderen Testpersonen identische) Persönlichkeitsbeschreibung, welche mit den folgenden Thesen begann:

1. You have a great need for other people to like and admire you.
2. You have a tendency to be critical of yourself.
3. You have a great deal of unused capacity. (Forer, 1949)

Weil diese Beschreibungen im Grunde auf Jede*n zutreffen, votierten 38 der 39 Testpersonen auf einer Skala von 0 (Ablehnung) bis 5 (Zutreffend) zu einem Wert über 4. Zu diesem Ergebnis kamen später viele weitere Studien, die einen ähnlichen Test durchführten. Ein Blick in beliebige Horoskope zeigt die Omnipräsenz des Barnum Effekts.

Neben dem Barnum Effekt gibt es eine Reihe weiterer Möglichkeiten, das Risiko des Falschliegens zu mindern, welche sich im Begriff „Cold Reading“ zusammenfassen. Im Cold Reading wird, ohne Vorwissen über den*die Gesprächspartner*in, dafür mithilfe der Statistik, unter Zuzug des Barnum Effekts und ersichtliche Merkmale wie Alter, Geschlecht, etc., eine möglichst zutreffende Deutung formuliert. Dem steht das Hot Reading gegenüber, bei welchem sich vor dem Gespräch Informationen zum*zur Partner*in geholt werden, wodurch auch spezifischere Deutungen möglich sind.

Zugleich wird durch das Aussprechen einer Deutung auch Einfluss auf die Zukunft der Person genommen. Haben die Deutschen die WM-Spiele gewonnen, weil Krake Paul es so prognostiziert hat? Haben sie deshalb auch gegen Spanien verloren, als es Paul so wollte? Mit solchen Fragen begibt man sich in das Gebiet der selbsterfüllenden Prophezeiungen, welche ein nicht zu vernachlässigendes Moment haben. Auch die Cryptowährungen können im Kurs steigen, weil es so prognostiziert wurde und in Folge der Prognose mehr Menschen darin investieren. Eine Person öffnet in der kommenden Woche vielleicht einmal mehr die Dating-App und hat dadurch tatsächlich Erfolg, bloß weil ein Horoskop nahende Liebe vorhersah. Dreht man die selbsterfüllende Prophezeiung um, nennt man es selbstzerstörende Prophezeiung: Indem man ein zerstörerisches Hochwasser prophezeit, werden Dämme gebaut, die die Zerstörung verhindern.

Dass Astrologie also, wenn sie mal richtig liegt, nicht nur eine rein passive, beobachtende Rolle sondern eine aktive Rolle spielen kann, lässt sich hiermit belegen. Damit bandelt sich die Astrologie eher mit der Psychologie an, als mit der tatsächlichen Wirkkraft irgendwelcher Planeten. Und: Sie verhindert den von ihr propagierten Determinismus, was in der Folge zu der Unmöglichkeit der Astrologie führt, welche wiederum Sextus bereits erkannt hatte.

2 Es steht in den Sternen: Zur Erkenntnis- und Ideologiekritik

Wie der zu Anfang zitierte Schopenhauer schon sagte, ist Astrologie ein guter Beweis für die erbärmliche Subjektivität der Menschen. Diese These wird mit den folgenden Abschnitten weiter untermauert. Zunächst wird mit Feuerbach und Kant ein religionsphilosophischer wie epistemologischer Blick auf die Vorstellung übernatürlicher, der Erfahrung sich entziehender, allmächtiger Wesen geworfen: Gibt es sie? Kann ihre Existenz bewiesen werden?

Es genügt jedoch nicht, Astrologie als reine Vernünftelei zu entlarven und sich dabei in Überlegungen zu verrennen, die an der materiellen Realität nichts verändern, sondern es müssen auch die gesellschaftlichen Umstände in Betracht gezogen werden, deren Symptom die Astrologie darstellt, und so den Weg dorthin zu weisen, wo die eigentlichen Probleme liegen. „Die ihre materielle Produktion und ihren materiellen Verkehr entwickelnden Menschen ändern mit dieser ihrer Wirklichkeit auch ihr Denken und die Produkte ihres Denkens. […] Das Leben bestimmt das Bewusstsein“ (Marx, 1981, S. 27). Daher wird sich mittels Adorno und Gess in einem späteren Abschnitt genau jenen äußeren Umständen gewidmet, die in der jetzigen Zeit für den Zulauf zur Astrologie sorgen.

2.1 Alles nur Anthropologie? Zur Verdopplung der Welt

Capricorn Capricorn

In seinem religionsphilosophischen Werk „Das Wesen des Christentums“ widmet sich Ludwig Feuerbach ganz der „Zerstörung der Theologie“, wie es heutige Blauschopfe ausdrücken würden, aber eher eine Rückführung dieser auf die Anthropologie darstellt. Seine akkuraten Beschreibungen des Christentums sind dabei jedoch nicht auf eine monotheistische Religion begrenzt, sondern lassen sich in ihren Grundzügen auch auf die Astrologie übertragen, was im Folgenden vollbracht werden soll.

Verstand, Wille und Liebe: Das sind nach Feuerbach die zentralen Wesensbestimmungen des Menschen. In der Fähigkeit des einzelnen Menschen, sich selbst im Verhältnis zur eigenen Gattung zu sehen, sieht er den zentralen Unterschied zum Tier. Als Teil einer Gattung sieht sich der Mensch endlich, die Gattung dagegen ist unendlich. Nur ein Wesen, das für sich selbst einziges Wesen ist und keiner Gattung angehört, ist unendlich – sowohl im Raum als auch in der Zeit.

Der Mensch erkennt sich selbst – und er erkennt Gott als ein unendliches, gattungsloses Wesen mit menschlichen Zügen. Diesem wird allerlei hineinprojiziert:

Die Religion ist die Entzweiung des Menschen mit sich selbst: er setzt sich Gott als ein ihm entgegengesetztes Wesen gegenüber. Gott ist nicht, was der Mensch ist – der Mensch nicht, was Gott ist. Gott ist das unendliche, der Mensch das endliche Wesen; Gott ist vollkommen, der Mensch unvollkommen; […] Gott allmächtig, der Mensch ohnmächtig; Gott heilig, der Mensch sündhaft. Gott und Mensch sind Extreme: Gott das schlechthin Positive, der Inbegriff aller Realitäten, der Mensch das schlechtweg Negative, der Inbegriff aller Nichtigkeiten. (Feuerbach, 1969, S. 80)

Diese Projektion ist für den Gottesglauben essentiell. Gott ist nur vollständig Gott, wenn er alle guten Züge des Menschen auf einem göttlichen Niveau besitzt: Gott verkörpert das absolut Gute, die absolute Liebe, den absoluten Willen, den absoluten Verstand. Hätte Gott in einer Eigenschaft einen Makel, wäre er unvollständig, wäre er nicht absolut, wäre er nicht Gott. „Wer an der Wahrheit seines Gottesbildes zweifelt, muss auch an der Existenz Gottes überhaupt zweifeln“ (Stiller, 2016).

Im Spiegel des unendlich guten Gottes erkennt der Mensch sich als begrenzt. Zur Verehrung Gottes macht der Mensch sich klein und gesteht sich ein, dass er, im Gegensatz zu Gott, nur begrenzt gut, liebend, weise etc. ist. Durch Gott erkennt der Mensch, was er selbst nicht ist, aber sein soll, und somit sein kann. Denn ein Sollen ohne Können wäre lächerlich. (Stiller, 2016)

Gott ist in seinem Wesen „das Selbstbewusstsein des Verstandes“ (Feuerbach, 1969). Jedoch: „Der Verstand weiß nichts von den Leiden des Herzens“ (ebd.). Einem Gott aber, dem das Herz, also die Liebe fehlt, fehlt das Göttliche. Und so ist es wesentlich, dass der Gott auch als ein leidender Gott verstanden wird, indem er mithilfe seiner Menschwerdung als Christus die menschlichen Leiden auf sich nimmt („Die Liebe bewährt sich durch Leiden“ (Feuerbach, 1969 S. 115)). Zugleich sieht Feuerbach in der Menschwerdung des Gottes die Bestätigung, dass der Mensch sich Gott als menschenähnlich vorstellt. Er könne auch gar nicht anders. So wie der Vogel sich, wenn er könnte, einen Gott mit Flügeln vorstellt, stellt sich der Mensch seinen Gott als ein Wesen mit mindestens allen Eigenschaften des Menschen vor. Gott hat durch Christus eine reale Existenz, weil auch der Mensch eine hat. Es gilt: „Das Prädikat ist das eigentliche Subjekt der menschlichen Verehrung. Das ist durch die Verbindung mehrerer Prädikate in einem göttlichen Subjekt vergessen worden“ (ebd.). Man hält die Liebe für göttlich und betet deshalb den liebenden Gott an. Es gilt aber: „Eine Qualität ist nicht göttlich, weil Gott sie hat, sondern Gott hat sie, weil sie selbst göttlich ist, weil Gott ohne sie ein mangelhaftes Wesen ist“ (Stiller, 2016). Gleichzeitig sind die menschlichen Prädikate und Eigenschaften nur eine Teilmenge, die Gott besitzt. Darüber hinaus sind in seinem Besitz übersinnliche, übermenschliche, übernatürliche Eigenschaften, die dem Mensch verschlossen bleiben.

Die Parallelen (eine in der Astrologie übrigens bedeutungsschwere Eigenschaft zweier Planeten zueinander („Parallele“, AstroWiki)) zwischen den Beobachtungen Feuerbachs und den Charakteristiken der Astrologie sind relativ evident.

Die extraterrestrischen Planeten und Sternbilder, damals wie heute für den Menschen und seine Technologie kaum zu erreichen, stehen nicht unter dem Einfluss des Menschen. Umgekehrt wird in der Astrologie von ihnen ein alles bestimmender Einfluss auf den Menschen angenommen – ein klassisches Verhältnis von Allmacht und Ohnmacht.

Im Unterschied zum christlichen Gott kommt den Himmelskörpern nicht nur ein geistiges Sein, sondern auch eine reale, physische Existenz zu. Dennoch hat sie noch kein Mensch berührt und sichtbar sind sie auch kaum. In Anbetracht der enormen Entfernung gibt es wohl wenig dem Menschen Fremderes als diese Objekte. Dem physischen Sein wird in der Astrologie daher nur wenig Bedeutung beigemessen – ganz anders dem geistigen Sein. In der Fremdheit liegen zugleich auch übersinnliche Eigenschaften, die dem Menschen für immer unbekannt sein werden.

Zusätzlich werden diesen Objekten menschliche Eigenschaften zugeschrieben: der Mars verkörpert Männlichkeit, die Venus Weiblichkeit, usw. Die Zuschreibungen lassen sich ins Unendliche fortsetzen; allein für Jupiter reimte man sich schon im 17. Jahrhundert so einiges zusammen:

Jupiter: Tagplanet, männlich, mäßig heiß und feucht, das große Glück, Urheber von Mäßigkeit, Gerechtigkeit; gut gestellt: großmütig, vertrauensvoll, macht glorreiche Dinge, ehrenwert, religiös, liberal, respektvoll alten Menschen gegenüber, Liebhaber von fairem Teilen, weise, kraftvoll; schlecht gestellt: heuchlerisch religiös, verschwendet Erbe, dogmatisch, sorglos, abtrünnig, jeder prellt ihn; von grober Aufnahmefähigkeit. (So in der Wikipedia nach William Lilly aufgelistet)

Anders als beim Christentum, projiziert man nicht nur das absolut Gute in die Sterne und Planeten, sondern das gesamte Spektrum menschlicher Eigenschaften. So kommt die Möglichkeit der Sünde durch den freien Willen, welcher vom Teufel lediglich verführt wird, abhanden und es werden auch die schlechten Taten im vordergründigen System inkorporiert: weil die Planeten so und so stehen, geschieht Gutes – weil die Planeten so und so stehen, geschieht Schlechtes. Ohne dem freien Willen macht sich der Mensch, anders als im Christentum, nicht nur klein vor Gott, sondern erklärt sich direkt als Nichts vor den Planeten. Astrolog*innen dementieren zwar, dass es sich um eine derart totale Einschränkung des Willens durch die Planeten handelt und geben viel mehr an, dass die Planetenbahnen eher Teil eines kosmischen Rhythmus seien, welchem auch die Menschen unterworfen seien (Niehenke, 1994), doch dies muss als bloß erweiterte Ausflucht vor dem obigen Einwand verstanden werden, indem auch diese Vorstellung wieder in der Aufhebung des freien Willen mündet.

Durch die beliebige Erweiterbarkeit der planetaren Eigenschaften bietet die Astrologie eine Vollständigkeit, die zugleich aber auch die Tendenz zur Absolutheit besitzt. Der Mars ist männlich, das heißt, er ist kühn, standhaft, streitsüchtig, und liebt den Krieg. Weibliche Eigenschaften kommen ihm eher nicht zu. Allerdings sind die Eigenschaften auch oft abgeschwächt, was den Barnum Effekt bewahrt: statt einem Planeten das totale Glück oder das totale Unglück zuzusprechen, spricht man vom kleinen Glück oder dem kleinen Unglück. Hinter dieser Abschwächung steht aber unweigerlich der Gedanke der Totalität, dem Absoluten – ansonsten ließen sich keine ernstzunehmenden Aussagen ableiten. Ebenso haben die Eigenschaften zeitliche Kontinuität; eine Verschiebung dieser zwischen den Planeten ist nicht vorgesehen. An sich muss die Astrologie auf den gesamten Kosmos bezogen werden. Sie ist weder zeitlich noch räumlich beschränkt; sie gilt überall. Keine Materie ist frei vom Animismus.

Zwar an sich für sich selbst stehend, können sich die Eigenschaften von den jeweiligen Planeten, wenn sie in ihren Bahnen spezielle Winkel zueinander einnehmen, gegenseitig beeinflussen, ergänzen, bekriegen, auslöschen. Hier ergibt sich umso mehr Spielraum für die Imagination, die nun ganz andere / neue menschliche Eigenschaften ablesen kann. Ein Beispiel: Für die Anzahl an Kombinationsmöglichkeiten im Horoskop wird die Summe 1.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000 genannt (Niehenke, 1994).

