CN: Schwangerschaftsabbrüche, ungewollte Schwangerschaft, sexualisierte Gewalt

Personen mit Uterus sind keine Gebärmaschinen! Selbstbestimmung sollte das oberste Ziel sein. Doch die von Männern gemachte Politik sieht das nicht vor. Diese Recherche beschreibt die Problematik der verschiedenen mit diesem Thema verbundenen Akteur:innen und gibt einen ausführlichen Überblick zur historischen und aktuellen Lage von Schwangerschaftsabbrüchen auf der gesamten Welt.

Blutiger Kleiderbügel mit Aufschrift „Not An Option“ Blutiger Kleiderbügel mit Aufschrift „Not An Option“

Lebensschützer:innen, oft radikale und fundamentalistische Gegner:innen von Schwangerschaftsabbrüchen, argumentieren, dass bereits die befruchtete Eizelle als vollwertiges Lebewesen gilt. Für sie beginnt das Leben mit der Befruchtung. Die Reproduktionsfähigkeit von Menschen mit Uterus wird von einer biologischen Funktion zu einer Identität. Frau sein heißt für viele Mutter sein. Ohne Kinder(wunsch) ist eine Frau „unvollständig“, nicht „normal“. Wenn eine Person mit Uterus sich entscheidet, eine bereits vorhandene Schwangerschaft nicht auszutragen, gilt sie für viele als Mörder:in, als grausame, herzlose Person, die ihr ungeborenes Baby umgebracht hat.

Schwangerschaftsabbrüche sind ein sehr zwiegespaltenes Thema. Sie gelten gemeinhin als ethisch mindestens fragwürdig. Moralvorstellungen gegen Biologie, Wissenschaft gegen Glauben, Glauben gegen Ethik. Dennoch ist für Viele klar: die Abtreibung eines Fötus von 12 Wochen oder eines noch jüngeren Embryos ist Mord. In diesem Stadium gibt es jedoch keine Nerven und dadurch kein Schmerzempfinden, kein Gehirn, damit auch kein Gedächtnis, Bewusstsein oder Gefühle wie Angst. Durchschnittlich gehen 20% der Embryos innerhalb der ersten Wochen von alleine ab. Doch uneinheitliche Grenzen und die Unmöglichkeit, festzulegen, wann Leben genau beginnt, bringt Menschen mit Uterus teilweise in Gefahr. In manchen Ländern werden Personen, deren Schwangerschaft abgeht oder die Fehlgeburten erleiden, verfolgt und mit dem Vorwurf, abgetrieben zu haben, eingesperrt.

Das Problem ist das Patriarchat. Gesetze werden von Männern für Männer gemacht, sodass im Endresultat Männer über die Körper von Menschen mit Uterus entscheiden. Auch die Frauen, die sich an der Umsetzung patriarchaler Unterdrückung beteiligen, tun dies aus patriarchaler Sozialisation heraus. „Das Leben muss geschützt werden“, heißt es. Ja, das Leben der Person mit Uterus! Solange der Embryo bzw. Fötus (ab der 11. Woche) noch nicht weit genug entwickelt ist – gemeinhin gilt die 12. Schwangerschaftswoche – müssen Abbrüche sicher, legal und kostenfrei möglich sein! Menschen mit Uterus sind keine Gebärmaschinen! Niemand darf gezwungen werden, ein Kind auszutragen oder nicht!

„Du kannst es immer noch zur Adoption freigeben.“, sagen sie. Ja, wer möchte oder die 12. Woche überschritten hat kann, dies tun. Doch vielen geht es um die Schwangerschaft an sich. Nicht nur, dass die Person anschließend mit dem Stigma, ihr:sein Kind „weggegeben“ zu haben, leben muss, eine Schwangerschaft bringt auch unangenehme Nebeneffekte und Risiken mit sich. Dies beginnt bei Gewichtszunahme und Dehnungsstreifen. Übelkeit, Schmerzen oder Komplikationen können hinzukommen. Im schlimmsten Fall ist die schwangere Person irgendwann bettlägrig. Die Geburt selbst ist bei den Meisten mit enormen Schmerzen verbunden. Auch hier kann es zu Komplikationen – in seltenen Fällen mit dauerhaften gesundheitlichen Folgen – und nach der Geburt zu postnatalen Depressionen kommen. Auch Gewalt durch Ärzt:innen und Hebammen bei Geburten ist ein Thema, das viel zu wenig Beachtung erhält. Niemand darf gezwungen werden, sich diesen Risiken auszusetzen. Für Viele sind Schwangerschaft, Geburt und Kinder etwas schönes und ein Traum, für Viele ist es das aber nicht oder noch nicht. Es geht um die Selbstbestimmung über den eigenen Körper! „Du wirst es irgendwann bereuen“ behaupten sie. Studien zeigen, dass ca. 95% der Personen die Abtreibung auch Jahre später nicht bereuen.

