Vom 5. bis 8. Juni 2019 fand in Würzburg der APS-Kongress (Kongress der Akademie für Psychotherapie und Seelsorge) statt. Den daran teilnehmenden Verbänden und Einzelpersonen wird die Bewerbung von Konversionstherapien vorgeworfen. Eine Person hat den APS-Kongress besucht und uns diesen Erlebnisbericht zugetragen.

Ich habe diese Woche den 10. Internationalen Kongress der Akademie für Psychotherapie und Seelsorge (APS) besucht. Die Veranstaltung fand im Congress Centrum Würzburg unter dem Titel „Vernetzt! Verbunden! Verstrickt? Psychotherapie und Seelsorge in einer digitalisierten Welt“ statt. Bis vor anderthalb Monaten wusste ich nichts von der Existenz des APS und habe erst davon erfahren, als ich die Kritik am und die Demonstrationsaufrufe gegen den Kongress gesehen habe. Nachdem ich viele Artikel aus verschiedenen Perspektiven über den APS gelesen hatte, beschloss ich mir selber einen Eindruck vom Kongress zu machen. Dieser Bericht soll meine Erfahrungen auf dem Kongress möglichst objektiv wiedergeben. Nach der Begrüßung durch Rolf Senst, den stellvertretenden Vorsitzenden des APS, hielt Martin Grabe, erster Vorsitzender des APS, einen Eröffnungs- und Einführungsvortrag zum Thema des Kongresses, in dem er Vor- und Nachteile der Digitalisierung aufzeigte.

Negativszenarien, beispielsweise eine Schreckensherrschaft mit völliger Kontrolle durch implantierte Überwachungschips, sollten das Potenzial der Digitalisierung nicht überschatten, sondern zur Entwicklung eines Warngefühls beitragen, das eine vernünftige Haltung gegenüber dem technischen Fortschritt ermögliche.

Am Donnerstag und Samstag fanden nach einer morgendlichen Einstimmung weitere Vorträge rund um das Thema Digitalisierung sowie deren Chancen und Gefahren statt. Wiederholt wiesen die Redner darauf hin, dass wie bei jeder Form von großen Umbrüchen weder irrationale Skepsis und Ablehnung noch blinder Fortschrittsoptimismus die richtige Einstellung seien, sondern eine kritische und konstruktive Auseinandersetzung mit den neuen Inhalten, um deren Vorteile effektiv nutzen zu können. Gott habe dem Menschen den Verstand gegeben, aus dem die Digitalisierung entstanden ist, daher solle diese nicht als grundlegend schlecht angesehen werden, so einige Referenten. Als Gefahren wurden unter anderem die Probleme der Nutzung von Statistiken in Bereichen wie der Personalauswahl, dem Gesundheitswesen oder den Finanzen (Kreditgewährung) angesprochen. Wenn Korrelationen und Wahrscheinlichkeiten, die Anhand von riesigen Datenmengen berechnet werden, über die z.B. ein Unternehmen verfügt, als Grundlage für Entscheidungen genutzt werden, könne das sehr leicht zur Diskriminierung führen. Es wurde auch von möglichen Abhängigkeiten gewarnt, wie z.B. von Computerspielen, sozialen Medien oder Internetpornographie. Zudem nannten Referenten das Problem von „Filterblasen“, die anzuzeigende Informationen an eigene Suchverläufe und Interessen anpassen, da Menschen sich dadurch nur noch mit ähnlichen Sichtweisen auseinandersetzten. Das verursache unter anderem eine Polarisierung des öffentlichen Diskurses sowie die stärkere Verbreitung von Verschwörungstheorien. Daher wurde betont wie wichtig es sei, Informationen kritisch zu hinterfragen und zu überprüfen, bevor man diese für wahr erkläre und weiterverbreite.

Als Herr Grabe am Donnerstagabend das Thema der Demonstration am darauffolgenden Tag ansprach, sagte er, auch dies sei ein Beispiel für das Entstehen einer Filterblase. Von den Demonstrant*innen sei auch niemand an sie herangetreten. Im Allgemeinen waren die Vorträge sehr faktisch und wissenschaftlich verankert und bedienten sich vielfältiger Beispiele und Sichtweisen aus verschiedenen Disziplinen, u.a. der Philosophie, der Theologie, der Politik und der Geschichte. Es wurde aber auch hervorgehoben, dass Wissenschaft der heutige Stand des Irrtums sei. Hierzu sagte ein Redner (und es war, soweit ich mich erinnern kann, das einzige Mal, dass in den Vorträgen Homosexualität erwähnt wurde): Das, was Wissenschaft heute über Homosexualität sage, könne morgen widerlegt werden.