Es ist festzuhalten, dass, wie im Christentum, der Mensch also auch in der Astrologie sich selbst auf etwas Fremdes projiziert, was zugleich menschlich aber doch nicht Mensch ist. Er blickt auf dieses Fremde mit Ehrfurcht und Ohnmacht, macht sich vor jenem klein. Jenes ist vollständig, er unvollständig; jenes unendlich, da kein Gattungswesen, er endlich, da lediglich Teil einer Gattung. In Anbetracht der weiten Entfernung liegt alle Bedeutung im Geistigen; die Existenz der Planeten ist geistig. Dies wird von Astrolog*innen aber auch keineswegs geleugnet. Von den Menschen beeinflussenden physischen Planetenstrahlungen geht wohl nur die Minderheit aus (Jung, 2004).

Der Mensch erklärt folglich seine totale Ohnmacht vor einem Wesen, das nur ein geistiges Sein genießt. Dies kann nur funktionieren, wenn der Mensch dem Wesen ein „Für sich selbst“ zuschreibt:

Der Katholizismus hat sowohl in der Theorie als in der Praxis einen Gott, der ungeachtet des Prädikats der Liebe, der Menschheit noch ein Wesen für sich selbst ist, zu welchem der Mensch daher nur dadurch kommt, daß er gegen sich selbst ist, sich selbst verneint, sein Für-sich-Sein aufgibt. (Feuerbach, 1969, S. 523)

Es tut daher höchste Not, die Machtverhältnisse gerade zu rücken, bevor sich der Mensch eines höheren opfert. Die Schwäche der übernatürlichen Wesen ist ihre (Nicht-)Existenz und Nichteigenständigkeit. Diese gilt es auszunutzen.

Ein Gott allein für sich ist kein Gott – das heißt eben nichts andres als: ein Gott ohne den Menschen ist nicht Gott; wo kein Mensch, ist auch kein Gott; nimmst du Gott das Prädikat der Menschlichkeit, so nimmst du ihm auch das Prädikat der Gottheit; fällt die Beziehung auf den Menschen weg, so fällt auch sein Wesen weg. (Feuerbach, 1969, S. 526)

Die Emanzipation des Menschen von seinen eigenen geistigen Fesseln ist daher denkbar einfach:

Er (Gott) ist für mich gar nicht, wenn ich nicht für ihn bin; wenn ich keinen Gott glaube und denke, so ist kein Gott für mich. Er ist also nur, indem er gedacht, geglaubt wird. (Feuerbach, 1969, S.305)

Der Mensch muss erkennen, dass es sich, wie bei der Theologie, auch bei der Astrologie um reine Anthropologie handelt und jene höheren Wesen nur Verdinglichung dessen sind, was der Mensch als Gefühl kennt. Das Gefühl als „innigste und doch zugleich [vom Mensch][…] unterschiedene, unabhängige Macht“ (Feuerbach, 1969, S.527), dem Mensch das eigenste Wesen, das ihn dennoch wie ein anderes Wesen ergreift. „Wie willst du also von diesem Wesen in dir noch ein anderes gegenständliches Wesen unterscheiden?“ (ebd.)

Offen bleibt hier die Frage, warum es die Menschen zu dieser Verdinglichung hintreibt. Marx wirft Feuerbach vor, dass seine Arbeit nur darin bestehe, dass er „die religiöse Welt in ihre weltliche Grundlage aufzulösen“ (Marx, 1981, S. 6) versucht, die Gründe hierzu aber nicht sucht. Diese sind nach Marx nur dadurch zu erklären, dass eine „Selbstzerissenheit und Sichselbstwidersprechen d[…]er weltlichen Grundlage“ (ebd.) vorliegt, die den Anstoß zur „Verdopplung der Welt“ (ebd.) gibt; „daß die weltliche Grundlage sich von sich selbst abhebt und sich ein selbstständiges Reich in den Wolken fixiert“ (ebd.). Der dem zugrundeliegende Widerspruch muss einerseits verstanden werden und andererseits aufgelöst werden.

Diese von Marx geforderte Ursachenforschung wird zunächst ausgeklammert. Stattdessen wird festgehalten: Da selbst geistig, ist auch die Emanzipation von der Astrologie, sofern es nur um das Symptom und nicht das darunterliegende Problem geht, rein geistig und dadurch ohne physischer Hürden. Die Astrologie ist nur so viel, wie man in sie hineinprojiziert, wie man sich für sie im Gegenzug klein macht. Diese Idee ist mit Feuerbach nicht neu, eher ist sie an Kants Widerlegungen zu den Gottesbeweisen angelehnt, welche im Folgenden vertieft werden sollen.

2.2 Alle mögen Epistemologie – Von der Unmöglichkeit, zu wissen

The Astral Sleep – von Jeroen van Valkenburg The Astral Sleep – von Jeroen van Valkenburg

Die Existenz göttlicher Wesen als rein geistige, transzendentale Wesen kann weder bewiesen, noch widerlegt werden. Entsprechend berufen auch Astrolog*innen sich gerne auf die Erkenntnistheorie, um mithilfe dessen Grenzen für ihre eigenen Interessen zu argumentieren. Doch damit begehen sie einen zentralen Fehler, den Kant selbst säuberlich ausgeräumt hatte: den Verfall in reine „Vernünftelei“. Kant bringt die Grenzen des spekulativen Verstands hervor, nach welchen lediglich eine Nichtexistenz des Göttlichen als logisch nicht widersprüchlich sowie eine Existenz des Göttlichen als logisch nicht notwendig zu erkennen ist.

Vorerst ein kleiner Auszug von Wittgensteins Überlegungen „Über Gewissheit“, der in wenigen Fragen unsere jämmerlichen Grenzen des Wissens auf den Punkt bringt:

185. Es käme mir lächerlich vor, die Existenz Napoleons bezweifeln zu wollen; aber wenn Einer die Existenz der Erde vor 150 Jahren bezweifelte, wäre ich vielleicht eher bereit aufzuhorchen, denn nun bezweifelt er unser ganzes System der Evidenz. Es kommt mir nicht vor, als sei dies System sicherer als eine Sicherheit in ihm.
186. »Ich könnte annehmen, daß Napoleon nie existiert hat und eine Fabel ist, aber nicht, daß die Erde vor 150 Jahren nicht existiert hat.«
187. »Weißt du, daß die Erde damals existiert hat?« – »Freilich weiß ich‘s. Ich habe es von jemandem, der sich genau auskennt.« (Wittgenstein, 1970, S. 18)

Wieder zurück zu Kant. In seinem systematischen Werk „Kritik der reinen Vernunft“ geht Kant noch im ersten Teil, der transzendentalen Elementarlehre, auf die Unmöglichkeit von Beweisen für die Existenz Gottes ein. Diesen werden einige Ausführungen vorangestellt, auf welchen diese Unmöglichkeiten fußen. Zum einen ist dort die Dualität von Raum und Zeit, die Charakterisierung von Vernunft, Erfahrung, etc. sowie eine Eingrenzung des durch den Verstand Erfahrbaren. So kann man Dinge außer sich niemals so, wie sie an sich sind, wahrnehmen, sondern sie nur so erfahren, wie es die eigenen Sinne und Verstandeskategorien einem anbieten. Man macht sich anhand von Sinneswahrnehmungen, dem Erkennen und Denken ein Bild, eine Anschauung, von Raum und Zeit, welche dadurch sich allerdings noch nicht mit der Wahrheit der Dinge überschneiden muss.

Der Vernunft sind also Grenzen gesetzt, sodass sie z.B. Fragen nach Gott, Freiheit und Unsterblichkeit mit ihren Mitteln nicht beantworten kann. Denn jene Begriffe sind transzendentale Ideen, also nicht empirisch, sodass jeder versuchte Erkenntnisgewinn über sie im transzendentalen Schein verbleibt und zugleich auch ihre Nichtexistenz nicht bewiesen werden kann.

Nach Kant „sind nur drei Beweisarten vom Dasein eines Gottes aus spekulativer Vernunft möglich“ (Kant, 1979, S. 591). Diese sind der ontologische, der kosmologische und der physikotheologische Beweis:

  1. Ontologisch: Gott ist ein maximal vollkommenes Wesen. Vollkommenheit impliziert Existenz. Gott existiert.
  2. Kosmologisch: Das Universum existiert. Satz vom zureichenden Grund (Jedes Sein kann auf ein anderes zurückgeführt werden). Gott existiert.
  3. Physikotheologisch: Das Universum weist eine Ordnung auf. Ordnung bedarf eines Konstrukteurs. Gott existiert.

Kant erkennt mit seinen Überlegungen zum ontologischen Beweis, dass mit dem Prädikat des Seins, also ein Ding ist, diesem Ding keine neue Eigenschaft hinzukommt. Die Annahme eines göttlichen Wesens setzt seine eigene (geistige) Existenz also schon voraus. Dem Zirkelschluss, dass ein allmächtiges Wesen eine Existenz besitze, wird entgegengehalten: Es existiert einzig real, was auch real erfahrbar ist. Die Verneinung der realen Existenz Gottes ist kein Widerspruch, da er keine reale, erfahrbare Existenz besitzt und in seinem gesamten Wesen aufgehoben werden kann:

Wenn ich das Prädikat in einem identischen Urteile aufhebe und behalte das Subjekt, so entspringt ein Widerspruch, und daher sage ich: jenes kommt diesem notwendigerweise zu. Hebe ich aber das Subjekt zusamt dem Prädikate auf, so entspringt kein Widerspruch; denn es ist nichts mehr, welchem widersprochen werden könnte. Einen Triangel setzen und doch die drei Winkel desselben aufheben, ist widersprechend; aber den Triangel samt seinen drei Winkeln aufheben, ist kein Widerspruch. Gerade ebenso ist es mit dem Begriffe eines absolut notwendigen Wesens bewandt. Wenn ihr das Dasein desselben aufhebt, so hebt ihr das Ding selbst mit allen seinen Prädikaten auf; wo soll alsdann der Widerspruch herkommen? Äußerlich ist nichts, dem widersprochen würde, denn das Ding soll nicht äußerlich notwendig sein; innerlich auch nichts, denn ihr habt, durch Aufhebung des Dinges selbst, alles Innere zugleich aufgehoben. Gott ist allmächtig; das ist ein notwendiges Urteil. Die Allmacht kann nicht aufgehoben werden, wenn ihr eine Gottheit, d.i. ein unendlich Wesen, setzt, mit dessen Begriff jener identisch ist. Wenn ihr aber sagt: Gott ist nicht, so ist weder die Allmacht, noch irgendein anderes seiner Prädikate gegeben; denn sie sind alle zusamt dem Subjekte aufgehoben, und es zeigt sich in diesem Gedanken nicht der mindeste Widerspruch. (Kant, 1979, S. 594 f.)

Für die Annahme einer realen Existenz folgt daraus:

Es ist also an dem so berühmten ontologischen […] Beweise vom Dasein eines höchsten Wesens aus Begriffen alle Mühe und Arbeit verloren, und ein Mensch möchte wohl ebensowenig aus bloßen Ideen an Einsichten reicher werden, als ein Kaufmann an Vermögen, wenn er, um seinen Zustand zu verbessern, seinem Kassenbestande einige Nullen anhängen wollte. (Kant, 1979, S. 603)

Wie bereits angemerkt, folgt aus dem nicht vorhandenen logischen Widerspruch der Annahme, dass Gott nicht existiere, dass der Existenz Gottes die logische Notwendigkeit geraubt ist. Dadurch ist der Beweis dieser Notwendigkeit nicht möglich.

Von der „höchsten Realität“ auf die Notwendigkeit der Existenz zu schließen, wie im ontologischen Beweis getan, wird im kosmologischen Beweis ins Gegenteil verkehrt, indem dieser von der „unbedingten Notwendigkeit irgendeines Wesens auf dessen unbegrenzte Realität“ (Kant, 1979, S. 604) schließt. Genau diese Umkehrung aber, vermag Kant auf das Schema des bereits als unmöglich erkannten ontologischen Beweises zurückzuführen:

Wenn der Satz richtig ist: ein jedes schlechthin notwendiges Wesen ist zugleich das allerrealste Wesen (als welches der nervus probandi des kosmologischen Beweises ist), so muß er sich, wie alle bejahenden Urteile, wenigstens per accidens umkehren lassen; also: einige allerrealste Wesen sind zugleich schlechthin notwendige Wesen. Nun ist aber ein ens realissimum von einem anderen in keinem Stücke unterschieden, und, was also von einigen unter diesem Begriffe enthaltenen gilt, das gilt auch von allen. Mithin werde ich['s] (in diesem Falle) auch schlechthin umkehren können, d.i. ein jedes allerrealeste Wesen ist ein notwendiges Wesen. Weil nun dieser Satz bloß aus seinen Begriffen a priori bestimmt ist: so muß der bloße Begriff des realsten Wesens auch die absolute Notwendigkeit desselben bei sich führen; welches ebender ontologische Beweis behauptete und der kosmologische nicht anerkennen wollte, gleichwohl aber seinen Schlüssen, obzwar versteckterweise, unterlegte. (Kant, 1979, S. 608 f.)

Als ontologischer Beweis mit Umwegen entlarvt, erübrigt sich der Bedarf einer weiteren Widerlegung des kosmologischen Beweises.