Im Folgenden soll versucht werden, beispielhaft anhand einiger Länder einen Überblick über Schwangerschaftsabbrüche und die Situation von ungewollt Schwangeren weltweit zu geben. Ein zusätzlicher Fokus liegt auf der Gesetzeslage in Deutschland.

Allgemeine weltweite Zahlen

Probleme bei der Gesetzeslage zu Schwangerschaftsabbrüchen und ihrer sicheren Durchführung gibt es auf der ganzen Welt, jedoch besonders in Afrika, Asien und Lateinamerika. Dort werden sie oft durch Laien durchgeführt, mit veralteten oder gar unsterilen Instrumenten oder mit veralteten Methoden wie der Ausschabung.

Die WHO geht von weltweit ca. 56 Mio. Abbrüchen jährlich aus. Die Durchführung von ca. 25,5 Mio. gilt als fragwürdig oder sogar gefährlich. Diese geschehen zu 97% in Afrika, Asien und Lateinamerika. Als problematisch, also durch Laien oder veraltete Methoden durchgeführt, gelten 17 Mio. und als sehr gefährlich, also durch eingeführte, teils unsterile Instrumente, Laien, Ätzmittel, Kräutergebräue, etc., durchgeführt, gelten 8 Mio. Am schlimmsten ist die Lage in Afrika, wo 75% der Abbrüche als problematisch oder (sehr) gefährlich eingeschätzt werden. Zum Vergleich: in Westeuropa gelten 6,5% der Abbrüche als problematisch, in Osteuropa 14,2%. Dadurch resultieren jährlich geschätzt 50.000 – 70.000 Todesfälle. Allerdings ist die Dunkelziffer bei allen genannten Zahlen enorm. In vielen Ländern sind Schwangerschaftsabbrüche strikt verboten und werden dadurch nur im Geheimen durchgeführt. In 62 Ländern ist die Lage prekär, d.h. Abbrüche sind entweder komplett verboten oder werden nur durchgeführt, wenn das Leben der schwangeren Person in Gefahr ist. Besonders aus Ländern mit Abtreibungsverbot ist es schwer bis unmöglich, verlässliche Daten zu bekommen, was die Dunkelziffer noch weiter nach oben treibt.

Lage in Europa

Deutschland

Schwangerschaftsabbrüche sind in Deutschland illegal. Sie bleiben nach §218 lediglich unter bestimmten Umständen straffrei. Ungewollt Schwangere müssen zunächst ein verpflichtendes Beratungsgespräch bei einer staatlichen Beratungsstelle wie pro familia wahrnehmen und anschließend drei Tage Bedenkzeit abwarten. Dies bietet Hilfe, Informationen und Ansprechpartner:innen, doch der Zwang stellt eine Bevormundung von Menschen mit Uterus dar. Als könnten sie nicht selbst entscheiden was für sie selbst das Beste ist und die Folgen ihres Handelns nicht absehen. Sie werden dadurch entmündigt und ihrer freien Entscheidung über ihren Körper und ihr Leben beraubt.

Das Gesetz sieht noch eine weitergehende Straflosigkeit für Menschen mit Uterus vor, wenn der Abbruch nach einem Beratungsgespräch und von einem:r Ärzt:in vor der 22 Woche vorgenommen wird. In Deutschland ist dies unmöglich, da der:die Ärzt:in sich strafbar machen würde, jedoch könnte er beispielsweise in den Niederlanden oder Tschechien ausgeführt werden. Außerdem kann, nach §218a Abs. IV S.2 StGB, ohne zeitliche Begrenzung von einer Bestrafung abgesehen werden, wenn eine „besondere Bedrängnis“ besteht. Spätabbrüche sind bei Lebensgefahr für die schwangere Person oder einem nicht lebensfähigen Kindes bis kurz vor der Geburt möglich.

