Während der Corona-Pandemie starteten wir die Reihe „Wir sind Systemkritisch“. Sie ließ insgesamt 15 verschiedene Menschen, welche allesamt in sogenannten systemkritischen Berufen arbeiten, zu Wort kommen.

Folge 1: Betreuerin für Menschen mit mehrfacher Behinderung

Wir sind Systemkritisch Folge 1. Wir sind Systemkritisch Folge 1.

Aktuell zeigt sich, wer die fundamentale Leistung in unserer Gesellschaft erbringt. Aufgrund der Corona-Krise haben viele Menschen frei oder können im Home-Office arbeiten, während viele andere Menschen in sog. „systemkritischen“ Berufen weiter täglich mit Menschen in Kontakt sind und oft unter noch stressigeren Bedingungen arbeiten müssen. Wir stellen euch nun täglich einen dieser Menschen vor. Zum Schutz der Menschen vor eventuellen arbeitsrechtlichen Konsequenzen verwenden wir lediglich ihre Initialen. Die Realnamen und Arbeitsstellen sind uns bekannt. Im ersten Bericht geht es um D. Neben ihrem Job als Betreuerin in einer Einrichtung für Menschen mit mehrfacher Behinderung, gehört sie auch zum Schwarzlicht Würzburg-Team. Die 24-Jährige muss unter den aktuellen Bedingungen ständig darauf achten „den Virus von unserem Institut und der Wohngruppe fernzuhalten“. Außerdem schätze sie, dass es durch Personalausfälle zu vielen Überstunden kommen werde. „Die eingeschränkte medizinische Versorgung bekommen wir häufig zu spüren“, sagt D. Für die Zeit nach Corona wünsche sie sich „mehr Anerkennung für Berufe, für die man kein Studium oder Abi braucht“ und Solidarität im Kampf um „bessere Arbeitsbedingungen“. Die Gesellschaft solle hinter allen Berufsgruppen stehen, die „uns durch die Krise gebracht haben“. Corona zeige auf, wie „gefährlich und unfair unser kapitalistisches System ist“. Sie wünsche sich, dass sich das die „breite Gesellschaft bewusst macht“.

Da sie in einer WG lebt und einen sparsamen Lebensstil führt, reiche ihr Lohn und sie wird besser bezahlt als „in anderen Einrichtungen“. Dennoch fragt sie sich, wie sie in Zukunft eine Familie finanzieren solle. Zudem mache sie sich Sorgen für „immer in einem Mietverhältnis gefangen zu sein, welches einen großen Teil des Lohnes schluckt.“ An die Politik hat sie klare Forderungen: „Löhne erhöhen, Betreuungsschlüssel erhöhen, mehr Verständnis bei psychischer Belastung (Burnout).

Folge 2: Krankenpfleger auf pulmologischer intensiv- und Weaning Station

Wir sind Systemkritisch Folge 2. Wir sind Systemkritisch Folge 2.

Im zweiten Teil unserer Reihe „Wir sind systemkritisch“ geht es um J. Der Krankenpfleger arbeitet auf einer pulmologischen intensiv- und Weaning-Station. Pulmologie bedeutet „Lungenheilkunde“ (lat. Pulmo = Lunge). Weaning (Entwöhnung) bezeichnet die Entwöhnung von medizinischer Beatmung. In Zeiten der Lungenkrankheit Covid19 ist sein Beruf in aller Munde. J. höre nun überall „Die Pflegenden sind unsere Helden“ oder „sie stehen an vorderster Front und wir sind stolz auf sie“. In einem Facebook-Statement (m.facebook.com/story.php?stor…) machte sich der 25-Jährige bereits Luft über die ansonsten mangelnde gesellschaftliche Anerkennung („danach sind wir wieder nur die Arschabwischer“). Aktuell gebe es noch keine Fälle von Covid19 auf seiner Station. „Wir haben aber schon mit der aktuellen Belegung und Krankheitsausfällen genug zu tun und schieben alle Überstunden“, berichtet er uns. Der Pflegenotstand sei kein neues Problem. Der Politik sei es schon lange bekannt, dass Personal fehle.

„Von der Gesellschaft wünsche ich mir, dass sie die Schutzmaßnahmen einhält“, so J. Über seine Bezahlung sagt er: „Ich will nicht sagen, dass ich schlecht verdiene, allerdings bin ich direkt für Menschenleben verantwortlich“. Würde er in der Industrie Motoren schrauben, würde J. wohl 1.000 Euro monatlich mehr verdienen. Für die Zeit nach dem Corona-Virus wünscht sich J. „mehr Anreize für einen Beruf in der Pflege zu schaffen“. Konkret fordert er: „Bessere Bezahlung und flexiblere Dienstpläne“.

Folge 3: Sozialarbeiterin für Geflüchtete/„Integrationsmanagerin“

Wir sind Systemkritisch Folge 3. Wir sind Systemkritisch Folge 3.

