Beim ziellosen Stöbern durch Google Earth sind wir über eine Unregelmäßigkeit gestolpert: Wo auf Lesbos eigentlich das Flüchlingscamp Moria sein sollte, findet sich lediglich eine verpixelte Fläche. Diese Entdeckung war der Anstoß einer Recherche auf Grundlage von Satellitenbildern zur historischen und aktuellen Situation im überfüllten Flüchtlingscamp Moria.

Google Earth Aufnahme des zensierten Moria-Camps Google Earth Aufnahme des zensierten Moria-Camps

Wer in diesen Tagen einen Blick auf Lesbos wirft und dazu Google Maps oder Google Earth verwendet, bekommt ein verpixeltes Fleckchen Land zu sehen. In der Mitte dieses Pixelhaufens erklärt eine Angabe, dass es sich um das Flüchtlingscamp bei Moria handelt. Es wird versteckt, was nicht sein darf. Unter diesen 12 x 8 Meter großen, bunten Rechtecken befinden sich aktuell circa 20.000 Menschen, welche nach einer durch Flucht geprägten Vergangenheit endlich die Ufer Europas erreicht haben. Länder wie Deutschland oder Luxemburg begannen vor wenigen Tagen mit der Aufnahme. Deutschland beschränkt sich vorerst auf 50 unbegleitete Kinder. Insgesamt sollen 1.600 Menschen auf EU-Staaten verteilt werden. Dennoch verschärft sich die Situation im Camp Tag für Tag. Das bevorstehende Handeln der EU ist langsam, kommt viel zu spät und wird die Probleme nicht lösen.

Die Lage in den überfüllten Camps auf den griechischen Inseln ist schrecklich. Warum wurden die Geflüchteten nicht viel früher und/oder von Griechenland selbst besser verteilt? Der Grund hierfür liegt im EU-Türkei-Deal: „Alle, die nach dem 20. März 2016 in Griechenland ankamen, dürfen gemäß dem Deal nicht aufs Festland verbracht werden“. Griechenland nimmt das Leid der Menschen in Kauf, um eine Abschiebung in die Türkei als Möglichkeit offen zu lassen. Auch Corona und die damit verbundene Kenntnis über das Zusteuern auf eine noch gravierendere Katastrophe sorgt nicht für ein Umdenken.

In der „Hölle von Moria“ kam es in der Vergangenheit zu vielen Aufständen, Bränden und gewaltsamen Todesfällen – zu viele, um sie alle aufzuzählen. Wir haben bereits im März von der Lage vor Ort berichtet: Aussetzung des Resettlement-Verfahrens aufgrund der Corona-Pandemie & „Die Situation in Moria ist heftig“ - Lagebericht aus Lesbos.

Analyse vorliegender Satellitendaten

Mit dieser Dokumentation wollen wir die Entwicklung des Flüchtlingscamps über die letzten fünf Jahre festhalten. Unsere Analysen beruhen zu großen Teilen auf Satellitenaufnahmen des Camps.

Google Earth Aufnahme des Moria-Camps vom 13.06.2007.

Google Earth Aufnahme des Moria-Camps vom 13.06.2007.

Google Earth Aufnahme des Moria-Camps vom 02.10.2015.

Google Earth Aufnahme des Moria-Camps vom 02.10.2015.

Google Earth Aufnahme des Moria-Camps vom 29.10.2015.

Google Earth Aufnahme des Moria-Camps vom 29.10.2015.

Google Earth Aufnahme des Moria-Camps vom 02.11.2015.

Google Earth Aufnahme des Moria-Camps vom 02.11.2015.

Google Earth Aufnahme des Moria-Camps vom 03.06.2016.

Google Earth Aufnahme des Moria-Camps vom 03.06.2016.

Google Earth Aufnahme des Moria-Camps vom 29.04.2017.

Google Earth Aufnahme des Moria-Camps vom 29.04.2017.

Google Earth Aufnahme des Moria-Camps vom 26.05.2017.

Google Earth Aufnahme des Moria-Camps vom 26.05.2017.

Google Earth Aufnahme des Moria-Camps vom 31.01.2018.

Google Earth Aufnahme des Moria-Camps vom 31.01.2018.

Google Earth Aufnahme des Moria-Camps vom 05.04.2018.

Google Earth Aufnahme des Moria-Camps vom 05.04.2018.

Google Earth Aufnahme des Moria-Camps vom 07.06.2018.

Google Earth Aufnahme des Moria-Camps vom 07.06.2018.

Google Earth Aufnahme des Moria-Camps vom 02.04.2019.

Google Earth Aufnahme des Moria-Camps vom 02.04.2019.

Google Earth Aufnahme des Moria-Camps vom 24.10.2019.

Google Earth Aufnahme des Moria-Camps vom 24.10.2019.

Ursprünglich als Militärbasis konzipiert, hat Moria eine Kapazität von 3.000 Personen. Seit Ende 2015 wird die Basis als Flüchtlingslager genutzt. Wo früher Militärfahrzeuge standen (siehe Aufn. vom 13.06.2007), dokumentieren Satellitenaufnahmen vom Oktober 2015 die Errichtung neuer Gebäude (siehe Aufn. vom 02.10.2015). Ab 29. Oktober entstehen innerhalb von fünf Tagen 15 neue Gebäude (siehe Aufn. vom 29.10.2015 & 02.11.2015). Bis Juni 2016 kommen nochmal über 50 Gebäude hinzu (siehe Aufn. vom 03.06.2016). Eine Karte des UNHCR vom Februar 2016 erklärt die Infrastruktur vor Ort. Das Camp scheint vorbereitet!