Die Kosten für einen Schwangerschaftsabbruch belaufen sich auf etwa 350 – 600€, je nach Methode. Also medikamentös oder operativ, Vollnarkose oder lokaler Betäubung. In Würzburg liegt der Preis bei etwa 400€. Die Kasse übernimmt die Beratung, die Vor- und die Nachsorge. Bis 1179€ (Stand 2018) Einkommen wird auch der Abbruch übernommen. Hier gibt es einen „Zuschlag“ pro Kind, der bei 279€ liegt (Stand 2018). Bei einer medizinischen Indikation (z.B. Lebensgefahr, nicht lebensfähiges Kind) oder kriminologischer Indikation (z.B. Vergewaltigung) wird der Abbruch stets von der Kasse bezahlt.

Das Thema Schwangerschaftsabbrüche ist im Lehrplan von Ärzt:innen nicht vorgesehen und die Durchführung gilt als „schmutziges Geschäft“. Dies und Bedrohungen durch sog. „Lebensschützer:innen“ führt in Deutschland zu einem gravierenden Mangel an Ärzt:innen, welche diese Leistung anbieten. In Würzburg bieten derzeit ein Arzt und eine Klinik Abbrüche an. In der Klinik liegt die zu erwartende Wartezeit jedoch bei etwa fünf Wochen – für viele eine viel zu lange Zeit, um den Abbruch vor der 12. Woche durchzuführen. Der Arzt bietet hauptsächlich operative Abbrüche an, sodass Betroffene keine Wahlfreiheit haben. In Schweinfurt werden Abbrüche nur medikamentös durchgeführt. Alternativ könnten ungewollt Schwangere noch nach Aschaffenburg. Würzburg und Umgebung sind also verhältnismäßig gut aufgestellt. In anderen Regionen sieht das anders aus. In Passau sitzt ein Arzt, der für ganz Niederbayern „zuständig“ ist. Sogar aus Augsburg kommen Schwangere zu ihm. Jedoch ist er bereits über 70 und kann nicht in Rente, da er keine:n Nachfolger:in findet. Auch das städtische Klinikum führt Abtreibungen nur bei Lebensgefahr durch. In Trier beispielsweise, unterhält das Bistum alle Krankenhäuser und lehnt Abbrüche kategorisch ab.

Laut statistischem Bundesamt ist die Zahl von 2000 Ärzt:innen im Jahr 2003 auf 1200 im Jahr 2018 gesunken. Auch in den letzten Jahren hat sich dieser Trend weiter verschärft. Die Zahl ist somit um über 40% zurückgegangen. Anstatt neutral zu beraten und zu helfen, versuchen viele Ärzt:innen, ihren Patient:innen einen Abbruch auszureden und überschreiten damit persönliche und professionelle Grenzen. Durch mangelnde Daten kommen die Bundesländer ihrer Versorgungspflicht nicht nach. Der massive Ärzt:innenmangel bewirkt, dass viele ungewollt Schwangere weite Fahrwege in Kauf nehmen müssen. Außerdem gibt es zu wenige Termine und damit lange Wartezeiten. Zeit haben viele jedoch nicht. Nicht jede:r bemerkt bereits in den ersten Wochen eine Schwangerschaft. Wenn sich der Trend nicht umkehrt, wird vielen Menschen mit Uterus die Möglichkeit auf eine legale Abtreibung genommen, da sie nicht rechtzeitig einen Termin bekommen und somit gezwungen sind, das Kind auszutragen – oder einen Abbruch illegal und unsicher durchführen zu lassen.

Wie bereits oben geschrieben, sind Schwangerschaftsabbrüche in Deutschland nach §218 nicht legal. Ein kurzer Überblick:

  • 1871: Einführung. Abbrüche stets unter Strafe
  • 1927: Legalisierung von Abbrüchen aus medizinischen Gründen
  • 1971: Berühmtes Stern-Cover „Ich habe abgetrieben“: Tabubruch von 374 Frauen
  • 1974: SPD und FDP für „Fristenregelung, Union dagegen → Klage von 193 Abgeordneten und 5 konservativer Landesregierungen
  • 25. Februar 1975: Fristenregelung nicht gesetzeskonform → erweiterte Indikationslösung
  • Februar 1976: gg Union verabschiedet → Problem: Weigerung von Ärzt:innen und Krankenhäusern in kath. Regionen Abbrüche durchzuführen
  • 1992: Stopp der Fristenregelung durch Bundesverfassungsgericht
  • 1995: Einführung der jetzigen Regelung