B. ist Sozialarbeiterin für Geflüchtete. Ob B. wirklich in einem „systemkritischen“ Beruf arbeitet, ist schwer zu sagen. Sie kann uns aber definitiv viel erzählen über die Situation … der Geflüchteten in Zeiten des #Corona-Virus. In dieser Reihe stellen wir euch täglich einen Menschen und ihren*/seinen Beruf vor. Zum Schutz der Menschen vor evtl. arbeitsrechtlichen Konsequenzen verwenden wir ldgl. ihre Initialen. Die Namen & Arbeitsstellen sind uns bekannt. „Ob meine Arbeit systemrelevant ist, ist nicht genau definiert“, meint B. Die Sozialarbeiterin hat jahrelang Gemeinschaftsunterkünfte (GU) für Geflüchtete betreut. Als der Bedarf gesunken ist, wurde sie für ein neues Projekt engagiert & darf sich nun Integrationsmanagerin nennen. Die Berufsbezeichnung „Integrationsmanagement“ kritisiert B., da das Wort „Integration“ suggeriere, dass sich Zugezogene zu 100% einfügen müssen und dadurch eigene Lebensweisen nicht mitgebracht werden können. „Eine Unterbringung in Sammelunterkünften ist nicht zielführend“, so die 28-Jährige. Schon vor der Corona-Krise sei jahrelang hingewiesen worden, dass die großen Gemeinschaftsunterkünfte niemandem nutzen. „Ich arbeite zusammen mit Kolleg*innen, die die Grundversorgung in Gemeinschaftsunterkünften sicherstellen müssen und dazu täglich vor Ort sind, mitten in großen Menschengruppen“, erklärt B. Durch die gemeinsame Nutzung der Küchen- und Sanitärbereiche sei es unvermeidlich, sich gegenseitig anzustecken. „Seit langem kämpfen wir für eine dezentrale Unterbringung“, sagt sie. Es fehle allerdings an bezahlbarem Wohnraum. Zusätzlich sollen große Sammelunterkünfte, wie die ANKER-Zentren nach bayrischem Vorbild, bundesweit eingeführt werden. B. betreut auch „Sammelunterkünfte, die nicht mehr in Besitz des Landkreises, sondern der Kommune sind“. Da viele Geflüchteten nach Ablauf der 24 Monate im Heim oder der Anerkennung keine Wohnung finden, fallen sie als Obdachlose in die Zuständigkeit der Kommunen. Um Obdachlosigkeit zu vermeiden werden Anschlussunterbringungen geschaffen. Diese seien oftmals sogar die selben Gebäude, „rechtlich aber ganz anders zu behandeln“. „Ich darf diese Unterkünfte nur in nicht aufschiebbaren, dringenden Angelegenheiten betreten, weshalb ich seit einer Woche nur Telefon- und E-Mail-Beratung anbiete“, erzählt uns B. Ihre Kolleg*innen in den Gemeinschaftsunterkünften leisten weiterhin täglich die Beratung und die Versorgung der Bewohner*innen mit der Post und Krankenbehandlungsscheinen. In der Krise zeige sich noch deutlicher die Problematik gr. Unterkünfte und der Ungleichbeh. der Geflüchteten: „Würden alle Menschen dezentral untergebracht werden & hätten Anspruch auf eine Krankenversicherung, so könnten auch meine Kolleg*innen vor übertragbaren Krankheiten geschützt werden“. Sie fordert, „dass man sich endlich um sozialen Wohnungsbau kümmert“. Sie kritis. die Bürokratie, die „mittlerw. eine Perversion angenommen hat“, die „Ressourcen verpulvert, die in Krisenzeiten eigentlich benötigt werden“. Ihr Job bestehe zum gr. Teil aus Tätigk., die sie nur übernehmen muss, „da andere Behörden ihre Arbeit nicht richtig machen“. Eigentlich müsste sie als Sozialarbeiterin an der „sozialen Einbettung der Klient*innen in unsere Gesellschaft arbeiten“.

Überraschenderweise bringt die Corona-Krise B. aber auch einige Vorteile. „Einige von mir verrichtete Arbeit hatte eigentlich gar keinen Sinn und war lediglich Bürokratie“. Geflüchtete werden häufig von Behörden vorgeladen zu „Kontrollterminen“, wie B. diese Besuche nennt. Dabei werden die Geflüchteten häufig weggeschickt, obwohl sie Rechtsansprüche besitzen. „Erst wenn ich mich als Mitarbeiterin im öffentlichen Dienst zu erkennen gebe, werden die Formulare ausgehändigt“. In Zeiten der Pandemie sei dies einfacher. Die „Kontrolltermine“ werden einheitlich abgesagt. Anträge können nun formlos gestellt werden. „Das, was eigentlich schon vorher gesetzlich geregelt war – auch ein mündlicher Antrag muss angenommen und die Person muss bei der richtigen schriftlichen Formulierung ihres Anliegens unterstützt werden – scheint jetzt endlich umgesetzt zu werden. Deshalb hoffe ich, dass dies Politiker*innen nach der Krise bewusst wird: ein bedingungsloses Grundeinkommen würde unendlich viele Ressourcen freisetzen, die man im Gesundheitsbereich benötigen würde“, fordert die 28-Jährige. Die Sozialarbeiterin, die mit ihrer Bezahlung „zufrieden ist“, fordert ein Nachdenken über eine „Reduktion der Vollzeit-Arbeitszeit bei gleicher Entlohnung, dadurch wären die Menschen produktiver und gesünder.“ Sie hofft auf einen Abbau der Bürokratie, so dass sie „endlich richtige Sozialarbeit machen kann“. Eine Abschaffung der Sammelunterkünfte würde aktuell „Infektionsherde“ verhindern und auf Dauer „psychische Erkrankungen, Auseinandersetzungen, Exklusion und Rassismus“ verringern. Dazu bräuchte es allerdings mehr sozialen Wohnungsbau, sagt B.

B. wünscht sich, „dass wir endlich verstehen, dass wir alle gleichwertig sind. Ein Virus erwischt uns alle – egal, wo wir herkommen, wie reich und privilegiert wir sind, ob wir privat, gesetzlich oder … gar nicht versichert sind, egal welches Geschlecht oder welche Sexualität – wir wollen alle frei, gesund und in Sicherheit leben. Und es gibt keine*n, der/die darauf weniger Anrecht hätte.“

Folge 4: Ex-Krankenpfleger / Student der Pflegepädagogik / Lehrtätigkeit an einer Krankenpflegeschule

Wir sind Systemkritisch Folge 4. Wir sind Systemkritisch Folge 4.