Der übrigbleibende physikotheologische Beweis ist der dem Menschen älteste, naheliegendste und verständlichste. Er ergibt sich in Ansehung der Natur, der Welt, die so viel größer als der Mensch selbst ist und zugleich doch einen (vermeintlichen) Ursprung habe:

Allerwärts sehen wir eine Kette der Wirkungen und Ursachen, von Zwecken und den Mitteln, Regelmäßigkeit im Entstehen oder Vergehen, und, indem nichts von selbst in den Zustand getreten ist, darin es sich befindet, so weist es immer weiter hin nach einem anderen Dinge, als seiner Ursache, welche gerade eben dieselbe weitere Nachfrage notwendig macht, so, daß auf solche Weise das ganze All im Abgrunde des Nichts versinken müßte, nähme man nicht etwas an, das außerhalb diesem unendlichen Zufälligen, für sich selbst ursprünglich und unabhängig bestehend, dasselbe hielte, und als die Ursache seines Ursprungs ihm zugleich seine Fortdauer sicherte. (Kant, 1979, S. 623)

Ohne hier mit der natürlichen Vernunft über ihren Schluß zu schikanieren, da sie aus der Analogie einiger Naturprodukte mit demjenigen, was menschliche Kunst hervorbringt, wenn sie der Natur Gewalt tut, und sie nötigt, nicht nach ihren Zwecken zu verfahren, sondern sich in die unsrigen zu schmiegen, (der Ähnlichkeit derselben mit Häusern, Schiffen, Uhren) schließt, es werde eben eine solche Kausalität, nämlich Verstand und Wille, bei ihr zum Grunde liegen, wenn sie die innere Möglichkeit der freiwirkenden Natur (die alle Kunst und vielleicht selbst sogar die Vernunft zuerst möglich macht), noch von einer anderen, obgleich übermenschlichen Kunst ableitet, welche Schlußart vielleicht die schärfste transzendentale Kritik nicht aushalten dürfte, muß man doch gestehen, daß, wenn wir einmal eine Ursache nennen sollen, wir hier nicht sicherer, als nach der Analogie mit dergleichen zweckmäßigen Erzeugungen, die die einzigen sind, wovon uns die Ursachen und Wirkungsart völlig bekannt sind, verfahren können. Die Vernunft würde es bei sich selbst nicht verantworten können, wenn sie von der Kausalität, die sie kennt, zu dunkeln und unerweislichen Erklärungsgründen, die sie nicht kennt, übergehen wollte. (Kant, 1979, S. 626)

Es ist mit diesem Ansatz möglich, auf einen notwendigen Ursprung der empirisch beobachteten Welt zu schließen, der sich dem Verstand entzieht und durch einen „Weltbaumeister“ erklärt werden kann. Möglich ist aber nicht, dass dadurch ein „Weltschöpfer“ abgeleitet wird, „dessen Idee alles unterworfen ist“ (Kant, 1979, S. 627), sowohl im Ursprung als auch in der heute beobachteten Welt. In dem „Sprung“ vom Baumeister zum auch heute allmächtigen Schöpfer sieht Kant den Fehler des physikotheologischen Beweises, indem er sich für das Meistern des Sprunges ebenfalls des ontologischen Beweises bedient:

Nachdem man bis zur Bewunderung der Größe der Weisheit, der Macht usw. des Welturhebers gelangt ist und nicht weiterkommen kann, so verläßt man auf einmal dieses durch empirische Beweisgründe geführte Argument und geht zu der gleich anfangs aus der Ordnung und Zweckmäßigkeit der Welt geschlossenen Zufälligkeit derselben. Von dieser Zufälligkeit allein geht man nun, lediglich durch transzendentale Begriffe, zum Dasein eines schlechthin Notwendigen und von dem Begriffe der absoluten Notwendigkeit der ersten Ursache auf den durchgängig bestimmten oder bestimmenden Begriff desselben, nämlich einer allbefassenden Realität. Also blieb der physisch-theologische Beweis in seiner Unternehmung stecken, sprang in dieser Verlegenheit plötzlich zu dem kosmologischen Beweise über, und da dieser nur ein versteckter ontologischer Beweis ist, so vollführte er seine Absicht wirklich bloß durch reine Vernunft, ob er gleich anfänglich alle Verwandtschaft mit dieser abgeleugnet und alles auf einleuchtende Beweise aus Erfahrung ausgesetzt hatte. (Kant, 1979, S. 629)

Wie schon von Feuerbach angedeutet, sind göttliche, transzendentale Wesen nie mehr, als ihnen vom Menschen zugesprochen wird. Ihre tatsächliche Existenz zu beweisen, ist genauso unmöglich, wie der Beweis ihrer Nichtexistenz. Der realen Erfahrung sich entziehend, ist es also nicht möglich, die übernatürliche Männlichkeit des Mars oder die Rolle des Mondes zur „Aufrechterhaltung der Lebensprozesse“ (Niehenke, 1994) zu beweisen, da die Existenz der Wesen an sich aufgehoben werden kann. Damit erübrigt sich jeder wissenschaftliche Versuch einer Stützung astrologischer Fundamente oder reduziert sich zwangsweise auf reine Vernünftelei. Was bleibt, ist der vom Wissen befreite Glaube an die Astrologie, sowie seine praktische Nutzung – da eben auch nicht widerlegt – als regulative Idee für den Verstand und das Leben des Menschen. Diesem Glauben, verwendet als regulative Idee, kann, mit Hinweis auf die oben genannten Beobachtungen zur empirischen Genauigkeit, immerhin angemerkt werden, dass er kein besonders guter Ratgeber ist.

2.3 Kritischer Rationalismus: Wie Pseudowissenschaft und Wissenschaft vermischt wurden und wie beides wieder voneinander zu trennen ist

Libra Libra

Nicht nur die Schwäche des Erkenntnisvermögens, wie oben gezeigt, sondern auch die vorgebliche Schwäche der Wissenschaft an sich wird von Astrolog*innen gerne gesehen. Darum soll mit diesem Abschnitt ein letztes Mal auf die Wissenschaftlichkeit der Astrologie eingegangen werden, bevor in den restlichen Abschnitten dieses Teils Astrologie ideologiekritisch betrachtet wird.

Die Person, um die es sich beim kritischen Rationalismus vorwiegend dreht, ist Karl Popper. Zu einer Beschreibung seiner Person soll sein enger Kollege W. W. Bartley mit einer thematisch passenden Metapher das Wort haben:

If he is on the right track, then the majority of professional philosophers the world over have wasted or are wasting their intellectual careers. The gulf between Popper's way of doing philosophy and that of the bulk of contemporary professional philosophers is as great as that between astronomy and astrology. I believe that Karl Popper is on the right track. (Bartley, 1974)

Zwar selbst kein Revolutionär (siehe seine Kritik an Hegel und Marx), war sein Entwurf des kritischen Rationalismus im Rahmen der Wissenschaft umso revolutionärer und sorgte für viel (negative) Kritik, was anhand der bloßen Beschreibung dieses Entwurfs leicht nachvollziehbar wird: Der kritische Rationalismus stellt die Annahme dar, dass jede angenommene Wahrheit nur relativ und jede Erkenntnis Irrglaube sein kann. So fußen naturwissenschaftliche Theorien entweder auf nicht beweisbaren Grundvoraussetzungen (beispielsweise mathematischen Axiomen) oder sind selbst nicht beweisbar. Im Bewusstsein über diese Probleme soll Wissenschaft kritisch zu sich selbst und rational in der Beweisführung und Fehlerausbesserung verfahren.

Was eine offensichtliche Schwäche ist, soll gleichzeitig Stärke der Wissenschaft und grundlegendes Merkmal sein: Wissenschaftlichkeit ist nur dann gewahrt, wenn eine Falsifizierbarkeit der Theorien möglich ist. Die Eigenschaft der Wissenschaftlichkeit soll sich einer Theorie entsprechend in dem Moment entziehen, in dem sie die Möglichkeit der Falsifizierung nicht mehr aufweist.

Bereits durch Kant ist klar, dass bei der Astrologie keine Falsifizierbarkeit vorliegt, wenn Astrologie selber eine Voraussetzung zum Beweis von sich selbst ist, also der Zirkelschluss des ontologischen Beweises beschritten wird. Nimmt man astrologische Ansichten als gegeben an, um Astrologie an sich zu beweisen, verlässt man also auch aus Sicht des kritischen Rationalismus den Rahmen der Wissenschaftlichkeit (wie bereits im obigen einleitenden Abschnitt zum Unterschied von Pseudo- und Wissenschaft angedeutet). Gleichwohl fehlt die Falsifizierbarkeit bei gleichzeitigem Zuzug von Grundannahmen aber auch in der Wissenschaft. So müssen beispielsweise mathematische Axiome als Gegeben angenommen werden, um mit ihnen ein Theoriegebilde zu ermöglichen, welches wiederum der Falsifizierbarkeit, ausgehend von den Axiomen unterworfen ist. Axiome selbst können nicht bewiesen und nur anhand von Beobachtungen in der realen Welt in einen Einklang mit dieser gebracht werden. Wo also liegt der Unterschied zur Astrologie?

Zum einen ließe sich hier ein Streit mit der Astrologie entfachen, indem man nicht nur der Grundannahme eine Nichtfalsifizierbarkeit attestiert, sondern auch den davon abgeleiteten Methoden Selbiges vorwirft. Denn diese stehen auf derartig wackeligen Beinen, dass sich mit wenig Imagination neue Astrologie-Methoden entwickeln lassen, denen man mit astrologischen Mitteln ebensowenig eine Falschheit nachweisen kann, wie den bereits existierenden. Es ist nur folgerichtig, dass jede Methode auch seine Anhänger*innen gefunden hat. In der Wissenschaft hingegen werden neue Methoden nicht nur einmal peer-reviewed, sondern sind einer ständigen kritischen Überprüfung unterworfen. Auch jene Theorien, die sich für Jahrhunderte bewährten, können mit einer einzigen Widerlegung über den Haufen geworfen werden. Dieser Vorwurf behandelt allerdings nur die Symptome des eigentlichen Problems.

Denn zum anderen (und einzig hierum sollte es gehen, um eine Wissenschaftlichkeit der Astrologie für immer auszuschließen) muss der wesentliche Unterschied in der Erfahrbarkeit gesucht werden. Astrologie steht, wie jede Vorstellung von übernatürlichen Wesen oder dem Urgrund von Allem, über der Erfahrbarkeit, ist also transzendental und höchstens als regulative Idee zu gebrauchen. Der Versuch, dieses Subjektive objektiv zu behandeln und zu erforschen, aus der reinen Vernunft zusätzliche Erkenntnis zu gewinnen, statt es bei der Analytik zu belassen, ist Ausdruck des transzendentalen Scheins und daher zu verwerfen. Genau hierin liegt der Unterschied zu all jenen Wissenschaften, die man als solche bezeichnen kann. Denn diese messen sich an der erfahrbaren Welt, setzen ihre Axiome nach dieser. Im Unterschied zum Transzendentalen ermöglichen sie und bestehen sie zum großen Teil aus synthetischen Urteilen, wie sie der reine Verstand nicht hervorzubringen vermag. Dies ist der Unterschied, die nicht überquerbare Klippe zwischen Wissenschaft und Astrologie.

2.4 Thesen gegen die Astrologie

Sagittarius Sagittarius

Okkultismus ist die Metaphysik der dummen Kerle. (Adorno, 2018, S. 276)

Einer Kritik an der Astrologie würde etwas fehlen, wenn nicht auch die Gründe behandelt würden, die diese okkulte Vernünftelei so ansprechend für die Menschen machen. Daher wird sich nun von den erkenntnistheoretischen Überlegungen von Kant und Popper weg und hin zu soziologischen Erklärungen bewegt. Für die Frage nach dem, was Astrologie so ansprechend macht, muss zuerst eine soziologische Charakterisierung dieser erfolgen. Es trifft sich daher gut, dass Theodor W. Adorno in der Minima Moralia genau hierfür einen dedizierten Abschnitt, bestehend aus mehreren getrennten Thesen („Thesen gegen den Okkultismus“ (Adorno, 2018, S. 273 ff.)), verfasst hat. Heinz Gess hat diesem Abschnitt ein Vorwort gewidmet („Okkultismus und Esoterik als alternativer Selbstmord“), welches manche der Thesen rezipiert und hier gekürzt wiedergegeben werden soll.

Gess betont das Merkmal der „Show“, wie sie im Okkultismus, aber auch im Faschismus aufzufinden sei: „Sowenig wie die Menschen im Innersten wirklich glauben, dass die Juden der Teufel sind, glauben sie ganz an den Führer. Sie identifizieren sich nicht mit ihm, sondern agieren diese Identifizierung, schauspielern ihre eigene Begeisterung und nehmen so an der ›Show‹ ihres Führers teil“ (Adorno, zit. nach Gess, 2007). Die okkultischen Führer*innen wissen dies insgeheim. Sie „wissen aber auch, wie sehr ihre Anhänger die Teilnahme an der Show, die fiktive Inszenierung des ‚wahren Selbst‘ durch den ‚Meister‘ und ‚Heiland‘ zur Kompensation ihrer objektiven Nichtigkeit brauchen, wie sehr sie danach gieren, dass ihnen ‚der Heiland‘ das ‚wahre Leben mitten im Falschen‘ (Adorno) hier und jetzt verspricht“ (Gess, 2007). Zentral ist also auch das „Meister-Jüngling-Verhältnis“ (ebd.), auf welche sich Kund*innen einlassen müssen. In einer Gleichzeitigkeit müssen sie es sowohl akzeptieren als auch im Unbewussten behalten; sich es nicht bewusst machen, um das Okkulte als realen Schein aufzufassen. Der Meister ist jemand, „der den immanenten Geist der Natur oder seines Selbst vernimmt und zu Sprache bringt“ (Gess, 2007). Er gibt vor, dass das Göttliche dem gesamten Kosmos immanent ist – sowohl in den Sternen als auch im Innern des Menschen – und damit für den Menschen erfahrbar und mit ihm vereinbar ist.

Side Fact: Kritiker*innen der Astrologie wird meist zuerst vorgehalten, dass sie nicht die „wirkliche“ Astrologie kritisieren würden. Auch Adorno hat der Vorwurf getroffen. Nach der Wiki-Seite AstroWiki heißt es: „Auch der Soziologie-Professor Adorno differenzierte nicht zwischen Vulgär- und seriöser Astrologie“ („Astrologiegegner“, AstroWiki).