Nach §219a war bis vor kurzem jedoch auch die reine Information darüber, dass Abbrüche in einer Praxis durchgeführt werden illegal. Das „Werbeverbot“ für Schwangerschaftsabbrüche umfasste nämlich sogar die bloße Information. Lebensschützer:innen nutzten dies, um Ärzt:innen mit Klagen zu überziehen. Besondere Berühmtheit erlangte der Fall der Ärztin Kristina Hänel, die zu 6000€ Strafe verurteilt wurde und sich durch mehrere Instanzen klagte. Unter anderem titelte die Taz am 18. November 2017 „Wir machen Schwangerschaftsabbrüche“, was mehrere Ermittlungen zur Folge hatte. Im Zuge der langwierigen Debatte um §219a stellte sich besonders die Union gegen eine Reform. So äußerte sich der verantwortliche Gesundheitsminister Jens Spahn im März 2018 wie folgt: „Mich wundern die Maßstäbe: Wenn es um das Leben von Tieren geht, da sind einige, die jetzt für Abtreibung werben wollen kompromisslos“ In der Debatte um Schwangerschaftsabbrüche werde „manchmal gar nicht mehr berücksichtigt, dass es um ungeborenes Leben geht.“ Die Aussage stellt die Kritik jedoch verkürzt dar und impliziert schlicht etwas falsches. Es ging nicht darum, an Plakatwänden zu werben, wie wunderbar Abbrüche wären, sondern um reine sachliche Information, wo wer welche Form von Abbrüchen durchführt!

Zur Geschichte des §219a: Er wurde ursprünglich im Mai 1933 von den Nazis eingeführt, um mehr arische Kinder zu bekommen. Bis heute soll er verhindern, dass Abtreibungen als etwas Normales dargestellt werden und kommerzialisiert werden. Die Rechtssprechung erfolgt(e) nach dem gängigen Strafrechtskommentar „Tröndle/Fischer“. Ersterer ist erzkonservativer Katholik und Lebensschützer. Er ist Mitglied der „Juristenvereinigung Lebensrecht“, einer Lebensschützer:innen-Lobby. 1992 sprach er sich gegen die Abschaffung des §175 aus, der homosexuelle Handlungen unter Strafe stellte. Im Buch „Das zumutbare Kind“ von 1993 schrieb er schwangere Frauen würden sich einer natürlichen Aufgabe entledigen und einer durch ihr Vorverhalten (Anm. der Autorin: also Sex zu haben) begründeten rechtlichen Pflicht nicht nachkommen. Eine misogyne, cis- und heteronormative Argumentationsstruktur, nach der Frauen entweder enthaltsam bleiben sollen oder mit der Konsequenz – also einer Schwangerschaft – leben müssen. Dies reiht sich in die Bestrafung von Frauen ein, die ihre Sexualität ausleben. Das sollen sie nämlich nicht. Weibliche Lust gilt als etwas unschickliches, das besser versteckt werden sollte. Die andere am Strafrechtskommentar beteiligte Person, Fischer, äußerte sich im Zuge der #MeToo-Debatte, deren Berichte laut ihm „allesamt von sehr betroffen blickenden Moderatorinnen mit Push-Up-Brüsten und auf mind. 80mm High-Heels anmoderiert“ würden. Die ZEIT trennte sich von ihm, nachdem er eine ZEIT-Journalistin, die über den Fall Dieter Wedel (im Zuge der MeToo-Enthüllungen beschuldigt) berichtet hatte, anging.

