CN: (sexualisierte und gynäkologische) Gewalt und Grenzüberschreitungen, Misogynie, Transfeindlichkeit, (ungewollte) Schwangerschaft, Body Shaming, Ableismus

Misogynie, Ableismus, Body Shaming, Transfeindlichkeit: viel zu häufig erleben Personen mit Uterus Grenzüberschreitungen und Gewalt. Auch und teils insbesondere durch medizinisches Personal, wenn es um das Thema Verhütung geht. Schmerzen und Nebenwirkungen werden nicht ernst genommen, Bedenken ignoriert und Selbstbestimmung verweigert. Diese investigative Recherche gibt einen Einblick in die systematische Marginalisierung und Grenzüberschreitungen, die Verhütung und Besuche bei Ärzt:innen leider oft mit sich bringen.

Verhütung - die ungesehene Gewalt Verhütung - die ungesehene Gewalt

Stellen wir uns vor, ein cis Mann lässt sich für viel Geld ein Hormon-Verhütungsstäbchen in seinen Penis schieben. Damit dieses Stäbchen wirkt und keine Komplikationen verursacht, muss vorher genau ausgemessen und dann ein passendes Modell ausgewählt werde. Dennoch legen viele Ärzt:innen nur ein oder zwei Standardmodelle, da diese angeblich immer passen würden. Passt das Stäbchen nicht oder sitzt es nicht richtig, kann es u.a. Schmerzen und Blutungen auslösen und verhütet nicht richtig. Seit der Einlage hat der Mann hormontypische starke Nebenwirkungen wie Dauerblutungen, Schmerzen, Stimmungsschwankungen und entwickelt eine Depression. Der Arzt weigert sich jedoch, das Verhütungsstäbchen wieder zu entfernen und behauptet, die Symptome ständen nicht mit dem Stäbchen in Verbindung, wären wahrscheinlich nur Einbildung und nicht so wild. Nach drei Monaten ist der Mann so verzweifelt, dass er sich das Stäbchen betrunken selbst zu ziehen versucht und anschließend blutend, mit halb gezogenem Verhütungmittel ins Krankenhaus gebracht werden muss.

Klingt martialisch und unglaublich? Für einen cis Mann ja. Doch dies ist die Erfahrung einer cis Frau mit der Hormonspirale. Und leider ist das absolut kein Einzelfall sondern viel eher Alltag für zahlreiche Menschen mit Uterus, die versuchen, die Kontrolle über ihre Gebärfähigkeit zu übernehmen und sich von der obligatorischen Pille abwenden.

Beispielsweise berichtete eine Userin in einer geschlossenen Gruppe auf Facebook, dass sie – nach dem Absetzen der hormonellen Verhütung aufgrund eines Kinderwunschs – psychische Probleme entwickelte. Als sie dies bei ihrer Gynäkologin ansprach, meinte diese nur, dass ihre Depressionen schon verschwinden würden, wenn sie es denn endlich schaffen würde abzunehmen und ihr „Idealgewicht“ erreicht hätte. Seit mehreren Jahren bin ich Teil verschiedener geschlossener Gruppen zu den Themen Kupferverhütung und Sterilisation und seitdem lese ich beinahe täglich Beträge von wütenden oder verzweifelten Menschen mit Uterus, die von Body shaming, Ableismus und Misogynie ihrer Ärzt:innen berichten.

Im Folgenden werde ich versuchen, anhand zahlreicher Beispiele einen geordneten Überblick über das Erlebte verschiedener Personen zu geben. So begann ich vor einigen Monaten eine Recherche zu Verhütung und Gewalt. Zahlreiche Menschen mit Uterus schrieben mir ihre Erfahrungen. Mit dieser Reportage möchte ich einen Einblick in die Welt der systematischen Marginalisierung und Grenzüberschreitungen geben, die Verhütung und Besuche bei Ärzt:innen mit sich bringen.

Nebenwirkungen von Pille und Hormonspirale

Blister-Packung der Pille Blister-Packung der Pille

Lisa*, Alter unbekannt, ließ sich auf anraten ihrer Gynäkologin die Hormonspirale einsetzen. Nach nur drei Monaten litt sie unter so starken Schmerzen, extremem Haarausfall, einer Gewichtszunahme von 6kg und Depressionen, dass sie zu ihrer Ärztin ging. Dort wurde sie jedoch nur ausgelacht. Auch die Arzthelferinnen hätten gemeinsam mit der Ärztin ihre Beschwerden ins Lächerliche gezogen. Als sie merkten, dass Lisas Anliegen die Spirale wieder zu ziehen ernst gemeint war, wurde sie rausgeworfen. Sie wechselte zu einem anderen Arzt, der feststellte, dass die Spirale viel zu groß für sie war und sie „ein Jahr lang theoretisch mit Dauerwehen rumgelaufen“ sei. Anschließend legte er ihr eine passende Kupferspirale. Seitdem sind ihre Beschwerden verschwunden.