Heute stellen wir euch C. vor. Sechs Jahre lang hat der 30-Jährige auf einer pulmologischen Intensivstation einer Lungenfachklinik gearbeitet. „Das Thema Beatmung ist mir sehr gut vertraut. Eigentlich dürfte ich kaum Zeit finden diese Zeilen zu schreiben, wo es doch aktuell im Krankenhaus genug Arbeit geben sollte“, schreibt er. Der frischgebackene Papa geht seit einiger Zeit seiner Tätigkeit als Pflegekraft auf einer Intensivstation nicht mehr nach und erklärt euch wieso.

Im „Großen und Ganzen“ habe C. die Arbeit als Krankenpfleger „sehr viel Spaß gemacht und erfüllt“. Verzweifelt sei er an den „Umständen und Arbeitsbedingungen“. Ihm gehe es dabei „nicht mal um eine bessere Bezahlung, die zwar gemessen an der Verantwortung und Relevanz meiner Tätigkeit lächerlich gering ist, sich aber im Vergleich mit anderen Berufsgruppen noch sehen lassen kann, sondern um andere grundlegende Faktoren.“ Der chronische Zeitmangel auf der Station habe ihn grundsätzlich daran gehindert, Menschen so zu pflegen, wie er es gelernt habe. Es sei schlimm gewesen „Tag für Tag zu wissen, dass man Patienten hätte besser versorgen können, wenn einfach nur mehr Zeit zur Verfügung stehen würde“. „Mit diesem Zeitmangel ist der Personalmangel untrennbar verbunden, mehr Personal bedeutet mehr Zeit und bessere Versorgung“, schreibt C. Zusätzlich habe ihm der „menschenfeindliche Dienstplan Energie und Motivation geraubt“. „Sieben Tage Arbeit mit drei Frühdiensten, zwei Spätdiensten und zwei Nachtschichten vertragen sich einfach eher weniger gut mit unserem Biorhythmus“, kritisiert der 30-Jährige. Auch in der Freizeit, habe er nicht abschalten können. Jederzeit hätte ihn „sein Chef anrufen können, wenn ein Kollege aufgrund einer Krankheit ausfällt“. Ihn habe das schlechte Gewissen geplagt, wäre er nicht ans Telefon gegangen, obwohl er nach sieben Tagen Arbeit keine Kraft mehr hatte, noch eine weitere Schicht dran zu hängen. Anders hätte er aber „Patienten oder Personal im Stich gelassen“. An Wochenenden und Feiertagen musste er Freunden und Familie häufig absagen, da er Dienst hatte. „Es ist vor allem unser völlig amoralisches und profitorientiertes Gesundheitssystem und unsere Krankenhäuser, die den Aktionären gehören und Gewinne abwerfen müssen, was den Grundgedanken der Krankenpflege ad absurdum führt“, kritisiert C. Außerdem sei auch das Ansehen in der Bevölkerung niedrig. Im Freundeskreis habe er sich Fragen anhören müssen, was er außer „Arsch abwischen eigentlich noch auf Station mache“. „Hätte ich da jemals angefangen mit Interpretation der Blutgasanalyse oder Optimierung von Beatmungsparametern wären verwirrte Blicke die Folge gewesen“, erklärt C.

All diese Faktoren haben C. „mürbe gemacht“ und dazu geführt, dass er sich umorientierte. Durch eine Weiterbildung zum Praxisanleiter habe er „den Spaß an der Ausbildung neuer Mitarbeiter und Schüler entdeckt“. Vor einem halben Jahr begann er ein Studium der Pflegepädagogik und habe nun „das Glück noch ohne Abschluss bereits die Lehrtätigkeit an einer lokalen Krankenpflegeschule aufnehmen zu dürfen.“ Damit sei er nun „sehr zufrieden“. Er könne weiterhin der Pflege tätig sein, sei nun jedoch nicht mehr „am Bett“ und habe „geregelte Arbeitszeiten“. „Hätte ich diesen Schritt bei besseren Arbeitsbedingungen, höherer Entlohnung und allgemein bei Beseitigung oder Verbesserung oben genannter Faktoren unternommen? Ich denke nicht“, sagt der Ex-Pfleger. Der Pflegeberuf sei einer der Berufe mit den höchsten Abbruchraten. Die wenigsten Menschen würden bis zum Ende in diesem Job bleiben. „Meinen allergrößten Respekt zolle ich den Pflegekräften, die diesen Knochenjob bis zur Rente ausführen (können)“, erklärt der 30-Jährige. Der Corona-Virus sei für die Pflege vielleicht eine Chance auf die Missstände aufmerksam zu machen. Diese Missstände seien allerdings seit Jahren, auch ohne Pandemie, „bekannt und existent“. C. fordert, dass sich etwas ändert: „Ich kann nur hoffen, dass nach der Krise ein Umdenken stattfindet, denn von Applaus und Beifall kann leider keiner seine Rechnungen bezahlen.“

Folge 5: Verkäuferin im Lebensmittelhandel

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L. arbeitet als Verkäuferin in einem Bio-Lebensmittelmarkt. Dass ihr Job lebensnotwendig ist, „wusste sie auch schon vor der Krise“. Aktuell macht L. eine Ausbildung zur Einzelhändlerin und muss viele Dinge gleichzeitig beachten. Sie muss körperlich fit sein, „mal schnell was holen“ und schwer tragen können. Gerade in verkaufsstarken Zeiten, wie diesen, mehrt sich der Arbeitsaufwand.