Die mediale Aufmerksamkeit, die Hänels Fall dem Thema bescherte, führte letztlich zu einer Reform des §219a, sodass die sachliche Information nun nicht mehr unter Strafe steht. Doch selbst der faule Kompromiss der Groko kam nur zustande, da Spahns Forderung nach einer Studie über die seelischen Folgen von Schwangerschaftsabbrüchen nachgegeben wurde. Dabei gibt es bereits Studien (z.B. University of California San Francisco (UCSF) School of Medicine, 2015: 95% empfinden Entscheidung als richtig) hierzu. Ein bundesweites Verzeichnis, welche Ärzt:innen Abbrüche durchführen, wurde ebenfalls eingeführt. Allerdings sind dort kaum Adressen verzeichnet. Zu groß ist die Angst vor radikalen Abtreibungsgegner:innen, die es sich zum Hobby gemacht haben selbst kleinste Formfehler vor Gericht zu bringen, Namen und Adressen auf einschlägigen Websites verbreiten, vor Praxen und Kliniken demonstrieren oder übergriffig werden. So wurde beispielsweise auf die Gebäudefront des Sternenkinder-Friedhofs in Wiesbaden „Abtreiben macht frei“ geschrieben. In Anlehnung an „Arbeit macht frei“ über den Eingängen von Konzentrations- und Vernichtungslagern der Nazis. Auch das sehr häufig von Lebensschützer:innen verwendete Wort „Babycaust“ stellt eine massive Holocausverharmlosung dar. Des Weiteren organisieren sie Proteste vor Profamilia-Beratungsstellen und verteilen Flyer mit Falschinformationen und Schockbildern. Ein bekanntes Beispiel sind vermeintliche Pizzaservice-Flyer, die innen blutige zerstückelte Embryos als Pizzabelag zeigen. Der sog. „Marsch für das Leben“ ist ihre bekannteste Demonstration und zieht jährlich hunderte Fundis auf die Straßen.

Irland

Irland hat sich vom Negativ- zum Positivbeispiel entwickelt. Das katholische Land hinkte bei der Abschaffung restriktiver Gesetze stets hinterher. So wurde erst 1995 das Scheidungsverbot aufgehoben und erst 2015 – nach einem Referendum – die Ehe für alle eingeführt. Bis 2018 waren Schwangerschaftsabbrüche vollkommen illegal – auch bei medizinischer Indikation. Auf einen Abbruch standen bis zu 14 Jahre Haft. Seit Mai 2018 sind Abbrüche bis zur 12. Woche legal.

Polen

Die Gesetzeslage in Polen ist die zurzeit restriktivste in der EU. Schwangerschaftsabbrüche sind nur bei Vergewaltigung, Inzest, Lebensgefahr für die schwangere Person oder einem irreparabel geschädigten Fötus möglich. Nach Bestrebungen der polnischen Regierung soll dies sogar noch verschärft werden, sodass Abbrüche nur noch bei Lebensgefahr möglich sind. Die misogyne Gesetzgebung bewirkt, dass es weniger als 2000 legale Abtreibungen jährlich gibt – dafür aber geschätzt 80.000 – 200.000 illegale. Die Dunkelziffer ist hoch, eine genaue Zahl abzuschätzen somit unmöglich. Im ganzen Land gibt es kaum Ärzt:innen, die Abbrüche durchführen, da niemand zur Zielscheibe für katholische Organisationen oder Lebensschützer:innen werden möchte. Somit wird die Chance auf eine legale Abtreibung noch weiter reduziert. Eine illegale Abtreibung kostet etwa 1000€ - für polnische Verhältnisse oft ein Vermögen. Deshalb weichen viele Pol:innen nach Deutschland, die Slowakei oder Tschechien aus, wo es um die 500€ kostet.

Armenien und Albanien

„Stirb, aber gib mir einen Sohn!“
„Zur Geburt einer Tochter sollte man nicht gratulieren. Es ist eine Schande!“

Eine Frau berichtet, dass sie drei Mal hintereinander von ihrem Mann zur Abtreibung gezwungen wurde, weil die Föten weiblich waren. Grundsätzlich gilt: entweder einen Sohn bekommen oder das Leben wird zur Hölle. Denn entgegen dem wissenschaftlichen Fakten, wird die Person mit Uterus für das Geschlecht des Kindes verantwortlich gemacht. In Armenien sind Frauen und Männer auf dem Papier gleichberechtigt, die Realität sieht jedoch ganz anders aus. Frauen werden stark marginalisiert. In Albanien gilt das Ideal von zwei Kindern – ein Junge und ein Mädchen. Abbrüche sind bis zur 12. Woche legal. Allerdings lässt sich das biologische Geschlecht des Fötus erst nach der 12. Woche erkennen, was eine hohe Zahl illegaler späteren Abtreibungen zur Folge hat. Die selektive Abtreibung von weiblichen Föten hat in beiden Ländern System. Studien zeigen, je höher die Rate der selektiven Abtreibungen von weiblichen Föten, desto mehr Frauenhandel und Vergewaltigungen finden statt. Doch selektive Abtreibungen sind ein weltweites Problem. Auch andere Länder betreiben diese Praxis, dazu später mehr. Dies und die Vernachlässigung weiblich gelesener Babys führt zu einem Defizit von weltweit 160 Mio. Kindern und Erwachsenen mit Uterus.