Eine Userin auf Twitter berichtet, dass sie mit Thrombose ins Krankenhaus eingeliefert wurde, nachdem zwei männliche Ärzte ihr vorher erklärt hätten, es „sei eh nix“ und sie solle „nicht so hysterisch“ sein. Einer meinte, sie hätte eine Gelenkentzündung. Sie machte ihn darauf aufmerksam, dass sie die Pille nehme und eine Thrombose vermutete und er erwiderte „Sie sind zu jung, das ist sicher keine Thrombose. Regen sie sich nicht künstlich auf. ICH bin hier der Arzt.“ Hätte sie nicht hartnäckig darauf bestanden, ihre Beinvene schnallen zu lassen, wäre sie „vielleicht nicht mehr am Leben“. Einer der Ärzte hätte noch über sie „abgelästert“, bis der Verschluss auf seinem Schirm aufgetaucht sei. Nachdem ihr zwei Tage lang nicht geglaubt wurde, wurden plötzlich alle ganz hektisch, da eine mögliche Folge eine Lungenembolie sei. Anschließend musste sie „eineinhalb Jahre lang Gerinnungshemmer nehmen, regelmäßig neu einstellen gehen und die Pille absetzen.“ Jedoch stellte sich im Nachhinein bei einer anderen Ärztin heraus, dass diese eineinhalb Jahre ebenfalls eine Fehlbehandlung darstellten: „Um Himmels Willen! Sofort absetzen!“ Eineinhalb Jahre wären viel zu lang, meinte die Ärztin.

Darunter berichtet eine andere Userin, dass sie während der Pille keine richtige und danach gar keine Menstruation gehabt habe. Ihre Gynäkologin hielt dies für „normal“, wodurch sehr lange nicht auffiel, dass sie „einen Prolaktinspiegel über 250 hatte, der eine Amenorrhö ausgelöst hat. Prolaktinom heißt der kleine Freund in meinem Kopf.“ Der Tumor wurde nur entdeckt, weil ein Neurologe ein MRT wegen Kopfschmerzen machen wollte.

Eine andere Person schrieb, dass sie vier Monate, nachdem sie anfing die Pille zu nehmen, nach einer „4-Etagen-Thrombose und beidseitiger Lungenembolie 10 Tage auf der Intensivstation“ gelegen habe. Trotz Krankenwagen und Transport in die Notaufnahme, hatten es die Ärzt:innen jedoch zunächst auf ihren Kreislauf geschoben.

Die Beispiele zeigen: die Pille ist nicht harmlos! Sogar Ärzt:innen unterschätzen die Nebenwirkungen und Gefahren. Stattdessen verschreiben sie sie schon an 14 jährige Mädchen, für schöne Haut und Haare, ohne ordentliche Aufklärungsgespräche. Dabei stieg das Risiko für Thrombosen mit jeder neuen Pillengeneration signifikant an. Dennoch wird die Pille wird als das perfekte und alternativlose Wundermittel dargestellt. Dementsprechend tief verankert ist diese Ansicht in der Gesellschaft. Selbstverständlich hat die Pille nicht nur schlechte Seiten. Ihre Einführung war revolutionär und die Fähigkeit, die eigene Fruchtbarkeit zu kontrollieren, war ein enorm wichtiger Schritt in der Emanzipation von Frauen. Auch bei Endometriose und anderen Krankheitsbildern kann die Pille die Symptome lindern – ganz abgesehen davon, dass sie bei korrekter Einnahme das sicherste Verhütungsmittel nach einer Sterilisation ist. Doch die sorglose Einnahme und die gesellschaftliche und ärztliche Verklärung von hormoneller Verhütung ist gefährlich, kann zu massiven Nebenwirkungen und Schmerzen und im schlimmsten Fall zum Tod führen. Die Pille wird von Vielen gut vertragen, aber ebenso von Vielen eben nicht. Beschwerden und Nebenwirkungen müssen ernst genommen und dürfen nicht heruntergespielt werden.

Probleme mit Kupferkette und -spirale

Spirale Spirale

Gerade bei der Kupferspirale sind ein genaues Ausmessen und die Wahl der passenden Spirale notwendig. Wie bereits am ersten Beispiel beschrieben kann es sonst zu starken Nebenwirkungen wie Schmerzen, Blutungen und mangelhafter Verhütung kommen. Dennoch haben viele Ärzt:innen nur ein oder zwei „Standardmodelle“ auf Lager und legen diese pauschal. Haben die Betroffenen Menschen mit Uterus anschließend Beschwerden, werden diese einfach abgetan. Oft werden sie gar zu psychischen Problemen gemacht. Es folgt ein längerer Leidensweg, bis ein:e Ärzt:in gefunden wird, die korrekt ausmisst und passende Modelle wählt.

Es gibt nicht sonderlich viele Möglichkeiten hormonfrei zu verhüten und Kupfer ist eine der sichersten Methoden. Doch selbst bei passender Spirale oder der Kupferkette kann es zu Komplikationen kommen. Einige Menschen mit Uterus vertragen Kupfer nicht, entwickeln Haarausfall, extrem starke Blutungen oder haben unerträgliche Schmerzen während ihrer Menstruation. Diese Beschwerden müssen ernst genommen und nicht nur abgetan werden.