L. kassiert, muss auf die Sauberkeit im Laden achten und koordinieren, was nachbestellt werden muss. Gleichzeitig ist sie immer mit den Kund*innen im Kontakt, muss dabei „ein Lächeln parat haben“ und auch in stressigen Situationen „freundlich und kompetent auf spontane Fragen der Kund*innen antworten müssen“. Schwierig finde sie in der Corona-Krise, dass „ein Großteil Luxuseinkäufe, also keine lebensnotwendigen Einkäufe sind“. Es gebe viele Menschen, die auch aktuell „fast jeden Tag wenige Dinge einkaufen gehen“. Damit gefährdeten sie sich selbst und andere. „Grundsätzlich freue ich mich über jeden Kunden“, so L. Doch es sei nun eben wichtig, die sozialen Kontakte zu minimieren. „Ich finde es aktuell sehr unverantwortlich wegen einer Tüte Gummibären shoppen zu gehen“, sagt die Verkäuferin. Sie selbst sei ebenfalls ein potenzieller Multiplikator der Viren und trage ein höheres Risiko andere anzustecken, da sie in einem guten körperlichen Zustand ist. Dadurch sei die Chance hoch, „dass ich es nicht oder erst spät bemerke“. Testen lassen könne sie sich nur, wenn es einen akuten Verdacht gebe. Sicherheit beim Einkaufen könne sie nur gewährleisten, wenn möglichst wenige und gesunde Menschen einkaufen. Kauft gern ein, ich versuche, das alles da ist, was ihr braucht“, erklärt L., „aber kauft doch mehr ein, so dass ihr seltener in den Laden müsst“. Für die Zukunft wünscht sich die Auszubildende „dass mehr Menschen darauf achten, was sie kaufen, wo sie kaufen & wie hoch der Aufwand ist dies zu produzieren“. Abschließend sagt L: „Ich gebe mir jeden Tag viel Mühe, die Lebensmittel für Euch zusammen zu stellen & anzubieten und habe ein Lächeln für euch parat - auch in stressigen Situationen.“

Folge 6: Pfleger in einer Reha-Einrichtung

Wir sind Systemkritisch Folge 6. Wir sind Systemkritisch Folge 6.

Täglich stellen wir euch Menschen vor, die in „systemkritischen“ Berufen arbeiten. Oft sind es Menschen, die hart arbeiten, trotz #Corona-Krise unter Menschen sind und deren Arbeit nur mäßig entlohnt wird. Unsere Reihe zeigt: Nicht die Besitzenden halten die Gesellschaft am Laufen, sondern die Lohnabhängigen. M. arbeitet als Pfleger in einer Reha-Einrichtung. Er beschreibt die Bezahlungen für Pfleger*innen als „sehr unterschiedlich - von sehr schlecht bis in Ordnung ist alles dabei“.

Doch gerade in „klassischen Altenheimen“ seien die Leute eher unzufrieden mit der Bezahlung. Schlimmer finde er, dass generell „zu wenige Stellen in Einrichtungen veranschlagt sind“. „Das schlimmste ist wirklich die Überforderung. Kommt es zu einem Krankheitsfall oder nimmt jemand Urlaub, entsteht sofort ein Riesenchaos“, berichtet M. Auf seiner Arbeit habe er das Gefühl, „es fehlen zwei besetzte Stellen“. Über die Jahre überfordere dies die Pfleger*innen. Durch die ständige Überforderung, werden die Pfleger*innen selbst krank, was wiederum für noch mehr Überforderung sorge. Corona werde seiner Einschätzung nach, nicht der letzte weltweite Virus bleiben. Der 30-Jährige meint, wenn so etwas häufiger vorkomme, könne man nicht jedes mal die Gesellschaft lahmlegen.

Dennoch finde er die politischen Entscheidungen zur Eindämmung des Virus „erst einmal ok“. Allerdings verstehe er nicht, wieso bei anderen Themen, wie dem Klimawandel, nicht ebenso schnell gehandelt werde. „Unsere Gesellschaft ist zu egoistisch“, meint M. Er finde es auch schade, „dass unsere Gesellschaft jetzt wieder nur mit ihrem eigenen Unglück beschäftigt ist und alles andere, wie z. B. humanitäre Hilfe an unseren Grenzen vergisst“. Nun werden Milliarden für die Wirtschaft locker gemacht. „Mit einem Bruchteil des Geldes könnten wir seit Jahren Menschenleben retten“. Der 30-jährige Pfleger fordert ein gesamtgesellschaftliches Umdenken („weg vom Egoismus“). Für sein Arbeitsleben wünscht er sich, dass die Gesellschaft die Pflegeberufe „mehr wahrnimmt“.

Folge 7: Auszubildender in der Krankenpflege

Wir sind Systemkritisch Folge 7. Wir sind Systemkritisch Folge 7.

In Folge sieben lassen wir L. sprechen. Der 21-Jährige arbeitet im zweiten Ausbildungsjahr im Bereich Krankenpflege und ist „vor allem in einer Würzburger Klinik“ tätig. Angesichts der Corona-Pandemie betont er, „dass die Lage sehr gefährlich für jeden Menschen ist“. Es sei egal, ob man zur Risikogruppe gehöre oder nicht. Vor allem junge Leute sollten die Maßnahmen einhalten und „nicht mit dem Argument kommen: ‘Ach, bei mir ist das ja nur wie eine harmlose Grippe’.“ Man könnte, ohne selbst Symptome zu spüren, „alle anderen anstecken, wodurch der Virus sich weiter verbreitet“. Jede*r solle sich Gedanken machen, dass dieser Virus „sehr gefährlich für unsere Gesellschaft und Demokratie ist“. Neben den enormen gesundheitlichen Gefahren sorgt sich L., „dass gerade jetzt Terrorzellen des rechten Spektrums diese Gelegenheit nutzen, um im scheinbar Verdeckten zu handeln.“ Angesichts der jüngsten rechten Anschläge von Hanau, Halle & Kassel scheinen weitere rechte Attentate leider mehr als wahrscheinlich.