Lage in Afrika

Die Datenlage aus afrikanischen Staaten ist meist ziemlich dürftig. Schätzungsweise werden jährlich um die 8,2 Mio Abbrüche durchgeführt. Das sind 38% der ca. 21,6 Mio ungewollten Schwangerschaften jährlich. Mindestens 13% davon enden tödlich. Die Dunkelziffer ist hoch. In Kenia beispielsweise, gelten unsichere Schwangerschaftsabbrüche als Haupttodesursache von Menschen mit Uterus. Denn nur in wenigen Ländern sind Schwangerschaftsabbrüche legal. Dort hatte die Legalisierung drastisch sinkende Todeszahlen zur Folge.

Überblick der Legalisierung (meist bis zur 12. Woche):

  • Tunesien: 1973
  • Kap Verde: 1986
  • Südafrika: 1996
  • Äthiopien: 2005
  • Mosambik: 2015

In den restlichen Ländern sind Abbrüche verboten. Eine besonders gefährliche Lage für Menschen mit Uterus entsteht hier vor allem durch fehlende Aufklärung, fehlende Verhütungsmöglichkeiten und eine mangelhafte medizinische Versorgung. Schätzungsweise 75% sind davon betroffen. Die Folge ist, dass viele Personen aus Verzweiflung zu gefährlichen Methoden greifen: sie trinken Gift oder selbstgebraute Getränke, konsultieren Schamanen oder Hexer, führen (unsterile) spitze Gegenstände wie beispielsweise Hühnerknochen ein oder springen von Dächern und Treppen. 10-30% der Todesfälle von Müttern/Schwangeren sind auf unsichere Abtreibungen zurückzuführen, wovon viele durch eine bessere medizinische Versorgung hätten verhindert werden können.

Lage in Asien / China

Auch in China und Indien hat die selektive Abtreibung weiblicher Föten System. Gerade durch die langjährige Ein-Kind-Politik in China begünstigt, wollten Familien lieber einen Sohn als eine Tochter. Aber auch Zwangsabtreibungen durch das Regime, um die Ein-Kind-Politik durchzusetzen waren üblich. In den Medien bekannt wurde ein Fall von 2012, bei dem eine Zwangsabtreibung noch im 7. Monat stattfand.

Etwa 50% der Paare in China geben an, dass sie noch nie verhütet hätten, wodurch es häufig zu Mehrfachabtreibungen kam und kommt. Dadurch ergeben sich teils bleibende Schäden. Etwa 8-10% werden unfruchtbar. Die Regierung vertritt jedoch die Meinung, dass das Wissen über Sexualität Jugendliche auf dumme Ideen bringen würde. Durch die fehlende Aufklärung über Verhütung sind Schwangerschaftsabbrüche medizinische Routine. Sie werden kommerzialisiert und öffentlich beworben, beispielsweise gibt es „Schülerrabattkarten“ und Werbung am Uni-Campus. Mehr als 35.000 Abbrüche werden täglich durchgeführt, das sind etwa 13 Mio. im Jahr – und das sind nur die offiziellen Zahlen. Denn ein Abbruch kostet circa 1000 Yen, etwa 118€, was einem durchschnittlichen Monatslohn entspricht. Deshalb werden auch in China unzählige Schwangerschaftsabbrüche illegal durchgeführt. Besonders der ärmere Teil der Bevölkerung kann sich sichere Abbrüche in Kliniken schlicht nicht leisten.