Sterilisation

Während jeder volljährige Mensch mit Penis meist problemlos eine Vasektomie durchführen lassen kann, wird Menschen mit Uterus diesbezüglich jegliche Zurechnungsfähigkeit abgesprochen. Frühestens ab 40 mit mindestens drei Kindern, lautet bei vielen Ärzt:innen die Antwort, „aber schicken Sie doch ihren Partner her“. Sehr häufig wird nach der Meinung oder gar der Erlaubnis(!) des Partners gefragt - teils sogar nach einer schriftlichen. Auch Falschbehauptungen werden getätigt. So berichten Frauen beispielsweise davon, dass ihre Gynäkolog:innen behauptet hätten, dass die Sterilisation (von Frauen) in Deutschland illegal sei. Andere bezeichnen den Eingriff als „Schandtat“. Der Wunsch junger kinderloser Menschen mit Uterus, sich sterilisieren zu lassen, wird meist abgetan, weil sie zu jung seien, das deshalb noch nicht überblicken und entscheiden könnten. Eine Sterilisation sei eine Entscheidung für‘s Leben, die junge Personen nicht treffen könnten. Eine Schwangerschaft in jungen Jahren dagegen gilt für die gleichen Ärzt:innen aber als etwas „Wunderbares“. Als sei Letzteres nicht auch eine Entscheidung für‘s Leben – mit dem Unterschied, dass sterilisierte Personen noch adoptieren können. Außerdem können Sterilisationen – je nach Methode – reversibel sein. Junge Schwangere werden ihr Kind jedoch nicht so einfach „wieder los“, wenn sie es bereuen. Ein Kind zu bekommen ist irreversibel und damit noch viel mehr „eine Entscheidung für‘s Leben“. Die einzige Möglichkeit ist es, zur Adoption freizugeben oder es von Verwandten aufziehen zu lassen. Hier muss auch das Tabuthema „Regretting Motherhood“ angesprochen werden, also Mütter, die ihre Kinder lieben, im Nachhinein aber lieber kinderlos geblieben wären.

Für viele Menschen mit Uterus kommt hormonelle Verhütung nicht in Frage weil sie nicht vertragen wird oder aufgrund von Krankheiten zu gefährlich wäre. Hormonfreie Verhütung ist oft kostspielig und/oder nicht so sicher und wird auch nicht immer vertragen. Dennoch ist bei nicht vorhandenem oder bereits abgeschlossenem Kinderwunsch eine Sterilisation kaum zu bekommen. Ein paar Beispiele:

Sarah* neigt erblich bedingt zu Depressionen und Thrombose: Mit 15 wurde ihr die Pille gegen leichte Akne verschrieben. Verhütung wurde für sie jedoch erst mit 19 relevant, weshalb sie sich die Kupferkette legen lassen wollte. Laut ihrem Gynäkologen wäre diese aber angeblich in diesem Alter nicht geeignet und er verschrieb ihr eine andere Pille. Nebenwirkungen seien selten und müssten nur wegen gewisser Richtlinien in der Packungsbeilage stehen, aber es gäbe eigentlich keine – wieder auch beim letzten Mal wurde keine Familienanamnese durchgeführt und stattdessen die Pille verharmlost. Sarah lies sich zwei Mal die Kette legen, die jedoch beide Male wieder herausfiel und die Spirale verrutschte. Daraufhin wurden ihr Hormone als einzige Möglichkeit präsentiert, obwohl sie mehrfach betont hatte, dass sie auf Grund der familiären Krankheitsgeschichte auf keinen Fall Hormone nehmen möchte. Dennoch drückte er ihr einen Probe-Pillenblister mit den Worten "bei ihrem Becken, werden sie sowieso gleich schwanger" in die Hand. Bis heute versuchen Ärzt:innen, ihr die Hormonspirale aufzuschwatzen und verweigern ihr eine Sterilisation.

Alexandra*, 27, kinderlos und schon immer ohne Kinderwunsch: Mit 19 erkrankte sie an hochaktiver Multipler Sklerose und wurde zuletzt mit Chemotherapeutika behandelt. Eine Schwangerschaft könnte zu einem schwerst eingeschränkten Kind führen und sie selbst noch kranker, im schlimmsten Fall pflegebedürftig machen. Dennoch sei das laut mehreren Ärzt:innen kein Grund, keinen Kinderwunsch zu haben. Eine Sterilisation wurde auch ihr bis heute verweigert.

Melanie*, 29, kinderlos, schon immer ohne Kinderwunsch: Sie ist bereits seit elf (!) Jahren in ganz Deutschland auf der Suche nach einem*r Ärzt:in, der*die sie sterilisiert. Eine Ärztin sagte zu ihr: „dann gehen Sie halt nach Tschechien und lassen das unsteril bei einem Hinterhof-Metzger machen. Ein guter Deutscher Arzt macht das nie bei Ihnen, wenn sie keine Kinder haben! Sie ändern ihre Meinung sowieso und bereuen es!“

Etwas ähnliches musste sich auch Clara*, 25, kinderlos, schon immer ohne Kinderwunsch, anhören: Seit über 7 Jahren auf der Suche nach einer Sterilisation. Ihre gesundheitlichen und psychischen Probleme wurden nie ernst genommen. Ein Arzt meinte zu ihr: „Der Kinderwunsch kommt, wenn man schwanger ist. Lassen Sie sich erstmal schwängern.