Da seit der Aufklärung dem Menschen aber auch Wissenschaftlichkeit für Viele ein Bedürfnis ist, kann sich der Okkultismus dieser nicht verwehren und nimmt sie daher in sich auf. Ein purer Glaube ohne Anspruch an Wissenschaftlichkeit würde heute niemanden mehr bewegen und so gibt man sich nicht nur als Priester, sondern auch als „Erfahrungswissenschaftler“ (Gess, 2007) aus. Zum Zweck der höchsten Glaubwürdigkeit glaubt der Meister seine Methoden im besten Falle selbst. Mit „möglichst viel professionelle[m] Halbwissen, das den Schein des wissenschaftlichen Anspruchs für den weniger halb Gebildeten schwer durchdringbar macht“ (ebd.), propagiert er seine Theorien. Adorno sieht in der Wissenschaftlichkeit einen Widerspruch: einerseits sollen die untersuchten Objekte übernatürlich sein, also Erfahrung übersteigen, andererseits sollen sie mit wissenschaftlichen Mitteln erfahrbar gemacht werden: „Es soll streng wissenschaftlich zugehen; je größer der Humbug, desto sorgfältiger die Versuchsanordnung. Die Wichtigtuerei wissenschaftlicher Kontrolle wird ad absurdum geführt, wo es nichts zu kontrollieren gibt. Die gleiche rationalistische und empiristische Apparatur, die den Geistern den Garaus gemacht hat, wird angedreht, um sie denen wieder aufzudrängen, die der eigenen ratio nicht mehr trauen. Als ob nicht jeder Elementargeist Reißaus nehmen müßte vor den Fallen der Naturbeherrschung, die seinem flüchtigen Wesen gestellt werden“ (Adorno, 2018, S. 278). Dieser Humbug aber ist ein offenes Geheimnis, das dem Okkultismus keinen Abbruch tut. Tatsächlich kann die Show als solche benannt werden, denn wie schon im Faschismus ahnt die Gefolgschaft genau jenes, weshalb sie „darum nur um so unnachgiebiger und unansprechbarer auf dem Weitergehen der Show bestehen wird, […] wenn ihr der Showcharakter der Show ‚enthüllt‘ worden ist“ (Gess, 2007). Denn die Show „von dem vollkommenen, total integrierten Selbst ist für seine Gefolgschaft unabdingbares Überlebensmittel, um es in dem komplett falsch gewordenen Ganzen aushalten zu können“ (ebd.).

Das Falsche ist im Ganzen und überall. Eine Ausflucht in die wilde Natur ist nicht mehr möglich, da nichts von ihr übrig geblieben ist. Parallel dazu ist auch der okkulte Kosmos im Ganzen und überall. Daher möchte er unter anderem von den alten Religionen, die annehmen, dass noch etwas anderes als das Hier existiere, nichts mehr wissen. Das Okkulte bietet keine neue Religion, sondern eine „Ersatzrealität“: „Okkultismus und Esoterik sind Formen des ‚ehrenwerten‘ Eskapismus für Halbgebildete mit Abitur, der Versuch, sich inmitten der kapitalistischen Gesellschaft, deren Rationalität irrational geworden ist und die einer neuen Barbarei zutreibt, als scheinbar rettende Daueralternative zu ihr einzurichten“ (ebd.). Das Fazit dieser Beobachtung ist für Gess jenes, dass Okkultismus ein „Mittel der konformistischen Bewältigung der Krise der kapitalistischen Gesellschaft“ (ebd.) ist. Inmitten des Falschen ermöglicht Okkultismus noch Genuss und Lebensfreude. Das individuelle Selbst, die Vernunft und der Anspruch auf menschliche Selbstbestimmung wird fromm geopfert im übermächtigen, krisenreichen Ganzen. „Die Konjunktur von Okkultismus und Esoterik sind Symptom einer nahenden gesellschaftlichen Krise und drohenden neuen Barbarei, der die kapitalistische Weltgesellschaft zutreibt“ (ebd.).

Adorno kann diese Beschreibung um Beobachtungen zum Menschen im Spätkapitalismus erweitern. In These II zieht er einen Vergleich zwischen der ersten und zweiten Mythologie, also der Ursprünglichen, die vor der Entfremdung von der Natur sich abspielte und der Heutigen, die genau diese Entfremdung zum Zwecke des Animismus verleugnen muss (gleichzeitig von dieser aber lebt) und damit „unwahrer als die erste“ (Adorno, 2018, S. 273) ist. Wie schon Genuss in seiner Form von den gesellschaftlichen Umständen berührt wird, von „Betriebsamkeit, dem Planen, seinen Willen Haben, Unterjochen nicht getrennt werden kann“ (ebd., S. 179) und in einer Utopie, wie sie Adorno in Sur l`eau beschreibt, völlig neu gedacht werden müsste, so ist auch das heutige magische Denken an den Spätkapitalismus und Technizismus assimiliert und in seine Formen gepresst: „Die Zahlenmystik bereitet auf die Verwaltungsstatistiken und Kartellpreise vor“ (ebd., S. 274). Der Bürger eifert lediglich das nach, was er sich davon vorstellt, wie es im Großen geschieht: „Jene kleinen Weisen, die vor der Kristallkugel ihre Klienten terrorisieren, sind Spielzeugmodelle der großen, die das Schicksal der Menschheit in Händen halten“ (ebd., S. 274).

Wie schon von Gess angedeutet, hilft diese sinnlose Beschäftigung bei der Ablenkung von der Sinnlosigkeit des großen Ganzen. Statt ernstzunehmende übernatürliche Erfahrungen zu ermöglichen, gibt man sich mit rein menschlichen, wie den „Grüße[n von] der verstorbenen Großmutter“ (ebd., S. 276), zufrieden. Nur: „Im stumpf natürlichen Inhalt der übernatürlichen Botschaft verrät sich ihre Unwahrheit“ (ebd., S. 276). Man „liefer[t] dem Schwachsinn die Weltanschauung“ (ebd., S. 277), erteilt dem Sinnlosen einen spirituellen Sinn und verschreibt sich so einem Konformismus im Falschen.

2.5 Die historische Konsequenz der Halbbildung

Scorpio Scorpio

Der Geist von Halbbildung [ist] auf den Konformismus vereidigt. (Adorno, 1971, S. 314)

Man kann mit den oben behandelten Thesen erklären, warum sich der Mensch in dieser Gesellschaft zum Okkulten hinbewegt. Doch dieses Verhalten ist nicht nur Reaktion auf kapitalistische Umstände, sondern ebenso Resultat eines breiteren gesellschaftlichen Problems: dem der Halbbildung.

Die Astrologie verschreibt sich selbst einem praktischen Zweck. Sie soll Menschen helfen, das Leben zu meistern, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Hier befindet sich eine dramatische Parallele zum heutigen Zustand der „Bildung“, die selbst beim höchsten schulischen Bildungsweg lediglich streng natur- und ingenieurwissenschaftliches Wissen vermittelt und sich vom kulturellen Doppelcharakter der Bildung – als Geisteskultur sowie Kultur der realen Lebensgestaltung – verabschiedet hat, indem sie ersteres opferte und Kulturgüter verdinglicht und fetischisiert. Bildung als reines Werkzeug verstehend, zum Vorteil des eigenen sozioökonomischen Status, hat man der Astrologie nicht mehr viel entgegenzusetzen, da sie ganz genauso eine Verbesserung dieses Status propagiert.

Halbbildung zeigt sich öffentlich oftmals im stumpfesten Gewand des Allgemein- und Bescheidwissens. In Quiz-Shows werden enorme Preisgelder vergeben, wenn eine Reihe an Fragen, von denen Zuschauende denken, dass sie mindestens die Hälfte ebensogut beantworten könnten wie der jeweilige Gast, und die meist nur starre Fakten behandeln, statt zu lebendiger Grübelei zu verleiten, richtig beantwortet wird. So wie die Gesellschaft, so ist auch ihre Technologie davon durchsetzt: Das Internet bietet eine unendliche Fülle an Informationen und Fakten. Nicht wenige haben den Traum, sich dieses in Bits codierte „Wissen“ ins eigene Hirn zu laden und den ganzen, sofortigen Zugang dazu zu bekommen. Doch mit Bildung hat so ein Vorgang nichts zu tun, die Fähigkeit zur Assoziation, zur Differenziertheit („Bildung und Differenziertheit sind eigentlich dasselbe“ (Adorno, 1971, S. 307)), wird nicht mitgeliefert. Bildung ist Lebendigkeit, doch nichts ist das Leben mehr ausgehaucht, als Big Data.

Nach Adorno ist Halbbildung keine „Vorstufe der Bildung sondern ihr Todfeind“ (ebd., S. 311). Nach dem Halbverstandenen, Halberfahrenen, das sich festigt, kommt viel eher der Aberglaube, als wirkliche Erkenntnis. Positiver ist über Unbildung zu denken, die, „als bloße Naivetät, bloßes Nichtwissen, […] ein unmittelbares Verhältnis zu den Objekten [gestattete] und […] zum kritischen Bewußtsein gesteigert werden [konnte] kraft ihres Potentials von Skepsis, Witz und Ironie“ (ebd., S. 304). In der Halbbildung dagegen liegt das Element des Konformismus, die Fähigkeit, sich den herrschenden Interessen anzupassen, was gerade das Gegenteil zur Bildung ist (Schmidt, 2006). Wie oben gezeigt, hat man eben diesen Konformismus auch schon in der Astrologie. Der Zulauf zur Astrologie, wie er seit einigen Jahrzehnten der Fall ist, ist aber nicht nur mit dem Grassieren der Halbbildung zu vergleichen, sondern begründet sich genau in dieser.

Der*die Halbgebildete ist geplagt von der Ahnung, dass ihm*ihr wirkliche Bildung doch fern ist. Er*sie übt zwangsweise und paranoid gereiztes Bescheidwissen und Besserwissen-Wollen aus. Zugleich befreit er*sie sich durch die „narzisstische Gratifikation, im Geheimnis zu sein und mit anderen Erlesenen einig, […] sobald es über die nächsten Interessen hinausgeht, von der Realitätsprüfung“ (Adorno, 1971, S. 316). Adorno sieht die darin enthaltene kollektive Neigung zu Mystik aber explizit nicht darin, dass die soziale Realität zu komplex, schwierig und unverständlich sei und dadurch solche Kurzschlüsse herausfordere. Viel mehr ist die Welt so gläsern wie nie zuvor. Jedem*r ist es möglich, die Mechanismen zu verstehen und sich ein relativ wahres Bild von der Welt zum machen. Man muss feststellen: „Das Gefühl, an die Macht des Bestehenden doch nicht heranzureichen, vor ihm kapitulieren zu müssen, lähmt auch die Triebregungen der Erkenntnis“ (ebd., S. 317). Und so wird der Schritt zurück, wieder hin zum Animismus, gemacht. „Kollektiver Narzißmus läuft darauf hinaus, daß Menschen das bis in ihre individuellen Triebkonstellationen hineinreichende Bewußtsein ihrer sozialen Ohnmacht, und zugleich das Gefühl der Schuld, weil sie das nicht sind und tun, was sie dem eigenen Begriff nach sein und tun sollten, dadurch kompensieren, daß sie, real oder bloß in der Imagination, sich zu Gliedern eines Höheren, Umfassenden machen, dem sie die Attribute alles dessen zusprechen, was ihnen selbst fehlt, und von dem sie stellvertretend etwas wie Teilhabe an jenen Qualitäten zurückempfangen“ (ebd., S. 314).

Zusammenfassend muss man feststellen, dass dem Kapitalismus Halbbildung nicht nur enorm nützlich ist, indem er das ingenieurhafte, nach festen Mustern folgende Denken für seinen eigenen Technizismus gebraucht und der Konformismus zu seiner eigenen Stabilität beiträgt, sondern er sich hüten muss vor dessen Gegenteil, der Bildung, der Kultur, die sich per Definition nicht in die für ihn essentiellen Formen pressen lässt. Es ist daher kein Zufall, dass das Schulsystem dieser Gesellschaft auf Halbbildung abzielt. Und ebenso ist es kein Zufall, dass sich in dieser aufgeklärt gedachten Gesellschaft die zweite Mythologie breit macht, da sie wesentlich mit der Halbbildung zusammenhängt.

2.6 Kleinere Ausführungen

Im Hinblick auf die Rolle der Astrologie in linken Kreisen, wie sie im letzten Teil besprochen wird, sollen diesem noch kürzere Diskussionen zur Astrologie und ihrer Auswirkung auf die Gesellschaft vorangestellt werden.

2.6.1 Der Freie Wille als transzendentales Konzept

Die Astrologie geht von einer Beeinflussung des Menschen (und jeder Materie an sich) durch den kosmischen Rhythmus aus, ablesbar an Planeten- und Sternkonstellationen. Dass damit der freie Wille eingeschränkt wird, liegt auf der Hand, wenngleich das schnell dementiert wird. Doch ist es richtig, die Astrologie für diese Eigenschaft anzugreifen? Wer hat denn einen Beweis für den freien Willen, wer kann denn einen kosmischen Determinismus widerlegen? Nicht ohne Grund ist man bei der Suche nach einer Antwort zum scheitern verurteilt. Denn auch das Konzept des freien Willens muss, wie schon Gottheit oder Unendlichkeit, als transzendental erkannt werden. Der freie Wille ist nicht erfahrbar, entsprechend nicht empirisch beweisbar. Eine Untersuchung der chemischen Reaktionen im menschlichen Hirn kann uns keine Antworten dazu geben, ob diese Reaktionen nun deterministisch oder der Wille eines freien Geistes sind.

Nicht nur ist also die Ablehnung des freien Willens als Vernünftelei zu entlarven, sondern auch die starke Befürwortung. Ganz direkt aus dieser Vernünftelei folgend, lassen sich Thesen und Antithesen zu dieser Frage aufstellen, die bis in die Unendlichkeit fortgeführt werden können. Der Streit zwischen Astrolog*innen und Nicht-Astrolog*innen dauert entsprechend schon tausende Jahre und eine*n Sieger*in wird es auch in den nächsten tausend Jahren nicht geben. An der Oberfläche sieht man nur den Austausch von Vorwürfen und Ausflüchten: »Die Planeten steuern uns? Das ist ja völliger Quatsch!« – »Nein, nicht die Planeten, bedenke den gesamten kosmischen Rhythmus!« – »Na gut, dann liefere mir bitte die Beweise für diesen Rhythmus!« – »Nun, es scheint, du hast das wesentliche Prinzip von Astrologie nicht verstanden.« Beide Fraktionen stürzen sich in die Vernünftelei, scheitern an einer simplen Aporie.