Neben der Einhaltung der Beschränkungen wünscht sich L., dass die Menschen nicht durch ihre Hamsterkäufe die notwendigen Lebensmittel aufkaufen. „Immer, aber vor allem in dieser Zeit, soll Solidarität und Empathie an erster Stelle stehen“, fordert der 21-Jährige. „Natürlich sind die vielen Danksagungen und die plakative Unterstützung nett, aber ändert das nichts am Gehalt des*r Pfleger*in. Die Arbeit, die jeden Tag geleistet wird, die Gefahr, die man jeden Tag eingeht, um kranken Menschen zu helfen, wird leider zu wenig geschätzt bzw. vergütet“, schreibt der Auszubildende. Die Bezahlung der Pflege sei „miserabel“. Für die Zeit nach Corona wünsche sich L., „dass die Leute weiterhin achtsam sind und dass sich Firmen mit dem Thema Outsourcing und Globalisierung eng auseinandersetzen sollten, da Covid_19, denke ich, auch durch die stetig wachsende Globalisierung schneller verbreitet wurde.“ Zudem fordert er mehr gesellschaftliches Interesse für die Pflege - „da wir mehr machen, als nur Waschen und die Ärsche anderer abwischen“. Insgesamt sollten sich die Arbeitsbedingungen verbessern, so L. Neben einem deutlich höheren Gehalt fordert er, „weniger Spät-Früh-Schicht-Wechsel und mehr Personal, da in der Nachtschicht häufig eine Pflegefachkraft für 30 Patient*innen zuständig ist“.

Folge 8: Erzieher im Kinderheim

Wir sind Systemkritisch Folge 8. Wir sind Systemkritisch Folge 8.

„Ich arbeite öfter mal zwölf Tage am Stück, habe dann einen freien Tag, worauf weitere sechs Tage Arbeit folgen“, erzählt D. Der 28-Jährige arbeitet in einem Kinderheim im Raum Würzburg. „Wir kümmern uns um Kinder mit Behinderung, Kinder aus armen Familien und sogenannte ‚schwererziehbare‘ Kinder“, erklärt uns D. Die 40 Stunden pro Woche, die im Arbeitsvertrag stehen, werden so gut wie nie eingehalten. D. habe ausgerechnet, dass er 43 bis 44 Stunden pro Wochen arbeite und freut sich, „gerade einmal zwei Tage frei zu haben“. Seine Einrichtung selbst sei nicht verantwortlich. „Es gibt einen großen Mangel an Personal“, sagt er. Das Heim kann nichts dafür, dass sich niemand finde, der bereit sei, an Feiertagen, im Schichtdienst und über Nacht zu arbeiten. Er arbeite sehr gerne in seinem Beruf. Vor allem gefalle ihm die ländliche Umgebung seiner Einrichtung. „Die Kinder gehen zu einer Privatschule. Diese wird trotz Corona weiter betrieben“, berichtet D.

Wäre die Schule zu, wäre dies ein weiteres Problem, da es an Personal mangele. Das mache es D. schwer, bei Krankheit zu Hause zu bleiben.

Aktuell sei es den Kindern wegen Corona nicht möglich, nach Hause zu ihren Eltern zu fahren. Deswegen geht es „einigen natürlich nicht so gut“. Viele seien verständlicherweise frustriert. „Gestern hat ein Kind geweint“, sagt D. Man merkt, wie sehr D. das Wohl der Kinder am Herzen liegt, wenn er von der schwierigen aktuellen Situation erzählt. Er erklärt auch immer wieder: „Generell bin ich wirklich zufrieden, mit dem was ich hier tue“. Auch das Gehalt sei nicht das primäre Problem. „500 Euro Netto mehr wären sicherlich schön“, aber an sich sei die Bezahlung „soweit in Ordnung“. „Das Hauptproblem: Die sogenannte ‚work-life-balance‘ stimmt nicht“, kritisiert D. Er habe „selten einmal Zeit abzuschalten“. Am Wochenende könne er nicht „mit Freunden feiern, zum Angeln oder Fußball schauen“. Der Fußballfan muss sich sogar „frei nehmen, nur um mal am Mittwochabend ein Champions-League-Spiel schauen zu können“. Zeit für seine Partnerin bleibe dem 28-Jährigen ebenfalls wenig. Es sei eben schwierig, die Arbeitszeiten miteinander zu koordinieren. „Ich habe am Wochenende eigentlich immer Einzeldienst, weil wir es personell nicht hinbekommen, zu zweit zu sein“, bedauert D. Wären zwei Personen gleichzeitig in der Einrichtung, hätte er „nur ein Wochenende im Monat frei“. „Wer leidet darunter, dass wir alleine den Dienst schieben?“, fragt D. und antwortet: „Die Kinder – weil wir keinerlei Ausflüge oder ähnliches machen können“. Er ist der Meinung, „dass sich sowohl personell, als auch finanziell einiges tun muss in seinem systemrelevanten Beruf“. Das geschnürte Milliardenhilfspaket fließe wohl in Unternehmen. Hoffnung habe er wenig, dass das Geld den sozialen Berufen zugute kommt. Erst jetzt in der „extremen Situation“ sei eine Wahrnehmung der Gesellschaft vorhanden. „Leider stellen wir keine Teile her, die irgendjemanden noch reicher machen, weil er sie irgendwo auf der Welt vertickt. Wir begleiten Menschen, die der Wirtschaft leider niemals Ertrag in Form von Geld liefern können“, so D. Deswegen gelte der soziale Bereich wohl auch „als nicht wichtig“. Abschließend sagt D. lächelnd: „Du weißt was Arbeit ist, wenn du 24 Stunden Dienst hast, mit neun schwererziehbaren Kindern“.

Folge 9: Kassiererin

Wir sind Systemkritisch Folge 8. Wir sind Systemkritisch Folge 8.