Layla*, 22, kinderlos, schon immer ohne Kinderwunsch: leidet an verschiedenen Krankheiten und nimmt seit acht Jahren die Pille. Seit Beginn der Einnahme hat sie Nebenwirkungen wie extreme Gewichtszunahme (über 60 kg), übermäßige Schweißproduktion und Depressionen. Seit vier Jahren nimmt sie die Pille durch, da ihre Menstruation so stark war, dass ihr HB-Wert unter sieben gefallen ist und sie Eisenpräparate schlecht verträgt. Sie wollte ihren Wunsch nach einer Hysterektomie (ganze oder teilweise Gebärmutterentfernung) oder einer Endometriumablation (Ausschabung der Gebärmutter, um die Blutungen stark zu reduzieren) als medizinische Indikation bei ihrem Gynäkologen ansprechen und begann, dass sie ein – für ihr Alter ungewöhnliches Anliegen hätte. Ihr Arzt dachte zunächst, dass sie schwanger werden wolle. Als sie ihm von ihren Beschwerden erzählte und erklärte, dass sie keinerlei Kinderwunsch hätte, antwortete er ihr, dass er ihr eine Überweisung fertig machen würde … in die Psychiatrie. Sie sagte ihm, dass sie bereits seit Jahren in Behandlung sei, doch er hörte ihr nicht zu. Niemand würde die OP durchführen, bevor sie 45 sei und da sie die Pille doch vertrage, sehe er ihr Problem nicht. Er hätte auch 5 kg zugenommen und würde keine Hormone nehmen.

Katrin*, Alter unbekannt, kinderlos: verhütete jahrelang mit verschiedenen Hormonen und entwickelte starke Depressionen. Zusätzlich hat sie seit ihrem 14. Lebensjahr Zysten und deshalb „massive Schmerzen und extreme Blutungen, sodass (…) [sie] ohne Schmerzmittel nicht klarkomme.“ Da ihre Schmerzen ca. zwei Wochen anhalten, wollte sie sich auf Endometriose testen, sich sterilisieren und dabei eine Endometriumablation durchführen lassen. Anstatt sich ihrer Beschwerden anzunehmen, wurde ihr „Homöopathie empfohlen mit dem Zusatz, wenn ich wieder gesund bin, will ich auch wieder Kinder … Als ‚kranker‘ Mensch hat man halt keine Selbstbestimmung mehr.“ Sie berichtet, dass besonders der letzte Satz sie ziemlich fertig gemacht hätte und sie angefangen habe zu denken, dass sie „krank und nicht normal“ sei, weil sie keinen Kinderwunsch hat.

Sandra*, Alter unbekannt, sterilisiert: Als sie für ihren neuen Nebenjob ein ärztliches Attest brauchte, dass sie physisch und psychisch gesund genug für die Pflege sei, meinte ihr Hausarzt, dass er nicht glaube, dass sie psychisch stabil sei. Auf ihre Nachfrage antwortete er, dass sie erst im Vorjahr sterilisiert wurde und er deshalb an ihrer psychischen Verfassung zweifle.

Luisa*, Alter unbekannt: Sie war bereits bei zahlreichen Ärzt:innen und musste sich viele verschiedene grenzüberschreitende Aussagen anhören. Die schlimmste war: „Sterilisieren lassen sich nur Leute (gemeint: Menschen mit Uterus), die zu blöd sind zu, verhüten.“ Unter ihrem Beitrag kommentieren zahlreiche andere Menschen mit Uterus, die von ähnlichen grenzüberschreitenden Aussagen von Ärzt:innen berichten: „Sie wollen keine Kinder? Dann sind Sie auch keine Frau!“. Auch im persönlichen Umfeld kamen Aussagen wie: „Wenn du nicht schwanger werden willst, dann halt gefälligst die Beine zusammen“, „dann kannst du ja total rumvögeln“, oder „Frauen, die sich sterilisieren lassen wollen doch nur ohne Reue rumvögeln.“ Dies zeigt deutlich die misogyne Art, mit der Frauen ihre Sexualität abgesprochen wird. Sie dürfen nicht „herumvögeln“, sondern sollen „ihrem“ Mann zu Diensten sein und möglichst viele Kinder bekommen.

Menschen mit Uterus werden in unserer Gesellschaft auf ihre Reproduktionsfähigkeit reduziert. Eine Frau muss Kinder haben (wollen), sonst ist sie keine „richtige“, keine „vollständige Frau“ – oder einfach ein schlechter egoistischer Mensch. Nichts fürchtet das Patriarchat mehr, als Frauen, die ihre Gebärfähigkeit kontrollieren und diese gar verweigern. „Wer zahlt dann deine Rente?“, „Wer kümmert sich um dich?“, „Was ist, wenn dein Partner Kinder möchte?“, „Du bist zu jung, um das zu wissen“, „Wenn der Richtige kommt, willst auch du Kinder“. Die Seite „Selbstbestimmt Steril“ hat die häufigsten unangebrachten Bemerkungen zur Sterilisation in einem „Bullshit Bingo“ gesammelt:

  • Bullshitbingo
    Sobald der Richtige kommt, wirst du den Wunsch schon noch verspüren.
    Du bist ja nur karrieregeil. Geld kann kein Kinderlachen ersetzen.
    Deine Karriere kommt dich im Altersheim aber nicht besuchen.
    Ein Hund/eine Katze kann aber die Liebe eines Kindes nicht ersetzen!
    Ach, wirst du dann so eine verrückte Katzenlady?
    Ohne Kinder wird man den Sinn des Lebens niemals begreifen!
    Nachwuchs ist der Sinn des Lebens!
    Warst du deswegen schon beim Psychologen?
    Was machst du nach der Sterilisation, wenn eins deiner Kinder stirbt?
    Was ist denn in deiner Kindheit schiefgelaufen, dass du so denkst?
    Anscheinend bist du in deiner Situation mit deinem Mann einfach zu glücklich.
    Weihnachten wird erst mit Kindern so richtig schön.
    Das Bild zeigt eine Zeichnung eines Uterus
    Und was machst du, wenn dein Traummann Kinder möchte?
    Wieso lässt dein Mann/Freund keine Vasektomie machen?
    Die Welt geht zugrunde, weil kluge Menschen wie du keine Kinder bekommen.
    Und was willst du dann mit deinem Leben anfangen?
    Und was willst du der Gesellschaft zurückgeben?
    Es gibt Frauen, die würden alles dafür geben, fruchtbar zu sein.
    Das versteh ich gar nicht - so viele Frauen wünschen sich Kinder.
    Kinder machen dich zu einem besseren Menschen.
    Seitdem ich Kinder habe, weiß ich, was wahre Liebe ist.
    Erst durch ein Kind erkennt man, was echte Liebe ist.
    Ach, Männer brauchen halt immer etwas länger beim Kinderwunsch.
    Einzelkind? Der muss doch lernen zu teilen!

Diese Aussagen sind alle grenzüberschreitend. Nur die Person mit Uterus entscheidet, ob sie schwanger werden/sein/bleiben möchte – oder nicht. Bei einigen ist der nicht vorhandene Kinderwunsch krankheitsbedingt, bei anderen liegt es an erlebten Traumata, bei den meisten ist es aber schlicht und einfach keine Lust auf Kinder. Kaum bekannt ist die Tokophobie: die Angst vor Schwangerschaft. Einige Menschen mit Uterus machen manisch Schwangerschaftstest, manche haben vor lauter Angst, schwanger zu werden, keinen Spaß mehr am Sex. Fruchtbarkeit kann eine enorme psychische Belastung darstellen. Immer wieder lesen sich ähnliche Formulierungen. Die Betroffenen wollen nicht, dass „etwas“ oder „es“ in ihnen heranwächst. Alles, was mit Schwangerschaften zu tun hat – selbst im Fernsehen oder in Büchern – ist als etwas negatives oder ekliges konnotiert. Umso wichtiger ist es, Menschen mit Uterus endlich Selbstbestimmung zu ermöglichen! My body, my rules, my choice!

Ärztliche Bevormundung und Grenzüberschreitungen

Unabhängig der Verhütungsmethode scheinen besonders Gynäkolog:innen besonders unsensibel und grenzüberschreitend mit ihren Patient:innen umzugehen. Dabei gehören gynäkologische Untersuchungen und Beschwerden zu den psychisch belastendsten und potenziell triggerndsten Situationen im medizinischen Bereich. Schnell können Traumata wieder hochkommen – oder neue entstehen. Das Entblößen vor Fremden, das Eindringen mit Instrumenten und Fingern, ist stets eine empfindliche Situation, die grenzüberschreitend, schmerzhaft und psychisch belastend sein kann. Hierfür braucht es sensible Ärzt:innen, die Verständnis und Empathie aufbringen, stets erklären, was sie machen und alles vorher(!) abklären. Ohne Absprache und Einwilligung handelt es sich um grenzüberschreitendes Verhalten! Doch dies scheint Vielen nicht bewusst zu sein. Für die Ärzt:innen ist es Alltag und die Routine lässt sie scheinbar den Konsens oft vergessen. Andere nehmen sich Dinge heraus, die die Privatsphäre ihrer Patient:innen überschreiten, bevormundend und in keinster Weise angemessen sind.

Jessica* ließ sich mit Anfang 20 das Implanon (Verhütungsstäbchen) setzen, das sie auch gut vertrug. Nach einem Umzug musste sie aufgrund einer Zyste zu einem neuen Gynäkologen. Als dieser hörte, dass sie das Implanon benutze, brauste dieser auf und beschimpfte sie lautstark: "Wie kann man auch nur so dumm sein damit zu verhüten? Kein Wunder, dass Sie Zysten haben! Das haben Sie jetzt davon." Anschließend versuchte er erfolglos, die Zyste zu zerdrücken. Jessica beschrieb den Vorgang wie folgt: „Um es zu veranschaulichen: Stell dir vor du bist eine Handpuppe. Eine Hand von innen und dann mit der anderen von außen gegen den Körper gedrückt. Angenehm ist anders.“