Zugleich macht es für den Menschen keinen Unterschied, ob seine Gedanken nun deterministisch sind oder nicht; die Diskussion hat keinen praktischen Nutzen. Die Frage nach dem freien Willen ist ohnehin nicht das eigentliche Problem der Astrologie. Dieses ergibt sich nämlich, wie oben gezeigt, durch die gesellschaftlichen Umstände und, wie im Folgenden aufgeführt, durch die praktische Anwendung der Astrologie.

2.6.2 Zur positiven Wirkung der Astrologie

Taurus Taurus

Der Astrologie, die oben als reine Vernünftelei und Flucht in eine Ersatzrealität erklärt wurde, kommt, laut praktizierenden Astrolog*innen, dennoch eine positive Wirkung zu. Diese findet sich darin, dass sie Menschen angeblich tatsächlich dabei helfen könne, Entscheidungen im Alltag zu finden. Es sei ja egal, ob die Planeten wirklich das sind, was man ihnen zuschreibt, egal, was die ernstzunehmenden Warnungen der Ideologiekritik uns sagen, solange unterm Strich der Mensch profitiere. Wenn sich Menschen im Alltag Tarot-Karten legen, um darüber zu entscheiden, ob man denn nun einkaufen gehe, oder nicht, soll man sie dann nicht lassen? Aus individualistischer Sicht ist diese Frage klar mit Ja zu beantworten. Es ist jede*r für sich selbst verantwortlich. Allerdings hat Astrologie einen klar expandierenden, missionierenden Charakter – schließlich unterliegt der gesamte Kosmos der Astrologie, so soll auch der ganze Kosmos über dieses Wunder unterrichtet werden – und so eine große Masse an Menschen für sich gewinnend. Von der Nutzung für Alltagsfragen ist es dann ein kleiner Schritt zur Auslegung der Weltvorstellung nach astrologischen Mustern.

Sich übernatürlicher Mittel zu bedienen, um die unbedeutendsten, natürlichen Fragen zu klären, ist zwar bemitleidenswert. Das wirkliche Problem aber, das den Nutzen der Astrologie negativ überwiegt, ist die Verbannung der freien Erkenntnis. Dem Funktionieren der Astrologie, wie bei Religionen auch, unterliegt der Glaube daran. Der Glaube ist absolut, das Jeweilige muss als wahr und ohne Makel geglaubt werden. Alles sinnliche dieser Welt lässt sich astrologisch begründen und, wer so veranlagt ist, tut das auch. Es ist nicht mehr nötig, über mögliche andere Gründe zu spekulieren oder zu philosophieren, wenn die astrologische Pseudowissenschaft bereits alle Antworten parat hat. Diese liegen zuletzt immer in den Planeten und Sternen und führen mit diesem alleinigen Ursprung zu einer Verkümmerung der Imagination, zwingen den Erkenntniswille in ein starres, enges Gefüge. Jeder Widerspruch, jeder kritische Gedanke ist ein Verrat am Glauben und muss daher verbannt werden.

2.6.3 Begrenztes Denken ist der Tod der Emanzipation

Virgo Virgo

Mit Astrologie machen sich Linke blind gegenüber den wahren Ursachen. Jede vertiefende Frage nach dem Warum, kann mit der Astrologie vorzeitig, falsch und zugleich immer auf die selbe Weise beantwortet werden. Die Astrologie ist der „den Mangel der Theorie ersetzende[…] Begriff“ (Feuerbach, 1969, S. 295)

Wer beispielsweise den Kapitalismus, seine Ursachen und Wirkungen aufrichtig verstehen will, darf dazu nicht in die Sterne schauen. Nichts hat das genaue Geburtsjahr des Kapitalismus mit seiner heutigen Form zu tun, noch weniger hat sein Geburtsplanet Auswirkung auf dessen Zukunft.

Eine Emanzipation der Menschen von unterdrückerischen Verhältnissen in all ihren Formen ist zum Scheitern verurteilt, wenn sie nicht ihre gesammelte Geisteskraft darauf anwendet, die Verhältnisse mitsamt ihrer Schwächen voll und ganz zu verstehen und stattdessen sich von vernünftelten Modellen abhängig macht und alles auf die falsche Tarot-Karte setzt.

Der praktische Kampf ist damit nicht zu führen, doch zugleich muss man Emanzipation auch als die Freiheit von jeglichen, den Verstand einschränkenden Modellen verstehen, worunter die Astrologie zwangsweise fällt. Ein Mensch, der sich Höherem unterordnet, ob Gott, ob Planet oder Stern, kann nicht vollständig frei sein, ist immer Knecht dieses Höheren.

2.6.4 Zur Übergriffigkeit der Astrologie

Astrolog*innen beschränken sich nicht darauf, sich und die Welt mit jenen Mitteln zu erklären, sondern übertragen ihre Vorstellungen auch auf das Handeln anderer Menschen. Die Rationalität und Irrationalität außenstehender Menschen wird auf die Astrologie zurückgeführt und ihr freier Wille verneint.

So haben sich Astrolog*innen, nur wenige Tage nach seiner Wahl, beim entsprechenden Amt in Buenos Aires das Geburtszertifikat von Papst Franziskus geholt, um die genaue Geburtszeit zu erfahren und darauf bauend Horoskope für Franziskus anzulegen („Pope Francis I.“, Astro Databank, 2021). Diesen ist nun zu entnehmen, dass die Neuerungen, die Franziskus im Amt des Papstes einführte, darauf zurückzuführen seien, dass er im Zeichen des Chaos stünde („Horoskop von Papst Franziskus“, Top Astro).

Papst Franziskus (Chaos Sextil Merkur, 0°16') hält sich nicht an Regeln um ihrer selbst Willen, und Traditionen kann er missachten, wenn sie seinen Grundüberzeugungen zuwider laufen, er ist damit in positivem Sinne Nonkonformist. Zum Zeitpunkt seiner Papstwahl am 13. März 2013 stand Pluto auf 0°11' im Sextil zum Radix-Chaos. So wälzte er plutonisch einige bisherige Gepflogenheiten für den Papst um, entsprechend seines Credos der Bescheidenheit: er wohnte beispielsweise weiter im vatikanischen Gästehaus Santa Marta statt in den prunkvollen päpstlichen Gemächern. Er verzichtet auf Mercedes mit Chauffeur, fährt schon mal Bus und trägt weiter sein Eisenkreuz aus der Bischofszeit statt eines silbernen. Damit hat er einiges Chaos-gemäß durcheinandergewirbelt und ruft dadurch bis heute Widerstand hervor. Franziskus ist auch der erste Papst, der sich in einer Enzyklika ausführlich zum Thema Umwelt äußerte. Am 18. Juni 2015 wurde das Schreiben "Laudato Si" veröffentlicht, und hier kritisiert er die Plünderung natürlicher Ressourcen, nimmt zur Klimaerwärmung Stellung und warnt vor der Verringerung der Artenvielfalt. Zu solch weltlichen Themen nahm ein Papst vorher kaum Stellung, Chaos stand am Tag der Veröffentlichung auf 0°04' exakt im Trigon zum Radix-Mars. („Horoskop von Papst Franziskus“ Top Astro)

Den persönlichen Entscheidungen von Papst Franziskus legt man damit auf, dass sich diese nur durch seine Geburtszeit, also einer Begebenheit, die er aktiv nicht steuern konnte, begründen.

Selbst die Taten des Massenmörders können noch seiner Geburtszeit (und damit der gebärenden Person?) zugeschoben werden.

Möchte man seinen eigenen freien Willen nicht konstant abgesprochen bekommen, so ist es tunlichst zu vermeiden, die Frage nach der eigenen Geburtszeit, wie sie von Astrolog*innen im Bekanntenkreis nur zu gern gestellt wird, entschieden abzulehnen und diese Information als gut gehütetes Geheimnis zu bewahren.

3 Astrologie im 21. Jahrhundert: Zur Partizipation von Linken und Queers

Die Astrologie ist mit dem heutigen Technizismus einerseits vor neue Probleme gestellt: Die Astronomie liefert immer neue Erkenntnisse, die die Astrologie in Erklärungsnot bringen. Werden neue Planeten entdeckt, so muss erstmal eine Bedeutung für diese gefunden werden. Andererseits sorgt der Drang zur Realitätsflucht angesichts des falschen Ganzen dafür, dass man über solche Probleme hinwegsieht und sich in spirituelle Ersatzrealitäten zurückzieht.

Als man Ende der 1960er Jahre mittels des Musicals „Hair“ auch noch das Wassermannzeitalter einläutete und damit die „New-Age“ Bewegung lostrat, gewann im Westen eine Reihe an spirituellen Richtungen an Fahrt. Hinzu kommt später das Internet, das unweigerlich bei der Vernetzung und Ausbreitung dieser gesellschaftlichen Randgruppen half.

Man erkennt sich aber auch heute noch als gesellschaftliche Randgruppe, ohne weitreichendem Einfluss. Immer wieder hört man daher den Appell, zusammenzuhalten. Getreu dem Motto, die Kämpfe zu verbinden, gemeinsam stark zu sein, schließt man sich zusammen mit rassistisch oder sexistisch Diskriminierten. Dies äußert sich oberflächlich in Form von Büchern mit dem Namen „Postcolonial Astrology: Reading the Planets through Capital, Power, and Labor“ oder dedizierten Konferenzen zur „Queer Astrology“, worauf beides noch später eingegangen wird.

Die Erklärung, dass man Kämpfe nur verbinde, reicht allerdings noch nicht aus, um die Realität angemessen zu begründen. Denn in dieser ergibt es sich, mit einem erweiterten Blick auf das gesamte New-Age Spektrum, dass sich zum Beispiel beim Neuheidentum in Australien, Neuseeland, Kanada und UK ein Drittel der Menschen als nicht heterosexuell identifizieren und die politische Selbstidentifikation mit großer Mehrheit im libertären, grünen, sozialistischen und linksliberalen Spektrum liegt (Lewis, 2014).

Gerade im Heidentum kann diese Tendenz aber auch ins Gegenteil umschlagen und tiefe Verwicklungen mit dem Rechtsradikalismus aufweisen – Stichwort: der zum Judenmord aufrufende Nazi-Druide („Rechtsextremer mit Rauschebart“, Focus Online, 26. Januar, 2017). Doch diese Problematik wird bereits in anderen Texten aufgegriffen und soll hier nur im Sinne der Vollständigkeit genannt werden.

In den folgenden Abschnitten werden zum einen Beispiele von linken und queeren Verbindungen zur Astrologie aufgeführt. Zum anderen wird die Rolle des Spirituellen, des Okkulten in linken Bewegungen beleuchtet. Ebenso wird der Versuch einer Erklärung, warum Astrologie und linke Identitätspolitik harmonieren, unternommen. Zuletzt werden Antworten auf die Frage gesucht, wie mit solchen Tendenzen aus linker Perspektive zu verfahren ist.

3.1 Queere Astrologie und Astrologische Linke

Mit diesem Abschnitt werden reale Fälle der Überschneidung behandelt, anhand welcher ersichtlich werden sollen, wie tief Astrologie und linke / queere Bewegungen verwoben sind. Zunächst wird die zunehmende Bedeutung queerer Ideologie in astrologischen Kreisen aufgezeigt und später auf die astrologische Befassung mit linken Themen eingegangen. Zum Schluss wird ein Blick auf die queeren Zustände in New-Age sowie die Rolle des Okkulten in linken Bewegungen geworfen.

3.1.1 Queere Spiritualität

Um in queeren Bewegungen Anzeichen für das Okkulte zu finden, muss man nicht viel mehr tun, als das Offensichtlichste zu erkennen. Das Symbol, das für die LGBTQ-Community wie kein Zweites steht, ist die Regenbogenflagge. Sie steht als ganzes für die Freiheit und den queeren Pride. Ihre einzelnen Farben allerdings, ursprünglich acht an der Zahl, haben jeweils eine eigene Bedeutung, die weniger bekannt sind: Pink steht für Sex, Rot für das Leben, Orange für die Heilung, Gelb für die Sonne, Grün für die Natur, Türkis für Magie, Blau für Frieden, Lila für den „Spirit“, also Geist oder Seele (Haag, 2017). Dieser Hang des Queeren zum Spirituellen hatte mit der Flagge nicht seinen Ursprung und ebensowenig sein Ende; beides geht auch heute noch Hand in Hand, was in einigen folgenden Abschnitten noch mehr herausgearbeitet wird.

3.1.2 Queere Astrologie

Astrologie, das ist, wie auch das Christentum, zutiefst mit den zwei menschlichen Geschlechtern verbunden. Die Dualität zwischen Mann und Frau ist auf die Planeten übertragen – kein Mars ohne Venus. Entsprechend erlebt die Astrologie aktuell eine Götterdämmerung, da Menschen sich auf die Suche nach den vielen anderen Geschlechtern machen.

Innerhalb der Astrologie wird also einiges umstrukturiert. Gleichzeitig sucht die Astrologie nach außen hin, im Austausch mit queeren Kund*innen, nach dem richtigen Umgang. Denn diese treffen nicht selten auf heteronormative Astrolog*innen und werden entsprechend falsch beraten (Bridgeman, 2013). Dabei haben queere Menschen wohl nicht nur deshalb ein Interesse an der Astrologie, weil sie sich ideologisch mit dem Queersein überschneidet, sondern auch darum, weil sich Menschen besonders dann zur Astrologie wenden, wenn sie im Leben eine gewisse Hilflosigkeit verspüren, was auf queere Menschen hinsichtlich der Geschlechtsidentität besonders zutrifft.