Mehrmals wurde Digitalisierung auch aus der Perspektive der Theologie betrachtet und einige Referenten betonten, die Verantwortung für diese Themen dürfe ach immer mit gutem Gefühl an Gott zurückgegeben werden. „Denn es wird regiert, nicht nur in Moskau oder in Washington oder in Peking, sondern es wird regiert, und zwar hier auf Erden, aber ganz von oben, vom Himmel her!“, wie Martin Grabe in seiner Rede zum Ende des Kongresses den Theologen Karl Barth zitierte. Auch der Rückstand der christlichen Gemeinden in der Digitalisierung wurde angesprochen: Wie könne man für seinen Glauben werben, wenn man in den aktuellen Medien nicht vertreten ist?

In den Pausen hatte ich die Gelegenheit, mich mit anderen Teilnehmer*innen zu unterhalten. Die Leute waren offen, herzlich und an Gesprächen interessiert, die oft weit über die Inhalte des Kongresses hinausgingen. Zudem hatte man Zeit, sich die Stände anzuschauen, die im Foyer des Kongresszentrums ausgestellt waren. Dort stellten sich verschiedene Vereine, Verbände und Institutionen vor; Einer von den zahlreichen Ständen war der Bundesverband Lebensrecht e.V., Veranstalter vom „Marsch für das Leben“. Am Freitag waren keine großen Vorträge geplant, stattdessen nahmen die Teilnehmer*innen an Seminaren teil, für die sie sich im Voraus angemeldet hatten. Da jeweils etwa 20 Seminare parallel stattfanden, kann ich natürlich nur einen Einblick in die vier Seminare geben, an denen ich teilgenommen habe. Die Seminare unterschieden sich sehr stark voneinander.

Das erste Seminar, das ich besuchte, war ein sehr informativer Vortrag über den Cyberraum aus Sicht der Spionageabwehr. Der Referent gab einen interessanten Überblick über neue Sabotage-, Spionage- und Desinformationsmöglichkeiten, die der Cyberraum bietet und nannte zahlreiche aktuelle Vorfälle.

Das zweite Seminar trug den Titel „Sinnorientierte Sexualität – Befriedige ich (m)einen Trieb oder finde ich einen verheißungsvollen Weg?“. Dort definierte der Referent Sexualität als einen Weg, den Gott in uns gegeben hat, um ihn (Gott) zu erkennen. Er kritisierte, dass Sexualität heutzutage als Trieb statt als Weg, als Grundbedürfnis statt als Reise, angesehen werde. Das Idealdesign Gottes sei eine Sexualität zwischen Mann und Frau; Dieses Design sei das vollkommenste und nicht überbietbar. Auf die Frage einer Seminarteilnehmerin, wie denn z.B. Homosexualität oder andere sexuelle Orientierungen in dieses Design passen würden – man könne diese Formen der Sexualität ja nicht als Fehler bezeichnen, da Gott keine Fehler mache – antwortete der Referent, man werfe Gott ja auch nicht vor, dass es Krankheiten oder Behinderungen gibt; Es gäbe abweichende Designs, die nicht unter das Idealdesign Gottes fielen. Im Seminar erklärte der Arzt und Therapeut, eine volle Design-Ausschöpfung sei sowohl in der Ehe zwischen Mann und Frau als auch im Zölibat, also ehelos und ohne Sex, möglich. Alle Alternativen seien jedoch defizitär. Später ging es um den Umgang, den ein*e Seelsorger*in mit solchen Themen haben sollte. Er verdeutlichte, ein*e Klient*in könne ehrlichen Herzens objektiv irreführende, destruktive sexuelle Wege gehen. Daher solle man als Seelsorger*in immer die Erkenntnistiefe der Klient*innen berücksichtigen und von dieser ausgehen, um ihnen mit dem guten Weg bekannt zu machen, sodass sie selber merken können einem Irrtum zu unterliegen. Dabei solle man darauf achten die Klient*innen nicht zu indoktrinieren, sondern sie durch Formulierungen wie „Ich verstehe die Aussage der Bibel so, wie verstehen Sie das?“ den guten Weg erkennen lassen. Er betonte aber auch, dass es wenig Sinn ergebe, von kranker, gestörter oder heiler Sexualität als Zustand zu sprechen, da jeder von uns in manchen Aspekten „gestört“ sei. Zum Schluss wurden Ersatzwegweiser für „Ungläubige“ erwähnt. Unter anderem nannte der Referent die Phänomenologie (z.B. könne man den Unterschied zwischen Mann und Frau schlichtweg sehen, was gegen den Gender-Mainstream spreche), Empirische Forschung (die teilweise das Schöpfungsdesign stütze) und glaubwürdige Vorbilder. Auf diese Weise könnten auch nicht-Christen den richtigen Weg erkennen, so der Referent.