Clara*, hatte mit der Pille verhütet, wollte jedoch aus praktischen und finanziellen Gründen eine längerfristige Verhütung: das Hormonstäbchen (Wirkung: drei Jahre). Der Arzt erzählte ihr, dass es in Deutschland zu dem Zeitpunkt eine(!) Frau gegeben hätte, bei der das Stäbchen gewandert wäre und zum Zeitpunkt der geplanten Entfernung nicht mehr aufzufinden war. Die Restwirkzeit wäre dann noch mal bis zu zwei Jahre gewesen. Da sie 20 war, hätte das Stäbchen also laut Plan bis 23 gehalten, im schlimmsten Fall bis 25. Aussage des Arztes: "Ich habe keine Lust, dass es dann in MEINER Verantwortung liegt, wenn Sie nicht sofort mit 23 schwanger werden können. Und DASS sie bis dahin schwanger werden wollen - wenn nicht sogar vorher schon - GARANTIERE ich Ihnen!" Daraufhin verschrieb er ihr weiterhin die Pille, obwohl sie diese explizit nicht wollte.

Mira*, Alter unbekannt: setzte die Pille ab und wollte sich die Kupferkette einsetzen lassen. Ihr Arzt machte sie so fertig, dass sie 40 Minuten lang im Sprechzimmer weinte. Die Kupfersysteme wären „furchtbar“ und sie solle „gefälligst“ weiterhin die Pille nehmen. Solange sie Vegetarierin sei und deshalb „offensichtlich“ nicht auf ihren Körper achte (sonst würde sie ja Fleisch essen) würde er ihr auf keinen Fall eine Hormonspirale legen. Außerdem hätte er sie „schlauer eingeschätzt“. Auf ihre Einwände, dass sie überhaupt nicht die Hormonspirale, sondern die Kupferkette wolle und ihre Werte „trotz“ vegetarischer Ernährung top seien, ging er nicht ein. Stattdessen verschrieb er ihr – gegen ihren Willen – wieder die Pille.

Anna*: ihr wurde mit 14 - obwohl mehrmals betont wurde, dass kein Interesse an sexuellen Aktivitäten besteht - die Pille gegen Schmerzen verschrieben. Da es alle Mädchen in ihrem Alter als Beweis der "Weiblichkeit" und Trendprodukt für große Brüste seit Beginn der Menstruation nahmen, habe sie zusätzlich einen gesellschaftlichen Druck empfunden, da sich teilweise sogar über menstruierende Personen, die keine Pille nahmen, lustig gemacht wurde. Nach Schmerzen im Unterleib wurde sie von ihrer Gynäkologin ohne weitere ausführende Erklärungen auf die Entbindungsstation des Krankenhauses überwiesen. Dort wurde bei einer Untersuchung mit zwei Ärztinnen und einem jungen Arzt, der sich vorher schon in Anwesenheit ihrer Mutter sexistisch über sie äußerte, gefragt: „Ist sie noch Jungfrau?“. Als dies bestätigt wurde, meinte eine Ärztin „Naja, okay. Dann eben anal.“ und ihr wurde - ohne Vorwarnung - ein Ultraschallstab rektal eingeführt. Dabei wurden bei vorhergehenden gynäkologischen Untersuchungen schon vaginale Einführungen durchgeführt, wonach aber nicht gefragt wurde (Anm. der Autorin: laut meinem früheren Gynäkologen dürfe dies erst nach dem ersten Geschlechtsverkehr geschehen).

Nachdem sie ohne Befund entlassen wurde, hatte sie mehrere Nächte Weinkrämpfe. Menschen, denen sie sich anvertraute und vor denen sie sich entblößte, hatten ihr Vertrauen missbraucht und sie physisch (das Einführen war durch die fehlende Vorwarnung besonders schmerzhaft) und psychisch verletzt.

Mit 15 oder Anfang 16 Jahren wollte sie die Pille absetzen, weil sie schon damals glaubte, negative Auswirkungen auf Psyche und Physiologie zu merken und die Anzahl depressiver Zeiträume und somit auch die Angst davor zunahm. Doch die Gynäkologin fragte nur, ob sie einen Freund habe. Das hatte sie zu diesem Zeitpunkt. Allerdings hatten beide beschlossen, erstmal noch nicht sexuell aktiv zu werden. Außerdem kannten sie sich „bestens mit Kondomen aus“. Die Ärztin meinte daraufhin, dass sie ihr: “nicht erlauben“ würde, die Pille abzusetzen, „denn das geht schneller als du denkst und das kannst du gar nicht so steuern“. Annas* Sorgen bezüglich der Pille nahm sie nicht ernst. Stattdessen sprach sie ihr jegliche Mündigkeit ab. Auf Fragen, ob es Alternativen zur hormonellen Verhütung bzw. eine Schmerzbehandlung ohne Pille gäbe, bekam sie keine Auskunft.