Seit Frühjahr 2016 dient Moria hauptsächlich als Abschiebezentrum zur Umsetzung des EU-Türkei-Deals. Im April 2016 leben bereits 4.000 geflüchtete Menschen in Moria. Als der griechische Migrationsminister in diesem Monat das Camp besucht, kommt es zu Ausschreitungen; Steine fliegen.

Eigentlich ist ein Lager mit 133% Auslastung als überfüllt zu deklarieren. Das heißt: keine weiteren Aufnahmen! Doch viel geringer wird diese Prozentzahl erstmal nicht. Sie ist starker Fluktuation unterworfen: hin und wieder werden besonders schutzbedürftige Geflüchtete ans Festland gebracht, doch es gibt stets mindestens genauso viele Neuankömmlinge: Ende 2019 wird von bis zu 450 Menschen in nur einer Nacht berichtet.

Nach der sogenannten Flüchtlingskrise 2015 hat sich die Lage im Jahr 2017 relativ beruhigt. Zum ersten Mal fällt die Zahl der Menschen in Moria wieder unter 6.000. Auf Satellitenbildern vom April 2017 sind plötzlich weniger (!) Gebäude zu zählen (siehe Aufn. vom 29.04.2017). Einen Monat darauf stehen dort, wo vorher eingeschossige Gebäude waren, zweistöckige, containerartige Gebäude (siehe Aufn. vom 26.05.2017). Bis Januar 2018 kommen viele dieser mehrstöckigen Gebäude hinzu (siehe Aufn. vom 31.01.2018). Die Camp-Betreiber bereiten sich auf weitere Ankömmlinge vor. Doch diese Maßnahmen reichen nicht aus. Das bestehende Camp ist überfüllt und so etabliert sich Anfang 2018 ein Baracken-Cluster auf der gegenüberliegenden Straßenseite, nordöstlich des Camps. Dort befindet sich ein privater Olivenhain, welcher von nun an mehr und mehr beansprucht wird (siehe Aufn. 31.01.2018, 05.04.2018, 07.06.2018 und 02.04.2019).

Im Oktober 2019 leben 13.000 Menschen in und um dem Camp. Auf einem letzten Satellitenbild vom Oktober 2019 umfasst die Größe des Olivenhain-Camps 41.397m². Das sind 75% des eigentlichen Camps (siehe Aufn. vom 24.10.2019). Zwei Menschen sterben in diesem Monat, als ein Feuer im Lager ausbricht. In den Baracken kann sich, wenn überhaupt, nur mäßig gegen den anstehenden Winter geschützt werden. Nicht überall gibt es Strom, nicht überall ist es trocken, vieles versinkt im Schlamm. Die hygienische Situation ist katastrophal und im Lager herrscht Gewalt. So trauen sich Frauen nachts nicht mehr zur Toilette. In diesem Winter befinden sich 17.000 Menschen in Moria. In Anbetracht der ursprünglichen Kapazität von 3.000 Personen ist dies eine 567 prozentige Auslastung. Das Europa, welches diesen Menschen keinen Eintritt gewährt, schickt Decken und Kissen.

Nach Überstehen der Kälteperiode hat sich die Situation nicht verbessert. Januar 2020 befinden sich 19.000 Menschen, davon 40% Minderjährige, im Camp. Im Februar protestieren 2.000 Geflüchtete gegen die Zustände im Camp in der Inselhauptstadt. Die Polizei setzt Tränengas ein. Daraufhin formt sich im März ein faschistischer Mob, welcher Flüchtlinge, Helfer*innen und Journalist*innen brutal attackiert. Währenddessen rückt ein Thema immer weiter in den Vordergrund: Corona. Die Menschen im Camp haben Angst, dass sich das Virus dort ausbreitet. Die Versorgung jeglicher Art ist bereits jetzt katastrophal. Auch Hygienemängel werden mit zunehmender Wasserknappheit verstärkt. Es gibt keine Konzepte, alle sind auf sich alleine gestellt.

Google Earth Standardansicht des Moria-Camps. Google Earth Standardansicht des Moria-Camps.

Doch zurück zum Anfang: Moria? Gibt es nicht! Überzeugt euch selbst, indem ihr diesen Google Maps Link anklickt. Seit Oktober 2019, wo 13.000 Menschen das Camp bewohnten, gibt es keine aktuelleren Satellitenbilder, welche in dieser Auflösung öffentlich zugänglich sind. Heute leben dort 20.0000 Menschen. Wie hat sich das Lager verändert? Wir wissen es nicht. Statt dem neuesten Satellitenbild wird Usern eine Aufnahme von 2014 mit nachträglicher Verpixelung angezeigt. Diese Art der Problemlösung erinnert stark an das Vorgehen der EU: Moria? Wenn wir nicht hinsehen, ist es nicht unser Problem!

Wir sagen: #LeaveNoOneBehind und #WirHabenPlatz! Evakuiert die Lager und wartet keine Durchseuchung ab!