3.1.2.1 Queere Horoskope

In der Populärkultur, die laut Profi-Astrolog*innen ja nur Vulgärastrologie in Form von Zeitungshoroskopen betreibt, hat man schon längst einen Umgang damit gefunden. Auch im Netz findet sich eine breite Auswahl an Blogs, die queere Horoskope anbieten. Eine Überschneidung von beidem gibt es beispielsweise bei Colin Bedell, der parallel wöchentliche Horoskope, einmal in queerer Form auf queercosmos.com und einmal nicht queer für den Cosmopolitan, schreibt. Einen großen Unterschied zwischen queeren und nicht queeren Horoskopen findet man jedoch nicht. Beide bestehen hauptsächlich aus großen Worten mit wenig dahinter – denn man vergesse nicht den Barnum Effekt.

Ein Beispiel. Vom Wasserman weiß man, dass dieses Jahr, 2021, schwer von seiner Energie dominiert wird. „Aquarius is the queerdo revolutionary of the zodiac—against assimilation, for free love and collective liberation, willing to be unpopular in pursuit of a better, stranger world“ (Dross, 2021), heißt es da im queeren Horoskop-Blog von Corina Dross am Anfang dieses Jahres.

Selbstverständlich wird auch das ganze Elend der nicht queeren Astrologie auf die queere übertragen. Wen man daten soll und wen besser nicht, also das Verwehren von potentiellem Glück durch unwissenschaftliche Warnungen vor Sternzeicheninkompatibilitäten, findet sich auch im „Lesbian Horoscope Compatibility“ Guide von Dross wieder. Als lesbischer Widder muss man sich auf die totale Katastrophe vorbereiten, wenn man es wagt, Skorpion, Waage, Jungfrau, oder Steinbock zu daten, während Löwe, Zwillinge oder Widder „Explosive Fingerblasting Chemistry“ (Dross, 2021) darstellen. Die Astrologie verschont also auch queere Liebe nicht, indem sie sie für diejenigen vergiftet, die daran glauben und dank solcher Prognosen von Zweifeln und Ängsten geplagt werden. Es ist eine Tragödie, dass queere Menschen, die ohnehin schon am Rande der Gesellschaft stattfinden, auch noch weitere, völlig unnötige Hindernisse durch die Astrologie in den Weg gelegt bekommen.

Neben dem persönlichen queeren Glück/Unglück werden ebenso queere Themen wie die AIDS Epidemie inkorporiert. So wird zum Beispiel bei Bridgeman (2013) das Birth Chart von AIDS untersucht und in der Folge über dessen „Return“, gemessen am Saturn, spekuliert.

3.1.2.2 Fight the Binary

The sun is the husband in the wife's chart and the moon is the wife in the husband's chart. (Ian Waisler bei Bridgeman, 2013)

Was sich in der Vulgärastrologie als bereits gelöstes Problem darstellt, wird von den echten Astrolog*innen noch intensivst diskutiert. Das Feld der queeren Astrologie ist noch gänzlich unerforscht, bietet allergrößten Raum für Interpretation und Imagination. Aktuell wird dieses Phänomen noch in seinen Grundzügen geprägt und geformt. Die dort Tätigen strahlen eine generelle Heiterkeit und Euphorie aus, wie man sie schon von den Queer Studies kennt. Denn die Möglichkeiten sind unbegrenzt, alles ist noch so unbekannt. Wer sich also einen Namen in der Astrologie machen will, dem*der sei angeraten, sich dort zu betätigen.

Die großen Fragen bestehen darin, wie man Geschlechtlichkeit und Sexualität, was in queeren Kreisen als Spektrum oder zumindest nicht binär aufgefasst wird, auf die Planeten und Sternzeichen übertragen kann. „Where does one’s gender identity fit into the gendered binaries of Venus and Mars?“ (Kat, 2021). Zugleich blickt man positiv in die Zukunft und ist froh über die Mystifizierung der Queerness als Otherness, welche sich ganz wunderbar mit dem astrologischen Schema ergänzt: „Our understanding of health and wellbeing, hope and joy may yet open and transform astrological thought, practice, and literature through an encounter with otherness“ (Ian Waisler bei Brennan, 2016).

Um unter anderem der Frage nach den Geschlechtern in der Astrologie nachzugehen, hat sich die Queer Astrology Conference (QAC) gegründet, die bisher in den Jahren 2013, 2015, 2017, 2018 und 2020 tagte. Dort kann man Vorträgen wie „The Compatibility Myth: Queering the Astrological Lens“ von Yolo Akili, „The Chart of Stonewall“ von John Marchesella, „Exclusion, Violence, and Integration – Eris as Gender Rebellion“ von Corina Dross oder „Working with Transgender and Non-Binary Clients – A Listening Session“ von Neon Starlight lauschen („Audios from first four QACs“, Queer Astrology Conference, 2021). Für 20 Dollar kann man Zugang zu den Audiomitschnitten bekommen, wozu an dieser Stelle ausdrücklich abgeraten sei.

In einem Interview in „The Astrology Podcast“ mit dem Gründer und Organisator der QAC, Ian Waisler, erzählt dieser von seiner zweiten Erweckung, seiner Entdeckung der Astrologie. In der Tat lässt sich dieser Schritt hinein in eine ganz neue Welt, eben in die Ersatzrealität, mit dem Coming out von queeren Menschen vergleichen, die mit jenem Schritt ebenso eine neue, magische Welt betreten; zu einer sie willkommen heißenden Community finden. So wie Astrolog*innen in einer falschen Welt, der streng wissenschaftlichen leben, leben queere Menschen in einer falschen Welt, der cis-heteronormativen.

Der starre Glaube und die strikte Einteilung in Kategorien scheint dabei, was das Praktizieren angeht, ohnehin in den Hintergrund zu rücken. Im Vordergrund steht heute nämlich der Umgang miteinander, das Menschlichsein – jedem Menschen sei gegeben seine*ihre Community – wie es auch bei Kat herausgearbeitet wird. Ein Mensch kann Teil mehrerer Communities sein und entsprechend mehreren Minderheiten angehören. Ob diese zwangsweise von Diskriminierung betroffen sind, scheint allerdings egal. Denn tatsächlich spielt in der queeren Astrologie auch der Begriff der Intersektionalität eine Rolle (Kat, 2021). Irgendwie queer, irgendwie astrologisch, irgendwie intersektional.

Die Auflösung der klaren Grenzen und das fluide Umherwandern in mehreren Communities – ein bisschen queer, ein wenig astrologisch, aber mehr als Lifestyle, denn aus tiefster Überzeugung – erinnert an die aktuelle Diskussion um die Frage danach, wer Jude*Jüdin ist und wer nicht (Leitlein, 2021). Es zeichnet sich ab, dass die archaischen Vorstellungen von Identität, die mit bedeutungsschweren Implikationen verbunden sind, von einer Leichtigkeit abgelöst werden, in der alles miteinander verschwimmt.

3.1.2.3 Wozu neue Identitäten?

„I think there is a part in astrology that is already very queer“ (Bridgeman, 2013). Ist das so? Ist das schon immer so? Seit wann gibt es Astrologie, seit wann Queersein? Der Begriff Queer in seiner heutigen Bedeutung ist noch sehr jung. Ebenso gab es kaum Menschen, die sich in den vergangenen Jahrhunderten als Nichtbinär bezeichneten. Denn auch diesen Begriff gab es schlichtweg nicht. Wie soll also zum Beispiel ein nichtbinäres Sternzeichen existieren, bevor die Menschen sich überhaupt einen Begriff davon gemacht haben?

Astrologie war nicht schon immer queer. Sie ging die meiste Zeit im Mainstream von einem binären, heteronormativen Geschlechterbild aus. Dass man sie nun queer deutet, bedeutet nicht, dass man der Wahrheit ein Stück näher rückt, sondern lediglich, dass man eine Korrektur vornimmt, die verhindern soll, dass sich Gott und Mensch noch mehr entzweien. Ganz nach Feuerbach muss man erkennen, dass sich die Menschen des 21. Jahrhunderts daran bemühen, ihre eigenen heiligen Eigenschaften, also das Queersein, auf ihre Götter zu übertragen. Einer queeren Person bedeutet ein heteronormativer Planet gar nichts. Warum sollte sie sich diesem unterwerfen? Die Astrologie ist schlicht nicht vollständig, wenn sie nicht alle menschlichen Eigenschaften repräsentiert. Das Queersein ist der Gesellschaft als bewusste Eigenschaft neu hinzugekommen, sie ist nicht schon immer da; entsprechend muss sie nachträglich auch den Göttern aufgetragen werden.

Die queere Astrologie entspringt damit einer einfachen psychologischen Reaktion der Menschen auf gesellschaftliche Umschwünge.

3.1.3 Linke Astrologie

Die alte Astrologie schreibt man denen zu, die in der Lage waren, Bücher zu verfassen – mitunter fallen in diese Elite auch Könige, die die Astrologie nach ihren Ideen formten. Heute ist das andersrum; Astrologie findet unter anderem in offenen Internetforen statt, der Pöbel mischt mit. Man möchte sich befreien, vom alten weißen, elitären, normativen Moder, der ja schon deshalb nicht universal gültig sein könne, weil er einen strikten Bezug zum Griechischen oder Römischen habe. Stattdessen sollen linke Grundsätze Einzug erhalten und die Astrologie noch weiter zum Allgemeingut machen, in denen jede Identität ihren Raum erhält. Gleichzeitig soll Astrologie in linken Angelegenheiten mit anpacken. Zu diesem Wechselbezug wird in den folgenden Abschnitten auf je ein Beispiel eingegangen.

3.1.3.1 Postkolonialistische Astrologie

Was hat Astrologie mit dem gegen alles Westliche wetternde Postkolonialismus zutun? Nun.

Astrologie wurde zu lange vom Neoliberalismus geformt, man müsse sie sich wieder zurückholen, heißt es in der Einleitung des Buchs „Postcolonial Astrology“ von Alice Sparkly Kat. „The history of astrology developed out of white supremacy and capitalism and patriarchy“ (Kat, 2021). Dass Adolf Hitler Astrologie genutzt habe, sei kein Zufall, sondern „it happens because, due to the nature of astrology’s lineage, like whiteness, it makes itself visible when certain sociopolitical relations are under threat“ (ebd.). Das klingt nach viel auf einmal? Nun, man muss sich eben darauf einlassen können. Tatsächlich führt Kat diese Eigenschaften darauf zurück, dass Astrologie lediglich ein Spiegelbild der Liebe des Westens zum alten Rom sei. Auch für die Nazis gilt demnach: „The[y][…] loved astrology because it gave them the romantic images they needed to dress up in Roman costumes and Roman phrases“ (ebd.).

Die Planeten verkörperten die Herrschaftsverhältnisse des alten Rom. Dass diese Astrologie auch heute noch anwendbar sei, läge daran, dass der Westen die Ideale der Herrschaftsformen von Rom übernommen habe. Dennoch stoße man bei einer globalen Astrologie auf gewisse Probleme: kann man Gefühle, oder genauer, deren Begriffe, die sich aus dem Lateinischen bilden und nicht im Sprachgebrauch aller Menschen liegen, einfach so auf alle Menschen übertragen, die teilweise vielleicht andere Gefühlsbegriffe und entsprechend andere Gefühle kennen? Die Astrologie sei genauso ein Konstrukt wie das der Rasse. Anders als das der Rasse, müsse man die Astrologie aber einmal komplett abreißen und neu aufbauen, nach postkolonialen, identitätberücksichtigenden Vorstellungen.

Am Buch ist beachtlich, wie offen es die Astrologie als reines Konstrukt hinstellt. Doch man darf sich davon nicht irritieren lassen. Stattdessen muss man sich auf Gess zurückbesinnen: die Showmaster können ganz offen aussprechen, dass es eine Show ist, und sie kann trotzdem weitergehen. „It works not because there is anything magical about the language itself but because the act of not believing readily, of believing where belief has been earned, of listening waywardly, and of owning the magic of illusion making collectively is magic. Astrology is not magic. The community that recreates it in the contemporary era is“ (ebd.).

Wie viel daran antikolonial ist, eine westliche Praktik einem breiteren, indigenen Publikum schmackhaft zu machen, bleibt allerdings fraglich. Im Gegenteil könnte man einem solchen Vorhaben vorwerfen, dass es das eigentliche Missionieren, den eigentlichen astrologischen Kolonialismus betreibt. Kolonialistischer Antikolonialismus.

3.1.3.2 Astrologische Credit Reports

Der Traum von der befreiten Gesellschaft – wie wird er Realität? Was knechtet die Menschen? Der Kapitalismus! Genauer? Die Lohnarbeit! Noch genauer? Na, dass man bei den gut bezahlten Jobs nicht genommen wird! Gute Jobs für alle! Warum bekommen wir diese nicht? Wegen unseren schlechten Credit Reports! Was ist die Lösung? Wir machen uns bessere!

Dieses nüchterne Ergebnis – man macht sich einfach bessere Credit Reports – ist das Thema des Vortrags „Social Forms as Beings: Give Us Cred!“ von Stella Lawson (praktizierende Astrologin) und Cassie Thornton (ehemals aktiv bei Occupy Wall Street und Teil eines Kollektivs für Schuldenstreiks), der bei der QAC 2015 gehalten wurde.

Das Problem ist recht einfach. Die kalten, schlechten Zahlen der gängigen Kreditinstitute sorgen bei Bewerbungen oft für eine Ablehnung. „Credit reporting is class discrimination“ (Lawson, 2015); es werden diejenigen unten gehalten, die schon unten sind. Thornton kam daher auf die Idee, menschliche Credit Reports zu verfassen, die statt einer Punktevergabe ein Textdokument produzieren, in welchen die Schicksalsschläge der Menschen auf Gründe höherer Natur zurückzuführen (und mit der Astrologie erklärt) sind. Damit soll den HR-Teams ein authentischeres, wärmeres, vergebendes Bild der Menschen geliefert werden.