Transfeindlichkeit

Gerade für trans Männer kann der Besuch beim „Frauenarzt“ belastend sein. Nicht nur andere Patient:innen, auch medizinische Angestellte und Ärzt:innen stellen grenzüberschreitende, belastende oder persönliche Fragen oder verhalten sich diskriminierend. Ein sensibler Umgang wäre wichtig und notwendig, doch zu tief stecken cis-binäre Geschlechtsvorstellungen und Transfeindlichkeit in den Köpfen fest. Oft ist es nicht Böswilligkeit, sondern schlicht Unsicherheiten oder fehlendes Wissen, wie mit trans oder nicht binären Patient:innen umzugehen ist. Dementsprechend wichtig wären Kurse und Fortbildungen, aber auch allgemeine gesellschaftliche Aufklärung. Erst seit 2017 können Behandlungen wie Mammografien unabhängig vom behördlichen Geschlechtseintrag bei der Krankenkasse abgerechnet werden und erst seit Juli 2019 lassen sich die Behandlungen von trans und inter Personen normal über die Krankenkasse abrechnen.

Implant Files

Schmerzen und Probleme von Menschen mit Uterus werden kleingeredet oder ignoriert. „Hab dich nicht so“ heißt es meistens. „Die Menstruation tut halt weh!“ Dadurch werden Krankheiten wie Endometriose häufig nicht oder erst sehr spät erkannt. Teils werden sie gar als psychische Probleme abgetan, anstatt z.B. auf Endometriose zu untersuchen. Es wird „jetzt reißen Sie sich mal zusammen“ gesagt, anstatt zu verstehen, dass manche Geburten deutlich mehr weh tun als andere. Dieses misogyne Verhalten führt dazu, dass viele Schmerzpatient:innen einen jahrelangen Leidensweg durchmachen müssen, bis ihre Krankheiten erkannt werden – wenn sie denn überhaupt erkannt werden.

Ein erschreckendes Beispiel für die Misogynie im Gesundheitssystem ist der Anstoß zur Recherche zu den sog. Implant Files. Hierbei handelt es sich um eine große Recherche über fehlerhafte, gefährliche und chronische Schmerzen verursachende Implantate, die von Journalistin Jet Schouten mit einem Implantat aus einem Mandarinennetz angestoßen wurde. Schouten hörte von einer Zuschauerin ihrer Sendung, dass diese seit der Implantation eines Vaginalnetzes starke Schmerzen hatte. Obwohl sie den Arzt anflehte das, Netz wieder zu entfernen, soll er geantwortet haben: "Nein, Sie müssen warten. Die Schmerzen sind normal. In einigen Wochen nehmen wir es heraus." Dies sei jedoch nicht geschehen, da es verwachsen war und fest steckte. Schouten rief daraufhin bei der niederländischen Gesundheitsbehörde an und fragte, ob Probleme mit diesem Implantat bekannt seinen. Diese verneinte. Nachdem die Journalistin in ihrer Sendung darüber berichtete, meldeten sich zahlreiche weitere Personen mit Uterus bei ihr, die von ähnlichen Problemen berichteten. Einigen sei durch die Sendung erst klar geworden, dass sie ein Vaginalnetz in sich tragen. Gynäkolog:innen hätten ihnen nichts von einem Implantat, sondern nur von einer neueren, besseren und schnelleren Methode als einer klassischen Operation erzählt. Zuerst konnte oder wollte niemand das Netz der Anruferin herausnehmen. Am Ende fand sich ein Spezialist in Los Angeles, der es für 20.000$ entfernte. Selbst nach der Operation leidet die Frau noch immer unter Schmerzen. Der Fall der Zuschauerin inspirierte Schouten zu einem Test: sie imitierte ein fehlerhaftes Vaginalnetz aus einem Mandarinennetz, dessen Form von der auf dem Markt üblichen abwich. Dennoch erhielt sie drei Andeutungen, dass einer Zulassung nichts im Wege stehen würde. Es gab sogar Verhandlungen über den Preis und Gespräche darüber, welche Tests besser ausgelassen werden sollten, um die Zulassung zu beschleunigen. „Das ist eine Business-to-Business-Beziehung“, meint die Journalistin im Interview mit der SZ.

Ihr Mandarinennetz-Test stieß die Implant Files Diskussion an, in Folge derer z.B. Brustimplantate aus billigem Industriesilikon, Herzschrittmacher, die unkontrollierte Stromschläge auslösen und Prothesen, die sich im Körper zersetzen aufgedeckt wurden. Darunter auch eine Spirale zur Dauerverhütung von Bayer, die Essure, die massivste Komplikationen hervorrief.

Essure

Essure in Uterus Essure in Uterus

Bei der Essure handelt es sich um eine Spirale zur Dauerverhütung, die seit 2001 in je beide Eileiter eingeführt wird. Sie dehnt sich aus und löst eine Entzündung aus, die eine Vernarbung zur Folge hat. Diese verschließt die Eileiter und versperrt dadurch den Weg zur Befruchtung. Das Material der Essure hatte bereits vorher zu Komplikationen geführt. Außerdem meinte eine Verbrauchervertreterin: von permanenter Sterilisation zu sprechen, obwohl man nur wisse, dass das Produkt für eine überschaubare Zeit sehr gut funktioniert habe, sei „ein wenig riskant“. Dennoch wurde das Produkt vermarktet. Dies zog massive Komplikationen mit sich.