J. arbeitet in als Kassiererin und kritisiert die fehlenden Schutzmaßnahmen am Arbeitsplatz: „Nicht einmal Handschuhe bekommen wir zur Verfügung gestellt. Ich finde das unverantwortlich. Wir können den nötigen Abstand zu den Kunden gar nicht einhalten, da der Thekenbereich gerade einmal 50cm breit ist.“

Die 24-jährige arbeitet in Teilzeit bei einer großen Supermarktkette. Sie findet, dass viele Menschen mit der #Corona-Situation „sehr vernünftig umgehen“ und kritisiert Menschen, die die Situation nicht ernst nehmen und sich unvorsichtig verhalten. „Man muss es ja nicht mega übertreiben“, meint J., aber es schade keinem „eine bestimmte Zeit mal etwas vorsichtiger und nachsichtiger mit seinen Mitmenschen umzugehen“. Nach der Pandemie hofft sie, dass „die Menschen ihre selbstverständlichen Dinge wertschätzen“ & dass Menschen geholfen wird, deren Unternehmen um „die Existenz fürchten“. Während der Corona-Krise fände sie gut, mehr Geld zu bekommen, da die Gefahren zu dieser Zeit größer seien. Dennoch betont sie in erster Linie die Leistung des medizinischen Personals: „Also wenn man mich fragt, sollten Ärzte, Krankenschwestern und Sanitäter definitiv mehr bekommen als sonst. Wenn nicht sogar den doppelten Lohn, da sie die eigentlichen Helden der Zeit sind.“

Folge 10: Landwirt

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„Die aktuelle #Corona-Lage macht vielen Menschen deutlich, dass es systemrelevante Berufe und Tätigkeitsfelder gibt“, erklärt S. zunächst. Der Landwirt erklärt sich bereit, in unserer Reihe über seinen Beruf zu sprechen. Dies ist bereits der zehnte Text unserer Reihe. Wir werden euch weiterhin täglich eine Person vorstellen, die in einem systemkritischen Beruf arbeitet. Aus Schutz vor evtl. arbeitsrechtlichen Konsequenzen, verwenden wir lediglich die Initialen. Die Realnamen sind uns bekannt. In der Landwirtschaft merke S. nun, dass viele Menschen, die auf Kurzarbeit oder im Zwangsurlaub sind, ihre Hilfe anbieten. Schon vor Corona sei der „Bedeutungsverlust der Landwirtschaft ein Thema geworden“. Durch die Bauernproteste und die grünen Kreuze auf den Feldern, sei es gelungen die Anliegen der Landwirt*innen auf die öffentliche Agenda zu bringen. „Es braucht aber nicht ein wenig mehr Sympathie für die Bauern, sondern einen grundsätzlich anderen Umgang mit Lebensmitteln und deren Produktion“. Die Landwirtschaft müsse sich verändern - „von einem rein unternehmerischen Konzept hin zu einer gesellschaftlichen Verantwortung.“ Die meisten Landwirte seien selbstständig. Es sei daher schwierig, Aussagen über die Bezahlung in der Landwirtschaft zu treffen. Es gebe „reiche Bauern und Bauern, die an der Armutsgrenze leben“. S. sagt: „Der Beruf des Landwirts ist eine Lebenseinstellung“. Geregelte Arbeitszeiten oder Stundenlöhne seien für ihn deshalb kein Thema. Der Landwirt wünscht sich für die Zukunft „einen engeren Kontakt zwischen Landwirtschaft und dem Rest der Bevölkerung.“ Nur so könne die Arbeit der systemrelevanten Berufe gewürdigt werden.

Folge 11: Angestellte in der Drogerie

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M. arbeitet beim Marktführer der Drogeriemärkte. „Jeder Mitarbeiter muss bei uns alles können – vom Verräumen der Ware über die Kundenberatung bis zum Kassieren“, erklärt uns M. Die aktuelle Situation sei schwierig: „Der Fluss ist durch die Hamsterkäufe immer noch gestört und dementsprechend viel ausverkauft“. Sie wünsche sich mehr „Rücksichtnahme“ von den Kunden. „Wenn wir sagen, bitte Abstand halten oder dass gewisse Artikel nur einmal erworben werden können, hoffe ich auf Verständnis“, so M. Die Bezahlung könne „besser sein, ist aber ok“. Für die Zeit nach #Corona wünsche sie sich, „einfach meine Familie außerhalb des Haushalts gesund in den Arm nehmen zu können“.

Folge 12: Bestatter

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Heute stellen wir euch den Bestatter C. vor. „Noch betrifft uns die Krise nicht so stark, wie die Kolleg*innen in Italien oder Spanien, wir hoffen natürlich auch als Arbeitnehmer*innen in den Bestattungsinstituten, dass dies in Deutschland so bleibt“, schreibt C. Seit einigen Tagen seien Plexiglasscheiben als Spukschutz zu den trauernden Angehörigen angebracht. „Außerdem versuchen wir unsere Vorräte an Desinfektionsmittel, Handschuhen, FFP-Masken und Einwegkitteln wieder aufzufüllen“, so C. Diese seien zur Neige gegangen, da der Freistaat Bayern Bestatter*innen bis vor wenigen Tagen nicht als „systemrelevante“ Berufsgruppe angesehen hatte. Somit seien sie bei Bestellungen gleichgestellt gewesen zur „hamsternden Beate von nebenan“. „Zum Glück hat sich das jetzt geändert“, sagt C. Er und seine Kolleg*innen versuchen, die „Krankenhäuser und Ärzt*innen zu sensibilisieren, denn es kommt häufig vor, dass Verstorbene die Positiv auf Corona getestet wurden, nicht als solche gekennzeichnet sind, …, und somit das Ansteckungsrisiko für uns Bestatter*innen natürlich höher ist.“ Im Alltag werde sein Beruf „leider immer noch mit vielen negativen Klischees assoziiert“. Es gebe aber vor allem im persönlichen Umfeld positive Reaktionen auf seinen Beruf. Von „Abzocker“ über ein abfälliges “Das muss ja auch irgendwer machen”, bis hin zu “Das könnte ich niemals! Toll, dass es Menschen wie euch gibt” seien die unterschiedlichsten Reaktionen und Vorurteile zu hören. Die Bezahlung „könnte besser sein“. Es gebe Firmen die ausgebildeten Fachkräften den Mindestlohn zahlen. Reich werde man in dieser Branche als Angestellte*r nicht. C. erzählt uns: „Im Durchschnitt bekommt man wohl zwischen 2000€ und 2400€ Bruttolohn.“ Für die Zeit nach der #Corona-Pandemie hofft er, gesund zu bleiben und, dass der Beruf „vielleicht mit einem besseren Ansehen in der Gesellschaft aus der Krise kommt“. C. hofft, „nicht mehr zu tun bekommen als üblich. Das wäre schön“.