So wird die offene Medikamentenrechnung von Ashley, eine Person, die an einer öffentlich durchgeführten Studie von Thornton teilnahm, darauf zurückgeführt, dass sie für ihre schulische Bildung finanziell übel übers Ohr gehauen wurde und zusätzlich stark unter den Auswirkungen von Hurrican Andrew litt. An dieser Stelle kommt Lawson ins Spiel, die am Beispiel Ashley in der Lage ist, diese Schicksalsschläge in den Kontext von Ashleys Birth Chart zu rücken und unter anderem anhand des „Squared Jupiter“ (Lawson, 2015) die Unschuld von Ashley beweist. Wer, der*die einen solchen Bericht gelesen hat, würde Ashley nicht sofort einstellen?

Es ist schwer zu begreifen, auf welche obskure Weise hier die Astrologie auf irgendwelche irgendwie antikapitalistische Zwecke angewandt wird. Dennoch ist es interessant zu beobachten, wie links auch das Publikum des Vortrags zu verorten ist. Konsequenter Antikapitalismus, so sickert es durch, scheint dort Konsens zu sein und hauptsächlich wird in der Fragerunde über „systemic issues“ (Lawson, 2015) geredet. Gleichzeitig knobeln sie mit Lawson mit, welche anderen Planetenkonstellationen noch auf Ashleys Schicksal Einfluss haben könnten.

Angesichts der absoluten Lachhaftigkeit des Themas ist es dennoch bemerkenswert und besorgniserregend, wie eng verbunden sich die Astrologie mit linken gesellschaftlichen Problemen glaubt. Mit einer derart hohen Selbstverständlichkeit platzieren sich jene Astrolog*innen in Gruppen und Aktionen wie Occupy, dass antiokkultistische Linke aufmerken werden sollten.

3.1.4 Queeres Neuheidentum: Kein Zufall

Wie queer und links das Neuheidentum aus demographischer Sicht ist, wurde oben bereits angesprochen. Tatsächlich aber öffnet sich eine ganze Welt an queeren Angeboten im Neuheidentum, wenn man bloß danach sucht. Diese Welt ist so groß, dass hier nur auf wenige Beispiele eingegangen werden kann.

Da ist unter anderem das „Queer Pagan Camp“ im Vereinigten Königreich, das Queersein direkt mit Magie verbindet: „Queer[,] because we recognise that there are many paths to ‘spirit’, ‘nature’ and ‘magic’ and we positively revel in diversity. We welcome dykes, divas, drag queens and kings of all genders, faggots and faeries, bisexuals, trisexuals, funky heterobunnies […] and all the magic you may bring that we haven’t even thought of yet“ (Queer Pagan Camp, 2021).

Dennoch ist die LGBT-Freundlichkeit im Neuheidentum nicht ohne Widerspruch. Das Neuheidentum, im Folgenden hauptsächlich die Wicca-Religion, zeichnet sich darin aus, dass auch dieses historisch von einer Binarität der Geschlechter ausging, wobei Männlichkeit und Weiblichkeit gleichberechtigt, wenn doch polar in ihren Eigenschaften, waren. Die Dualität von Wicca (Hexer) und Wicce (Hexerin) ist wesentlich für diese Religion der Fruchtbarkeit. Zu den Ritualen der Wicca*e gehört das Nacktsein und seltener der Geschlechtsakt.

Innerhalb der naturverbundenen Wicca-Religion gibt es verschiedene Konfessionen, die sich in sogenannten Traditionen darstellen, wobei diese eng an einzelne Personen gebunden sind. In Folge der zweiten Welle des Feminismus gründete Zsuzsanna Budapest das dianische Wicca, welches nur cis Frauen zugänglich war und hauptsächlich feministische Göttinnen hat. Im Jahr 2011 suchte man wegen des Ausschlusses von trans Frauen die offene Konfrontation im Rahmen der „Pantheacon“ Konferenz und stieß erstaunlicherweise auf positive Reaktionen (Pond, 2011). Kurz darauf verließ unter anderem der Stamm der „Amazonas Priesterinnen“ die budapestanische Linie der dianischen Hexerei. Seitdem ist der Einfluss von Budapest enorm gesunken und ihr Name mit transfeindlichen Äußerungen verbunden (Mueller, 2017).

Man hat mit der Geschlechterproblematik in den letzten Jahren also spürbare Fortschritte erzielt. Dennoch unterliegt der gesamten (alten) Wicca die Vorstellung von Heterosexualität, die tief in einzelne Rituale verwoben ist. Aber auch hier bemüht man sich, neue Rituale für andere Orientierungen zu finden oder Rituale ohne sexuellen Aspekten zu entwickeln und wird damit wohl Erfolg haben.

Queere Menschen wurden in der Geschichte unter anderem aus religiösen Gründen verfolgt und getötet. Ihre derzeitige Freiheit verdanken sie sich selbst, aber auch der Wissenschaft und dem Rechtsstaat. Woher kommt es also, dass sie sich nicht hinter diesen beiden Dingen vereinen, sondern selbst nach okkulten Praktiken streben? Die Verfolgung beider Gruppen, queere Menschen und Hexen, scheint als einzige Gemeinsamkeit aber nicht überzeugend: „The parallels between queers, trans folx, gender non-conforming people, BIPOC, and the history of the oft-persecuted scapegoat of witches is not lost. Often, they intersected throughout history. The two go together like sage bundles and amethyst crystals“ (Marshall, 2021). Ist das die einzige überzeugende Eigenschaft? Die gemeinsame Verfolgung schafft, in Hinblick auf Verfolgungen anderer Gruppen, nicht derartige Bünde, wie sie zwischen Queersein und Neuheidentum vorliegen. Ebenso kann es nicht einzig die radikale Selbstliebe sein, die sowohl queere Menschen als auch Hexen hochhalten (ebd.).

Wie oben bereits angemerkt, lässt sich das Coming out mit dem öffentlichen Bekunden, diese Welt sei falsch, so wie es zum Beispiel auch bei der Astrologie geschieht, vergleichen. Einmal als falsch erkannt, steht es spirituellen Menschen offen, für welche Ersatzwelt sie sich entscheiden: eine astrologische, eine heidnische, etc. Die mit den jeweiligen Richtungen verbundenen Geschichten geben die Antwort darauf, wie die richtige Welt aussieht. Erkennen queere Menschen die cis-heteronormative Welt als falsch, so fehlen die ausgeprägten, rein queeren Geschichten, die als Antwort auf all die Fragen dienen könnten. Homosexualität oder Geschlechtervielfalt gab es in der Geschichte zwar immer mal wieder, stand aber kaum für sich selbst, sondern war verknüpft mit anderen Aspekten. Entsprechend fehlen klare Erzählungen von der queeren Utopie.

Da schon die Liebe, also jene Kraft, die Queersein überhaupt erst hervorbringen kann, nicht ohne gewissem Mystizismus auskommt, da sie sich dem Verstand entzieht, ist es nur folgerichtig, dass sich auch jede Spekulation über queere Utopien in mystischen Vorstellungen verfängt und daher einen bestimmten Grad an Spiritualität mit sich bringt. Es muss daher erkannt werden, dass die Gemeinsamkeiten des Queersein und des Neuheidentums (und natürlich auch der Astrologie) nur vordergründig in der Verfolgung und der Selbstliebe zu finden sind und dahinter der Umstand liegt, dass der Spiritualismus dem Kern des Queersein bereits inhärent ist.

3.1.5 Alle (Stern-)Zeichen stehen auf Extinktion: Zur Esoterischen Rebellion

CN Massen-Suizid und -Mord

Als sich Schwarzlicht von Extinction Rebellion (XR) öffentlich distanzierte, geschah dies hauptsächlich aufgrund des unsäglichen Umgangs mit dem Holocaust (Schwarzlicht, 2020). In der Kritik wurde zugleich auf die Aktionsformen und Wertevorstellungen von XR eingegangen und das Gesamtprodukt als sektenhaft bezeichnet. An dieser Eigenschaft hat sich bis heute nichts geändert. XR steht wie keine andere derart bekannte linke Bewegung in Deutschland dermaßen für Todestrieb und Okkultismus.

Gleich zu Beginn der Bewegung war der Die-In, also das öffentliche, gespielte tot Herumliegen, eine der beliebtesten Aktionsformen. Es sei angemerkt: Wer wahre Lebensfreude verspürt, präsentiert sich der Öffentlichkeit nicht in seinem Gegenteil. Nicht immer ist es nur gespielt, wie in den anderen Fällen, bei denen man zum Beispiel Beerdigungen samt Sarg simuliert, Kunstblut in großen Mengen an Hauswände spritzt oder auf dem Boden als Blutlachen verteilt, sich an Galgen hängt und sich dabei auf schmelzenden Eisblöcken stützt, Kinderwägen anzündet. In solchen Fällen redet sich XR damit heraus, dass man nur metaphorisch darstelle, was die Menschheit in der Zukunft erwarte. Wenn es nämlich zum Beispiel um Hungerstreiks geht, wozu auch Minderjährige zur Teilnahme eingeladen werden, oder dem aktuellen Hungerstreik von sieben sehr jungen Menschen, der, während diese Zeilen geschrieben werden, den 19. Tag erreicht hat (zwar ist „Hungerstreik21“ nicht offiziell mit XR verbunden, aber die Streikenden stammen direkt aus jener Bewegung), dann kann man sich nicht mehr damit herausreden, dass es nur gespielt sei.

Die radikalste Weise, seine Verzweiflung oder die Notwendigkeit einer Veränderung auszudrücken und dabei diese Veränderung effektiv herbeizuführen, ist nicht der Freitod. Doch für XR ist der Fatalismus wesentlich. Das Ende ist nah und daher ist nichts mehr zu verlieren – eine uneingeschränkte Legitimation für jede Aktionsform. Es trifft sich dabei gut, dass man ein klares, verkürztes Feindbild hat: die Politiker*innen, die angeblich jede Macht hätten. Daher reicht es XR auch, diese einfach mit einem Bürger*innenrat zu überstimmen, um die Erde zu retten.

Dass das Ende nah ist, kann niemand wahrheitsgemäß vorhersehen. Trotzdem wurde der jüngste Tag schon oft prophezeit. Aber diesmal ist es ja die Wissenschaft und kein*e Religiöse*r, die uns mit Fakten, Prognosen und Warnungen beliefert! Diesmal ist das Ende gewiss! Und dennoch: auch die Wissenschaft wagt es nicht, auszusprechen, dass uns das Ende garantiert ist, da es wissenschaftlich ganz einfach nicht bestimmt werden kann. So weit geht nur XR und setzt es sich zugleich als Höchstes. Dies ist die Wahrheit, die einzige Wahrheit. XR besitzt sie. Nicht umsonst organisierte man Massenproteste vor Medienhäusern wie dem von BBC mit dem Motto „Tell the Truth“. Man forderte BBC auf, die von XR gepachtete Wahrheit zu übernehmen und diese Forderung wird auch heute noch an die Politiker*innen herangetragen. Wir seien die letzte Generation, die etwas ändern könne und wir seien eine der letzten Generationen der Menschheit überhaupt, sterben aus, wenn wir einfach weitermachen, das ist der Konsens von XR. Lohnt es sich denn überhaupt noch, auf einem Planeten zu leben, der ganz sicher auf sein Ende zusteuert? Alles auf dieser Welt ist Falsch, auch das eigene Leben.

Als am 18. November 1978 mindestens 909 Menschen der „Peoples Temple“ Sekte in einem Massenmord/-suizid starben, teils durch Waffengewalt, 907 durch das Schlucken oder Injizieren eines Zyankaligemisches (Nelson, 2006), fanden Menschen ihren Tod, die ihren letzten Schritt zuvor bereits mehrmals einstudierten (Moore, 2013). Denn dem praktischen Vollzug gingen mehrere Versammlungen voran, in denen die Tempel-Mitglieder nur so taten als würden sie Gift trinken, um dann tot auf den Boden zu sinken: Die-In als Trockenübung. Mental hatte man sich damit auf den wirklichen Suizid bestens vorbereitet (ebd.). Als dieser dann angekündigt wurde, wusste jede*r direkt, was Sache ist; niemand war mehr entsetzt über den Vorschlag (Jones, 1978).

Mit der praktischen Vollendung endete auch eine Sekte, die sich gut mit linken Politiker*innen verstand und sich selbst kommunistisch sah. In den wenigen Testamenten der Getöteten wird der gesamte Nachlass der UDSSR vermacht.

Der Anführer, Rev. Jim Jones, übertrug seine Paranoia auf seine Gefolgschaft und sah alles enden, als an jenem 18. November der US-Kongressabgeordnete Ryan sich das Camp „Jonestown“ der Sekte in Guyana ansah. Der Politiker wurde vor seinem Abflug erschossen, daraufhin wurden die Camp-Bewohner herbeigerufen. Zuerst wurde den Kindern das Gift verabreicht, dann den Erwachsenen, die eine*r nach dem*der anderen das Gift am Kool-Aid-Fass abholten. Dem vorangehend bereitete Jones die Gemeinde darauf vor: „This isn't suicide, it's a revolutionary act“ (Nelson, 2006); „We lay down our lives in protest to what's being done[,][…] protesting the conditions of an inhumane world“ (Jones, 1978); „One thousand people who say: we don't like the way the world is“ (ebd.). Und noch in ihren letzten Minuten bespricht die vom Todeswahn umnachtete Gemeinde in nüchterner Sachlichkeit die Lage; ganz ausgeschlossen ist es, dass auch nur eine Person aus purem Entsetzen widerspricht. Während der Giftvergabe beruhigte Jones die Massen: „Death is a million times preferable to 10 more days of this life. If you knew what was ahead of you […], you'd be glad to be stepping over tonight“ (ebd.); „No more pain“ (ebd.). „It's been [a] pleasure [to be] with all of you in this revolutionary struggle. No other way I would ever go than giving my life for socialism, communism“ (ebd.), ergänzt eine Frau in den allerletzten Minuten.

Dieser kurze Exzerpt zur Peoples Temple Sekte soll für sich stehen. Parallelen zu XR sollen angesichts dieses schrecklichen, barbarischen Ereignisses in diesem Text nicht auf direkte Weise ausgearbeitet werden – es steht aber jeder*m Einzelnen frei, sie für sich selbst zu finden.