Lage in Amerika

USA

Die Lage in den USA unterscheidet sich stark von Bundesstaat zu Bundesstaat. Durch den Präzedenzfall Roe vs. Wade sind Schwangerschaftsabbrüche legal und teils bis zum 6. Monat möglich. Allerdings sind Evangelikale und andere fundamentalistische Christen in den USA besonders stark. Sie belagern Kliniken, bedrängen ungewollt Schwangere und greifen häufig auch zu Gewalt. Abtreibungskliniken haben meist Wachpersonal und Metalldetektoren an den Eingängen. Auch Mordanschläge auf Ärzt:innen sind keine Seltenheit. Gerade in konservativen Bundesstaaten ist die Versorgung nicht flächendeckend gewährleistet. So gibt es in ganz Kentucky nur eine einzige Klinik in Louisville. Diese wird jedoch ständig belagert. Vor ihr werden Mahnwachen abgehalten und Beschäftigte wie Patient:innen werden bedroht. Das Schema ist stets ähnlich: Schockfotos, Gebete, Drohungen und Holocaustverharmlosungen. Die körperliche Selbstbestimmung von Menschen mit Uterus ist auch politisch ein hart umkämpftes Feld. Donald Trump entzog bereits zum Anfang seiner Amtszeit NGOs, die Schwangerschaftsabbrüche unterstützen, staatliche Gelder. Politiker:innen verurteilen Abbrüche teils aufs Schärfste. Eine Äußerung Justin Humphreys, ein Republikanischer Abgeordneter kann als exemplarisch für die Meinung vieler konservativer US-Amerikaner:innen herangezogen werden: „Ich kann schon verstehen, dass sie [die Frauen] das Gefühl haben, das sei ihr Körper.“ Frauen seien aber eher „hosts“, also Gastgeber. Doch es geht über Schwangerschaftsabbrüche hinaus. Die Selbstbestimmung über den eigenen Körper und die Reproduktionsfähigkeit ist in den USA hart umstritten. So schrieb z.B. das bekannte rechte Onlinemagazin Breitbart, das besonders für verschwörungstheoretische Inhalte und Fake News bekannt ist: „Die Pille macht Frauen unsexy, dumm und zu Schlampen.“

Mittel- und Südamerika

In Chile hatte der Senat einer Legalisierung von Abbrüchen bereits zugestimmt und die Abstimmung im Abgeordnetenhaus galt nur noch als reine Formsache – allerdings scheiterte der Gesetzentwurf dort an einer Stimmenthaltung. In Argentinien lief es andersherum: Die Abgeordnetenkammer hatte bereits zugestimmt, allerdings scheiterte die Reform im Senat mit 31 zu 38 Stimmen. Dies zeigt beispielhaft, wie gespalten die Gesellschaft in Mittel- und Südamerika bei dem Thema ist. Die Frauenbewegung erlangt immer mehr Stärke. Hunderte, teils tausende Menschen mit Uterus gehen in verschiedenen Ländern auf die Straße um gegen häusliche Gewalt, sexualisierte Gewalt, Femizide und Abtreibungsverbote zu demonstrieren.

Die strengen Gesetze in den meisten Ländern kosten Menschen mit Uterus das Leben. Nicht nur werden Schwangerschaftsabbrüche hart bestraft, auch natürliche Fehlgeburten werden teils als illegale Abbrüche angesehen und hart bestraft. Außerdem darf selbst bei Lebensgefahr für die schwangere Person und Vergewaltigung nicht abgetrieben werden. Traurige Berühmtheit erlangte vor wenigen Jahren der Fall „Lucía“, 11 Jahre, die vom Lebensgefährten ihrer Großmutter vergewaltigt und anschließend gezwungen wurde das Kind – unter Gefährdung ihres eigenen Lebens (ihr Körper war nicht bereit für eine Schwangerschaft) – auszutragen. Kein Einzelfall. Immer wieder gibt es ähnliche Berichte. Vor einigen Monaten wurde eine Klinik belagert, die mit einer Abtreibung das Leben einer schwangeren missbrauchten Neunjährigen rettete. Besonders strikt ist die Gesetzgebung in El Salvador. Abtreibung ist dort gleich Mord und wird mit bis zu 50 Jahren Haft bestraft.

Ein paar Beispiele: Die damals 20-jährige Imelda Cortez wurde seit ihrem Zwölften Lebensjahr von ihrem Stiefvater missbraucht. Sie bemerkte die Schwangerschaft nicht und entband das Kind zu Hause. Als sie mit starken Blutungen in eine Klinik eingeliefert werden musste, vermutete ein Arzt, dass sie versucht haben könnte, eine Abtreibung an sich selbst durchzuführen. Cortez landete im Gefängnis. Mariana López wurde im Jahre 2000 zu 25 Jahren Gefängnis verurteilt und nach 18 Jahren entlassen, weil sie während der Schwangerschaft eine Fehlgeburt erlitt. Theodora del Carmen Vásquez wurde 2008 zu 30 Jahren verurteilt und 2018 entlassen, nachdem sie eine Todgeburt erlitten hatte. Die Polizei nahm die noch bewusstlose Frau nach der Geburt fest.