Folge 13: Freiberufliche Ergotherapeutin

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Heute stellen wir euch die freiberufliche Ergotherapeutin F. vor. „Die letzten Wochen waren heikel, es hat sich nicht gut angefühlt zu arbeiten, aber es hätte sich auch nicht gut angefühlt nicht zu arbeiten“, erzählt uns die 25-Jährige. Ständig habe sie der Gedanke geplagt, Patient*innen, trotz aller getroffenen Hygienemaßnahmen, eventuell zu infizieren oder die Patient*innen zu schädigen, wenn sie nicht weiter therapiere.

F. arbeitet hauptsächlich im pädiatrischen, psychiatrischen und handtherapeutischen Bereich. Sie macht Hausbesuche und arbeitet in zwei verschiedenen Praxen. „Zum Schutz und Wohl aller“ sei es nun das vernünftigste nicht zu arbeiten. Doch sie habe viele Patient*innen, „die dringend Hilfe benötigen“. Kopfzerbrechen bereite ihr, „zum Beispiel stark depressive suizidale Patient*innen, die eine regelmäßige Therapie benötigen oder frisch operierte Handpatient*innen“, nicht mehr therapieren zu können. Neuerdings gebe es wohl die Möglichkeit „Notfall-Patient*innen“ therapieren zu dürfen. Das müsse allerdings der Arzt entscheiden.

F. habe nun Soforthilfe beantragt. Dabei hat sie schon tausende in ihre Ausbildung zur Ergotherapeutin investieren müssen. Die schulische und kostenpflichtige Ausbildung habe ca. 16.000 Euro Schulgeld für drei Ausbildungsjahre gekostet. Dabei habe sie keinen Cent verdient. Mittlerweile ist die Ausbildung zum Glück kostenfrei in Bayern.

Ergotherapie ist ein sehr vielseitiger und wichtiger Beruf mit vielen verschiedene Bereichen wie Pädiatrie, Neurologie, Orthopädie, Gerontologie, Psychiatrie und Arbeitstherapie. Die Ergotherapie „unterstützt und begleitet Menschen jeden Alters, die in ihrer Handlungsfähigkeit eingeschränkt oder von Einschränkung bedroht sind, bei für sie bedeutungsvollen Betätigungen mit dem Ziel, sie in der Durchführung dieser Betätigungen in den Bereichen Selbstversorgung, Produktivität und Freizeit in ihrer persönlichen Umwelt zu stärken“, so die Definition des Deutschen Verbandes der Ergotherapeuten. Durch „spezifische Aktivitäten, Umweltanpassung und Beratung“ soll den Menschen Handlungsfähigkeit im Alltag, gesellschaftliche Teilhabe und eine Verbesserung der Lebensqualität ermöglicht werden.

Für die Zeit nach der Pandemie wünscht sich F., „dass alle Therapeuten sowohl Ergos, Physios und Logos eine bessere Bezahlung bekämen, dass „Ergotherapie“ in seiner Vielfältigkeit und Wichtigkeit gesehen wird, dass es kostenfreie/kostengünstigere Fortbildungsmöglichkeiten oder Unterstützungsmodelle und auch, dass es anerkannt wird wenn man sich weiterbildet und dieses sich im Lohn widerspiegelt.“

Folge 14: Gesundheits- & Krankenpflegerin

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Von CDU bis Grüne sind sich nun alle einig - Die wahren Helden arbeiten im Gesundheitsbereich. Die gleichen Parteien die unser Gesundheitssystem durchprivatisiert haben, stellen sich nun als pol. Vertreter*innen der Pflege dar. Durch die #Corona-Krise wird eben deutlich, wessen Arbeitsleistung für uns alle unverzichtbar ist. M. meint, die aktuelle Situation um die Corona-Pandemie stelle ein „marodes Gesundheitssystem“ auf die Probe. Seit Jahren sei das Personal überlastet, die Fluktuation hoch und es gebe „andauernden Fachkräftemangel“. Die Pflegefachkräfte müssten dies kompensieren, was zu weiterem Druck führe und somit die Situation weiter verschärfe.

„Jetzt muss das Personal sich auf eine anrollende Infektionswelle einrichten, die gefährliche Situationen mit sich bringen wird“, schreibt uns M. Die Zimmer der COVID-19 Patient*innen weisen keine Schleusen auf, da das nur Empfehlungen des RKI seien, das Krankenhaus müsse sich also nicht daran halten. Unter dem Hashtag #keinisomaterialfürcorona könne man sehen, welchen Situationen das Personal ausgesetzt ist. Die Pflegenden hätten teilweise kein Material, um sich selbst und andere zu schützen.