Nach der Mittagspause besuchte ich ein Seminar über Liebe und Sexualität im digitalen Zeitalter. Die Referentin sprach über die Suchtgefahr, die z.B. Pornografie, Online-Partnervermittlungsseiten und Erotik-Onlinespielen bärgen. Sie erklärte auch, dass Online-Partnervermittlungsseiten zu einer „Warenhausmentalität“, einer Konsumhaltung Beziehungen gegenüber, führen könnten und, dass Pornografie Frauen zu Objekten mache, meistens Menschenhandel oder Sklaverei unterstütze und ihr Konsum oft zu Missbrauch führe. Ebenfalls argumentierte sie, dass Mädchen, die häufig Pornografie anschauen, häufiger Opfer sexueller Gewalt wären. Sie betonte, dass es erschreckende Zahlen gäbe, wie viele Menschen Interesse an gewaltvollen Sexualpraktiken hätten, die durch Pornografie verbreitet werden. Doch auch wenn man durch jede neue Technik etwas verliere, gewinne man etwas dazu: Durch seriöse Online-Partnervermittlungsseiten sei es leichter Gleichgesinnte zu finden und es entstünden auch glückliche Beziehungen.

Als Letztes besuchte ich ein Seminar zur Eheberatung. Der Referent, der selber Eheberater ist, betonte wie wichtig es sei, als Berater*in seine Kompetenzgrenze zu erkennen und zu wissen, ab wann Probleme Aufgabe von Therapeut*innen seien. Er stellte verschiedene Methoden vor, die in der Eheberatung genutzt werden können, um den Ausstieg aus einer destruktiven Streitspirale zu ermöglichen: unter anderem Kommunikationsübungen, Nutzung von Filmmaterial, und eine Selbsteinschätzungsübung mithilfe eines Gefühls-Ärger-Barometers. Die Seminarteilnehmer*innen wurden dazu eingeladen sich selbst während einer Übung einzuschätzen. Einige Referent*innen und Seminarleiter*innen benutzten in ihren Vorträgen gendergerechte Sprache. Andere sprachen von „Reisen zum Frausein“. In dem Feedbackbogen, den Teilnehmer*innen zur Rückmeldung ausfüllen sollten, gab es für Geschlecht drei Kästchen: w, m und d. Auch wurde in den Seminaren Sexualität sehr unterschiedlich dargestellt. Die verschiedenen Meinungen, die in den Vorträgen und Seminaren vertreten waren, zeigen, dass „Der Kongress“ keine homogene Menge gleichdenkender Menschen ist. Sowohl unter den Vortragenden als auch unter den Zuhörer*innen schienen mir die Menschen ihren Glauben unterschiedlich zu (er)leben. Das betonte auch Herr Grabe, als ich ihn auf einige Aussagen in meinem zweiten Seminar hinwies. Der APS sei kein Dachverband sondern eine Plattform, die den Austausch fördern möchte, und es seien auf dem Kongress verschiedene politische Meinungen, Theologien und Konfessionen vertreten.

Die Frage bleibt, ob der Austausch vielleicht ein bisschen mehr gefördert werden würde, wenn Referent*innen eingeladen werden würden, die aus feministischer und nicht-heteronormativer Perspektive über wissenschaftliche Erkenntnisse oder beispielsweise Folgen von Diskriminierung berichten.