„Michelle Garcia, die auch öffentlich gegen Essure kämpft, sagt, sie wäre beinahe verblutet, weil eine ihrer Spiralen einen Eileiter verletzte. Sie ließ sich daraufhin beide Essure-Spiralen entfernen - die Probleme gingen weiter. ‚Ich habe am Donnerstag erfahren, dass mehrere Metallteilchen in meine Bauchfellhöhle gewandert sind‘, schreibt sie in der Facebook-Gruppe. Außerdem habe sich übermäßig viel Narbengewebe gebildet, das ihr nicht endende Unterleibsschmerzen verursache. Es bedürfe wohl mehrerer Operationen, um das Gewebe und die Metallfragmente zu entfernen. Am meisten leide sie aber unter der Posttraumatischen Belastungsstörung, einer Folge der Verletzung.“ - SZ

Essure in Uterus, verwachsen Essure in Uterus, verwachsen

Mehr als 40.000 Menschen mit Uterus sammelten sich allein in dieser Facebook-Gruppe zu Essure-Problemen. Die Nebenwirkungen, von denen die Betroffenen berichteten, waren u.a. extremer Haarausfall, Schmerzen, Blutungen, Hautausschlägen, Wanderungen der Spirale oder Metallsplittern durch den Körper, Zahnausfall, Entzündungen, chronische Müdigkeit. Teils waren sogar Gebärmutterentfernungen nötig. Auch von Autoimmunerkrankungen wurde berichtet. So hatten die Betroffenen teils keine Kontrolle mehr über Kauen und Schlucken. Auch Schwangerschaften mit Fehl- und Totgeburten, teils mit Todesfolge standen im Zusammenhang mit der Essure. Trotz allen Berichten von schwersten Nebenwirkungen und Komplikationen wurde sie erst 2017 in Europa vom Markt genommen. „Die Entscheidung stehe aber in keinerlei Zusammenhang mit Sicherheits- oder Qualitätsmängeln, heißt es.“ von Seiten des Herstellers. Doch auch danach wurde sie von einigen Gynäkolog:innen weiterhin eingesetzt. Erst seit 31. Dezember 2018 wird die Essure nicht mehr verkauft. Bis heute gibt es weder ein Eingeständnis des früheren Herstellers Conceptus noch von Bayer (seit 2013).

Wir sind nicht allein

Anstatt dem Wunsch der Patient:innen nachzukommen und die gewünschte Verhütung zu legen oder zu entfernen, entscheiden und bevormunden Ärzt:innen leider zu häufig. Teils werden Falschinformationen weitergegeben oder nur mangelhaft aufgeklärt. Den wenigsten Personen ist wohl bewusst, dass sie die Pille bedenkenlos durchnehmen können und so Blutungen und Schmerzen vermeiden. Die Pillenpause wurde nur eingeführt, da Männer damals dachten, dass sich Frauen ohne ihre Menstruation nicht mehr als wahre Frauen fühlen würden. Vielen – inklusive mir – hätte diese Information viele viele Schmerzen und Eisentabletten erspart. Gynäkolog:innen müssen besser aufklären, sensibler im Umgang mit ihren Patient:innen werden und lernen, ihre Wünsche zu akzeptieren und ihre Beschwerden, Schmerzen und Sorgen ernst zu nehmen. Menschen mit Uterus müssen endlich wie mündige Menschen behandelt werden, die sich durchaus über die Folgen ihrer Handlungen und ihren Körper bewusst sind. Beschwerden dürfen nicht einfach als psychosomatisch oder „nicht so schlimm“ abgetan werden. „Die Menstruation tut halt weh“ ist kein Argument. Es unterstellt, dass Menschen mit Uterus sich nicht so anstellen sollen. Doch Personen menstruieren unterschiedlich stark, jede fühlt Schmerzen anders und Endometriose ist weit verbreitet! Das Nichternstnehmen von Problemen gipfelt in Extrema wie dem Fall der Essure-Verhütung.

Verhütung ist oft mit Schmerzen und Nebenwirkungen verbunden. Beispielsweise ist das Legen der Spirale und der Kupferkette mit starken Schmerzen verbunden - manche lassen den Eingriff unter (Voll-)Narkose durchführen. Doch anstatt weiter zu forschen und besonders Menschen mit Penis adäquate Verhütung ohne (das ziemlich unsichere) Kondom zu ermöglichen, ruht sich die Wissenschaft auf dem Erreichten aus. Es wird kaum geforscht, Erfindungen, wie z.B. ein Schalter im Penis, der nur bei einem Kinderwunsch umgelegt wird, erhalten keine finanzielle Unterstützung. Zu gut läuft das rentable Geschäft mit der Pille.

Es muss sich viel verändern! Auch Menschen mit Penis muss Verhütung ermöglicht und Menschen mit Uterus Schmerzen, Nebenwirkungen und schlechte Behandlung erspart werden. Gegenseitiges Empowern in Safer Spaces und geschlossenen Gruppen ist nicht genug. Wissenschaft, Ärzt:innen und die Gesellschaft müssen sich ändern, weiterforschen und Lösungen bieten! Denn jeder Fall von Grenzüberschreitung ist einer zu viel!

* alle Namen wurden von der Autorin geändert. Zahlreiche Namen sind der Autorin bekannt, manche Erlebnisse wurden anonym zugeschickt.