Stattdessen soll weiter auf das Okkulte eingegangen werden, wie es auch in XR aufzufinden ist. Von der „Red Brigade“ des Peoples Temple (verantwortlich für das Massaker am Politiker Ryan und Weiteren) geht es zur „Red Rebel Brigade“ von XR. Komplett in rot gekleidet und im Gesicht blass-weiß geschminkt, wandeln sie in kleinen Gruppen durch die Städte. Rot soll hier metaphorisch für Blut stehen, das jede Spezies innehat (RedRebelBrigade.com). „We illuminate the magic realm beneath the surface of all things […], we bring the energy and beauty of the natural world with us into the grey dystopia of our modern urban society […], we move as one, act as one and more importantly feel as one“ (ebd.). Die Aufführungen der Red Rebels ähneln dabei okkulten Ritualen. Allerdings sind es keine Rituale aus purer Lebensfreude. Sie verkörpern viel mehr die Trauer um das baldige Aussterben und man kann es an den Teilnehmenden ablesen, dass sie die Extinktion als Erlösung empfinden. Die Erlösung vom „komplett falsch gewordenen Ganzen“ (Adorno, zit. nach Gess, 2007). Es wird das letzte Sandkorn durch die Sanduhr (das Symbol ist ein wesentlicher Bestandteil des XR-Logos) laufen, ganz gleich, wie rum sie platziert ist. Es gibt keine Lösungsmöglichkeit. Es ist eine Rebellion des Aussterbens, wie es der Name schon sagt, und nicht eine Rebellion gegen das Aussterben – Rebellion against Extinction.

Es ist gut, dass es nicht mit der Welt, sondern mit XR aktuell zu Ende geht. Der Mitbegründer Roger Hallam hat sich eine neue, weniger bedeutsame Gruppe „Burning Pink“ gesucht und die wirklichen Graswurzel-Aktivist*innen gehen hoffentlich in weniger okkulte Klimabewegungen über, schaffen den Absprung, erweitern Adornos Aussage – „Wer hineingerät, ist verloren“ (Adorno, 2018) – um den Zusatz: „Wer es hinaus schafft, ist gerettet.“

3.2 Identitätsfetisch entlang des Tierkreises

I knew he was a Capricorn! It's the way he acts!

Der antimodernistische Wunsch nach der Rückkehr zu geschlossenen (Stammes-)Gesellschaften, der Wunsch, die Entfremdung des Menschen von der Natur ungeschehen zu machen, ist in linken Kreisen weit verbreitet und muss nicht erst im Primitivismus gesucht werden. Mit diesem Wunsch geht auch die Vorstellung einher, dass zum Beispiel das Konzept der Rasse nicht zwangsweise negativ, sondern vor der Aufklärung religiös und spirituell konnotiert war (Kat, 2021). In der geschlossenen Gesellschaft existieren noch die natürlichen, unschuldigen, diversen Formen von Geschlecht, sexueller Orientierung, Rasse, etc.

Durch das Empowering der Diversität betont man die natürlichen Unterschiede der Menschen und hebt hervor, dass diese ja keine schlechten Eigenschaften hätten, wie es der als Feind erkannte Rassismus oder Sexismus behauptet. Als Ersatz für die verlorengegangene Individualität und Identität ist es heute jedem Menschen möglich, sein für sich ganz individuelles Label zu suchen und sich mit diesem voll und ganz zu identifizieren. Dabei ist die Bedeutung jedes dieser Labels ganz natürlich, keines ist rein erfunden. Dieser antirassistische Rassismus und antisexistische Sexismus, der sich dadurch niederschlägt, dass man Identitäten festschreibt und über ihren Wert erhebt, dass man Outings erzwingt, wenn die Stimmen der Leute ernst genommen werden sollen, passt wunderbar zu den Identitäten der Astrologie und der New-Age Bewegung:

A lot of people, whether they’re millennials or boomers, white or other, queer or cisnormal, have told me they were first attracted to astrology because it seems to offer a way to talk among ourselves about ourselves without having to address the trappings of identity. Rather than talking about ourselves within the typical categories of race, gender, and class, people want to build community around identities that feel authentic and close. Astrology fans want identity to be as complex as humanity. And I’ve seen astrology bring people together. I’ve seen queers relax and smile when their friends tease them for their Moon sign, laughing along with them about being a Leo rising because it makes them feel so seen. (Kat, 2021)

In die Liste der Eigenschaften, die man sich zu seiner*ihrer Identität macht – PoC, latinx, trans, pan, vegan, leftist, etc. – reiht sich das eigene Sternzeichen nahtlos ein. Um solche Listen zu finden, muss man sich nur auf Twitter die Bio eines beliebigen Profils ansehen. Diese atomisierten Identitäten der Identitätslosen, manche dabei einer persönlichen Veränderung, nämlich der Findung nach der wahren Identität, unterworfen, werden zum Absoluten erklärt und mit einer Deutungshoheit für das jeweilige Gebiet versehen. Nur die Stimmen weißer pansexueller cisdya Männer sollen bei Angelegenheiten in Bezug zu weißen pansexuellen cisdya Männern gelten. Es ist, da die Identitätsideologie keine Abgrenzung zur Astrologie kennt, nur folgerichtig, wenn nur Krebse über Krebs–Themen und nur Widder über Widder-Themen sprechen dürfen.

Es ist ganz natürlich, dass Menschen entlang ihres Sternzeichens und der damit verbundenen Planetenkonstellationen leben. Mit der Geburt wird sowohl das astrologische Birth Chart als auch alle anderen Identitäten festgelegt. Eine Überwindung solcher Identitäten, die wirkliche Erschaffung eines Individuums, ist keineswegs angestrebt; lieber gesehen sind klare Grenzen zwischen den unendlichen Identitäten. Die Überwindung der offenen Gesellschaft, das unmögliche Ungeschehenmachen der Entfremdung bei gleichzeitiger Rückkehr zu der Rolle der natürlichen Identitäten als Regenten, ist das erklärte Ziel des Identitätsfetisch. Die Gewissheit, dass dieses abhandengekommene Wahre in der Vergangenheit einmal existiert haben muss, verleiht der Sache vor allem eines: Gewissheit.

Wenn nun aber klar ist, dass es nur eines nicht geben kann, nämlich Gewissheit, stößt man bei der Verteidigung eines solchen Antimodernismus an seine Grenzen. Es bleiben dann nicht viele Punkte übrig, die einer solchen Vorstellung von den Menschen Positives zurechnen können und man muss anerkennen, dass dieses ganze Unternehmen mit wirklicher (geistiger) Freiheit nicht viel zu tun hat. So sehr die Benennung von sexuellen Orientierungen, Race, etc., die Emanzipation der Betroffenen erst möglich macht, da nur auf diese Weise (dem Ziehen von Grenzen zwischen Menschen) Machtungleichheit innerhalb einer Gesellschaft aufgezeigt werden kann, so wenig funktioniert diese Idee für die Astrologie. Intersektionalität wird von Astrolog*innen zwar gerne in den Mund genommen, doch man vergisst, dass es keinen legitimen Befreiungskampf für die Astrologie gibt. Sie wird nicht verfolgt oder unterdrückt und ist, wie oben gezeigt, reine Realitätsflucht, Symptom eines zu bekämpfenden Problems.

4 Begründung des Antiokkultismus

Um menschliches Leid zu verhindern, muss man sich bewusst sein, dass man irren kann und die Wahrheit nicht gepachtet hat; man muss sich entsprechend einem ständigen Selbsthinterfragen fügen und sich totalitären Lösungen verweigern. Dies gilt besonders für linke Ideologien und Utopien, die gerade historisch angesichts des erhofften baldigen Guten und Wahren das Schlechte und Falsche übersahen oder bereitwillig akzeptierten. Die Forderung, über größere Makel hinwegzusehen, ist daher gerade aus linker Perspektive ein Unding. Entsprechend muss man sich fragen und darf es nicht ignorieren, nachdem man Okkultismus als dem wahren Drang nach Freiheit und Glück feindlich erkannt hat, ob man diesen in seinen eigenen Kreisen tolerieren kann.

Okkulte Bewegungen, von denen zu viele im kollektiven Freitod enden, stehen dem Streben nach Freiheit diametral gegenüber. Scharlatane, Sektenführer*innen, professionelle Astrolog*innen, etc., die nach der Macht greifen, das Denken anderer Menschen in enge Schranken zu verweisen und unter ihre Kontrolle zu bringen, sind Feinde der offenen Gesellschaft.

Für Linke muss die Bekämpfung des eigentlichen Problems, das Astrologie lediglich als Symptom produziert, nämlich das völlig falsche Ganze, ein Ziel sein. Zugleich kann aber auch das Symptom nicht leicht toleriert werden, da es zu jeder Zeit die falschen Antworten auf die Frage, wie das eigentliche Problem zu bekämpfen ist, liefert. Mit der Forderung, über okkulte Tendenzen hinwegzusehen, stirbt die Aufrichtigkeit, mit welcher man sich für die Freiheit der Menschen einsetzt.

Bei Ereignissen, bei denen die Konsequenzen des Okkultismus offenkundig werden, wie zum Beispiel bei dem aktuellen Hungerstreik für das Klima, sollte zuvorderst von Linken die größte Kritik kommen. Dass in der Realität Gruppen wie Extinction Rebellion ohne Probleme in linken Sphären akzeptiert und kritische Stimmen ungern gesehen werden, zeigt, wie weit man vom Antiokkultismus entfernt ist. Es ist an der Zeit, dass sich das ändert.

5 Schluss

Mit diesem Artikel wurde versucht, eine Verirrung des menschlichen Verstands, die mit der Astrologie ihren Ausdruck findet, als solche aufzudecken und ihre Ursprünge zu erforschen. Da das menschliche Irren unendlich ist, ist es auch nicht auf die Astrologie begrenzt, was mit diesem Text zwar teilweise in Bezug zur New-Age Bewegung angeschnitten wurde, aber nicht in Gänze ausgearbeitet wurde. Wie einfach Menschen, die sich teilweise für gebildet halten und nach der Wahrheit streben, auf derartige Vernünfteleien und geistige Beschränkungen hereinfallen, sollte anhand der Überschneidung mit linken Themen und Gruppen gezeigt werden. Von der hohen Partizipation queerer Menschen in der Astrologie und dem Heidentum ausgehend, wurde erarbeitet, dass jene Themen sich auch ideologisch überschneiden. Bliebe eine derartige Realitätsflucht ohne Folgen, so gäbe es keinen Anlass für diesen Text. Die, während diese Zeilen geschrieben werden, im 20. Tag des Hungerstreiks befindlichen Umweltaktivist*innen, beweisen allerdings das Gegenteil. Ebenso wurde gezeigt, dass eine Befreiung der Menschen in dieser Welt nicht gelingen kann, wenn man sich in einer Ersatzrealität befindet, da man die wichtigen Fragen zwangsweise falsch beantworten muss: Es ist von allergrößter Wichtigkeit, dass linke Bewegungen ihre Pläne niemals nach Tarot-Karten richten werden. Mit dem menschlichen Glück und der Freiheit als Ziel, ist daher für einen starken Antiokkultismus zu plädieren.

Letztendlich kann die (geistige) Freiheit anderer dennoch nicht erzwungen werden, da auch dieser Zwang die Freiheit verhindern würde. Der Antiokkultismus stößt dort entsprechend an seine Grenzen. Inwieweit also okkulten Tendenzen gegenüber Toleranz gezeigt werden kann oder sollte, sowie die Frage danach, wo das richtige Maß zwischen Prinzip und individueller Freiheit liegt, kann mit dem vorliegenden Text nicht ausführlich beantwortet werden. Im Zweifel ist die weniger totalitäre Option zu bevorzugen.

Die letzten, alles sagenden Worte dieses Artikels soll die „geprüfte Astrologin“ (Jung, 2004) und Leiterin der Astropraxis in Hamburg, Helen Fritsch, haben, die in einem Interview mit dem Hamburger Abendblatt gefragt wird, was denn aus astrologischer Sicht passiere, wenn ein Planet seine Bahn verlässt. Ihre Antwort: „Ich habe keine Ahnung“ (ebd.).

Nachwort

Wie zu fast jedem Textstück, gibt es auch zu diesem einen konkreten Anlass. Dieser findet sich im persönlichen Umfeld des Autors, welches eine generelle Offenheit gegenüber der Astrologie aufzeigt und selbst bei kritischer Einstellung nur wenige konkrete Kritikpunkte hervorzubringen vermag. Sei es das Tätowieren von Sternzeichen, das Herunterladen queerer Horoskop-Apps oder die generelle Verbreitung von Tarot-Karten – trotz des Linksseins oder Queerseins wird sich mit jenen (gefährlichen) Themen sehr locker befasst und über das eigene Gefühl, dass es ja eigentlich doch Quatsch sei, hinweggesetzt. An genau dieses Gefühl appelliert daher der vorliegende Text, denn es deutet an, was sich wirklich dahinter verbirgt.

Es ist möglich, den vorliegenden Text als eine pure Häme für linke Astrolog*innen zu lesen. Dieser Ansicht sei entgegengesetzt, dass sich die wirkliche Häme bei jenen findet, die aus den für diese Vernünfteleien anfälligen Menschen auch noch Kapital schlagen: professionelle Astrolog*innen, Esoteriker*innen, Homöopath*innen, etc. Es geht dagegen bei diesem Text nicht darum, Schaden für jene anfälligen Menschen zu erzeugen, sondern ganz im Gegenteil, weiteren Schaden zu verhindern. Der Text soll eben nicht eine einzige Beleidigung darstellen, sondern die Lust für das kritische Denken wecken und genau auf diese Weise ermöglichen, dass die Menschen eigenständig Scharlatane erkennen, wenn sie vor ihnen stehen; er soll linken Gruppen einen Ausgangspunkt geben, welchen sich diese als Basis für weitere Gespräche und Vertiefungen zur Problematik machen können, um so die eigene Anfälligkeit und die der Menschen im Umfeld auszuräumen.

Für die Freiheit.

Literaturverzeichnis