„Pflegekräfte werden emotional unter Druck gesetzt, trotzdem Hilfe zu leisten, da das das Gebot der Menschlichkeit erfordere. Das macht mich zutiefst betrübt“, schreibt M., die mittlerweile den „Pflegxit“ gewagt hat. Bereits in der Ausbildung habe sie erkannt, dass sie den Beruf „nicht lange ausführen“ könne. Sie arbeite nebenbei als Krankenpflegerin in verschiedenen Bereichen. „Vollzeit wäre es mir nicht möglich diesen Beruf auszuüben“, sagt sie. Momentan warte sie auf einen Anruf für einen Sondereinsatz in der Pflege.

Sie habe lange für eine Verbesserung der Situation in der Pflege gekämpft. „Ich habe bereits drei Demonstrationen für Pflege organisiert. Leider stößt die Problematik auf keine Resonanz in der Gesellschaft“, sagt sie uns frustriert. Sie wünsche sich, „ein Bewusstsein in Bezug auf die Privatisierung und der daraus resultierenden Probleme, die auch zu der mangelhaften Vorbereitung auf eine Situation, wie die aktuelle, geführt haben“.

M. fordert, dass Pflegende eine Gefahrenzulage bezahlt bekommen und der Verdienst um ein Drittel nach oben geschraubt wird. Dies fordert sie auch für Altenpfleger*innen und im ambulanten Pflegedienst. Das Gesundheitssystem benötige „umfassende und grundlegende Reformen“. Aktuell werde versucht, mit kleinen Schritten die Situation zu verbessern. „Das reicht nicht aus!“, so M.

Die Privatisierungen müssten überdacht werden. „Momentan sieht es so aus, dass die Verluste weiterhin in staatlicher Hand sind und die Gewinne privatisiert“, meint M. Auch pflegende Angehörige sollten besser unterstützt werden und „die Abhängigkeiten in Bezug auf die Medikamentenproduktion drastisch verringert werden“. M. Wird sich auch weiterhin für die Pflege und eine grundlegende Reform des Gesundheitswesens einsetzen: „Denn Pflege geht uns alle an. Wir werden und waren bereits alle von Pflegebedürftigkeit betroffen.“

Folge 15: Gesundheits- und Krankenpfleger in Psychiatrie

Wir sind Systemkritisch Folge 15. Wir sind Systemkritisch Folge 15.

A. arbeitet als Gesundheits- und Krankenpfleger in einer Klinik für Psychiatrie und sieht die aktuelle Situation mit großer Sorge: „Ich halte das Ausmaß dieser Pandemie für kaum abschätzbar und eventuell so noch nie dagewesen“. Normalerweise besteht seine Aufgabe in der Pflege psychisch kranker Patient*innen. Durch seine allgemein gehaltene Ausbildung, sei er sich „der Problematik der aktuellen Lage bewusst.“ Er schätze, dass die Pandemie, bei der Nicht-Anwendung von geeigneten Gegenmaßnahmen, weltweit sehr viele Menschenleben fordert. Besonders sorge sich A. um „diejenigen, welche nicht in der Lage sind, sich selbst zu helfen, bzw. welche sowieso durch Vorerkrankungen schon geschwächt sind und auf gesamtgesellschaftliche Fürsorge angewiesen sind“.

Der 27-Jährige wünscht sich von der Gesellschaft eine „bedingungslose Solidarität, unabhängig von ethnischen, politischen und geographischen Grenzen.“ Er meint: „Ein Virus unterscheidet hier nicht, was wir ebenfalls nicht sollten. Persönlicher oder nationaler Egoismus schadet hierbei nur und birgt das Potenzial deutlich mehr Chaos anzurichten, als das irgendjemanden geholfen wird.“ Seinen Beruf selbst finde er „nicht extrem unterbezahlt“. Jedoch habe nicht jede*r Krankenpfleger*in das Glück, im öffentlichen Dienst mit dementsprechendem Tarifvertrag zu arbeiten. In der aktuellen Lage halte er es für unangebracht für eine bessere Bezahlung zu streiten, da er die Begrenzung des nun angerichteten Schadens für deutlich wichtiger erachte. Seiner Meinung nach wäre es perspektivisch hilfreich „die personelle Besetzung zu verbessern, die Wochenarbeitszeit zu reduzieren und die Häufigkeit von Wechselschichten zu minimieren.“ Für die Zeit nach Corona wünscht sich A. „die Beibehaltung des momentan guten Zusammenhalts unserer Gesellschaft“. Dies könne eventuell sogar helfen, andere Konflikte, seien sie „ethnisch, politisch oder sozial“ zu überwinden. Er würde gerne die soziale Lage seiner Patient*innen verbessern. Diese seien durch ihre psychische Erkrankung meist massiv gesellschaftlich stigmatisiert. Außerdem sei die Betreuung in den Pflegeheimen „oft nicht optimal, da es zu wenige geeignete Plätze gibt, welche noch durch zu geringe Bezahlung und schlechtere Arbeitsbedingungen meist unterbesetzt sind“. „Eine Erhöhung der Zulagen für Sonn-, Feiertags- und Nachtarbeit sind notwendig, da diese vor allem im Vergleich zu denen in der Industrie nicht zu rechtfertigen sind“, fordert A. Zusammenfassend wünscht sich der 27-Jährige „eine bessere Versorgung des Gesundheitssystems generell und vor allem den Beruf als Gesundheits- und Krankenpfleger /in attraktiver zu gestalten, um der immer stärker werdenden Personalnot entgegenzuwirken.“

Mit dieser Folge beenden wir unsere Reihe „Wir sind systemkritisch“ vorerst. Einen großen Dank allen, die uns ihre Geschichten zugetragen und diese Reihe dadurch erst ermöglicht haben!