Women on Waves / Women on Web

Die Hilfsorganisation „Women on Waves“ wurde 1999 von der Ärztin Rebecca Gomperts gegründet. Sie leistet Unterstützung bei ungewollten Schwangerschaften und stellt empfängnisverhütende Mittel zur Verfügung. Ihr Schiff kreuzt internationale Gewässer und führt dort – legal nach niederländischem Recht – Schwangerschaftsabbrüche durch. Gomperts zweite Organisation „Women on Web“ leistet Aufklärung und bietet Informationen rund um das Thema Schwangerschaftsabbrüche und Verhütung. Außerdem versenden sie Abtreibungspillen. Auch eine App gibt es. Über die Organisationen berichteten wir bereits.

Ausblick

Bei den Zahlen um Schwangerschaftsabbrüche – besonders bei Illegalen – gibt es stets eine enorme Dunkelziffer. Doch diese Zahlen zeigen: egal wie strikt die Gesetzgebung, egal wie unmenschlich die Strafen und egal wie hoch das Risiko einer illegalen unsicheren Abtreibung: Schwangerschaftsabbrüche gibt es immer und wird es immer geben! Menschen mit Uterus müssen risikofrei, sicher und kostenlos abbrechen können!

Was ist die Alternative? Menschen mit Uterus zu zwingen? Sie zu zwingen, neun Monate etwas in sich heranwachsen zu lassen, mögliche Schmerzen, psychische Probleme, Risiken, physische Beschwerden, Einschränkungen, Jobprobleme und Stunden/tagelange stärkste Schmerzen durch Wehen, physische und psychische Gewalt durch Ärzt*innen und Hebammen, posttraumatische Belastungsstörung durch die Geburt, Depressionen und Traumata zu ertragen? Natürlich können Schwangerschaft und Geburt etwas Wunderschönes sein, aber ungewollte Schwangerschaften sind dies meist nicht! Und auch gewollte Geburten können traumatisch sein. Gesellschaft und Politik müssen aufhören, die Reproduktionsfähigkeit von Menschen mit Uterus als gesellschaftliche Pflicht anzusehen und endlich jedem Menschen das Recht über den eigenen Körper zugestehen! Sexualität von Menschen mit Uterus darf nicht tabuisiert und bestraft werden – denn nichts anderes ist das Verbot von Abbrüchen: Bestrafung von Sexualität. „Hättest du halt mal die Beine zusammen gehalten.“ Menschen mit Uterus sollen lieber in der monogamen, cis-heterosexuellen Ehe Kinder kriegen und sie aufziehen.

Auch das Thema Regretting Motherhood muss enttabuisiert werden. Es gibt keine Gleichberechtigung ohne das uneingeschränkte Recht auf den eigenen Körper! Schon immer gab es Unterdrückung durch Zwangsehen, Vergewaltigungen und den Zwang, Kinder auszutragen. Die in weiß gekleidete „reine“ Braut wird vom Vater in den Besitz des Ehemanns übergeben. Der Besitzer wechselt, die Frau ist ein Gegenstand. Das vorherrschende Weltbild lautet noch immer, dass der ultimative Lebenszweck von Menschen mit Uterus das Kinderkriegen und Muttersein ist. Während ein nicht vorhandener Kinderwunsch bei cis Männern in Ordnung ist, ist er bei Menschen mit Uterus ein Skandal. Ich wiederhole, weil es nicht oft genug wiederholt werden kann: es geht um das Recht über den eigenen Körper! Es darf keine Fremdbestimmung geben! Menschen, die anderen Schwangerschaftsabbrüche verbieten wollen, verkennen, dass es die betroffene Person mit Uterus ist, die das Kind austragen und mit den Folgen leben muss. Das macht es zu ihrer individuellen Entscheidung!

An Lebensschützer:innen habe ich nur wenige Fragen: Wollt ihr das? Wollt ihr wirklich in die Zeit der blutigen Kleiderbügel, Gifte und Treppenstürze zurückkehren? Oder wollt ihr nicht auch endlich Gleichberechtigung und Selbstbestimmung? Denn wir Menschen mit Uterus werden nie gleichberechtigt sein, werden nie als mündige Personen anerkannt werden, bevor nicht die letzte Person verstanden hat, dass unser Körper uns gehört!