„#Corona-Rebellen“-Demo auf den Würzburger Mainwiesen

Die Mischung aus Verschwörungsideolog*innen, Esotheriker*innen und Rechtsradikalen ging diesen Samstag erneut auch in Würzburg auf die Straße. Nachdem letzte Woche die Demo gespalten war und einige dutzend auf den Mainwiesen und weitere etwa 150 auf dem Unteren Markt demonstrierten, wurde ihnen die Demonstration in der Innenstadt untersagt. Auf drei Versammlungsflächen aufgeteilt fanden sich schließlich in der Spitze knapp 140 Menschen ein. Die großen Quadrate waren kaum gefüllt. Die meisten Teilnehmer*innen standen auf der Straße, hielten den Mindestabstand nicht ein und verzichteten auf Mundschutz. Die Polizei twitterte im Anschluss, dass sich etwa 70 Teilnehmende auf den Mainwiesen eingefunden hätten. Die „Mindestabstände und Hygienevorschriften wurden von allen Anwesenden eingehalten“, schrieb d. Polizei Unterfranken im Polizeibericht. Aber Bilder belegen das Gegenteil. Am Marktplatz hatte die Polizei zum geplanten Demobeginn um 15:30 Uhr drei Polizeiwägen aufgefahren. Einzelne Kleingruppen von Demonstrant*innen beeindruckte dies sichtlich. Sie packten ihre Schilder ein und liefen brav zu den angemeldeten Demos an den Talavera-Mainwiesen. Die Versammlungen waren thematisch unterteilt. Auf der ersten Versammlungsfläche standen eine handvoll Hippies. Das Thema dieser Kundgebung wurde keiner*m von uns klar. Auf der zweiten abgesteckten Fläche meditierten etwa 15-20 Hippies durchgehend. Etwa 20 standen davor auf der Straße. Auf der dritten Fläche versammelten sich ca. 50 Menschen, dutzende weitere standen als Kritiker*innen oder Passant*innen außerhalb herum. Zur dritten Fläche gesellten sich auch die #noAfD-Stadtratskandidat*innen Silvio Kante und Erika Lenz. Bei dieser Versammlung waren mehrere Rechte mit Deutschlandsymboliken erkennbar. Es gab keine einzige Rede zu hören. Inhalte der Demo drangen kaum an die Passant*innen durch. Zu sehen waren trotz Ermahnungen der Veranstalter*innen Deutschlandklamotten und Q-Symboliken. Erklärung: Die Q-Verschwörung erlebt gerade einen enormen Hype. Die angebliche Qanon-Gruppe/Person gibt vor, im Besitz geheimer Informationen zu sein. Xavier Naidoo ist wohl in Deutschland der bekannteste Anhänger dieses Irrsinns. Besonders die Falschinformation der Lockdown diene nicht der Bekämpfung der Pandemie, sondern er solle die Gelegenheit bieten, Kinder aus Folterkellern zu befreien, wo ihnen im Auftrag der Elite massenhaft Andrenochrom entzogen würde. Es wird behauptet das Stoffwechselprodukt des Adrenalin, würde ewige Jugend verleihen. Mehrere Passant*innen beschwerten sich, dass die Teilnehmenden weder den Abstand einhielten, noch Schutzmasken trugen. Aufgeregt ging eine Passantin zu den entspannten Cops und fragte, wieso für sie andere Regeln gelten würden, als für die Demonstrant*innen. Eine kompetente Antwort erhielt sie nicht: „Das ist eine Demonstration und die dauert nur zwei Stunden“. In Gesprächen mit Teilnehmer*innen wurden Kritiker*innen schnell angegangen, als sie antisemitische Aussagen kritisierten. Eine behauptete etwa, wenn diese Scheiße so weiterginge, gäb‘s hier wieder Faschismus und sie wären die nächsten mit Judenstern. Ein weiterer meinte, dass man heute als Aluhutträger diffamiert würde und damals in den Zug gesteckt wurde, das sei der Unterschied. Auch rassistische Ideologien wurden mit Vergleichen zum Tierreich und Baumkunde (damit „genealogisch“ alles rein bleibt) verbreitet. Schließlich drehte sich das Gespräch um den „Rassebegriff“. Mehrere Gesprächspartner*innen empfanden den Begriff „Rasse“ als etwas „Schönes“ und forderten den Erhalt der verschiedenen „Rassen“. „Rassentheologie“ sei „schön“, da alle gleich viel wert seien. Auch Begriffe wie „Mischrasse“ und „Vermischung“ fielen. Mehrmals wurde Fotograf*innen von Teilnehmer*innen mit Anzeige gedroht. Die Polizei kam den Forderungen der Demonstrant*innen meist nach. Anstatt den Demonstrant*innen die Pressefreiheit zu erklären, ermahnten sie die Fotograf*innen. Dabei hätten sich die Demoteilnehmer*innen vermummen können, aber dann hätte man ja die als „Maulkorb“ verhassten Mund-Nasen-Schutzmasken aufsetzen müssen. Insgesamt sind die „Corona-Rebellen“ mit der Demo unzufrieden. Trotz bestem Wetter und medialer Präsenz haben sie maximal 140 Menschen auf die Mainwiesen gebracht. Auch in der Telegram-Gruppe zeigt man sich nicht glücklich. Auch Passant*innen hätten sich beschwert, es sei nicht erkenntlich gewesen, wofür oder wogegen die Demos seien, außerdem mokierte man sich über die Versammlungsfläche an den Mainwiesen. Auch Silvio Kante von der AfD zeigt sich enttäuscht. Alles sei doch in Planung gewesen. Doch weder Verstärker, noch Mikro, noch Musik oder Plakate waren vor Ort. „Was ist daraus geworden?“, fragt er. Die Bewegung hat in Würzburg wohl vergangene Woche mit knapp 200 Teilnehmer*innen den Zenit erreicht. Dies ist auch gut so. Denn durch Corona verschärft sich die Armut weiter. Immer mehr Menschen werden entlassen. Es bedarf also Demonstrationen, die einen radikalen Systemwechsel fordern. Die Gefahr der Corona-Pandemie ist real und nicht überwunden. Infektionsschutz und Abstand sind weiterhin wichtig. Kapitalismuskritik statt Verschwörungstheorien!

twitter.com/schwarzlichtwu…

Schwarzlicht Würzburg (@schwarzlichtwue):
#Corona in Würzburg – Wer bleibt auf der Strecke?

Zu schön klangen die Träumereien zu Beginn der Corona-Krise. Durch die Krise werde uns bewusst, wie sehr wir aufeinander angewiesen sind.
Es zeige sich, wer die gesellschaftliche Leistung vollbringe: Menschen in Niedriglohnjobs, Ver- und Entsorgungsarbeiter*innen und das Pflegepersonal.

Doch mittlerweile wird klar, wer für die Krise bezahlt: die Armen, Kleinunternehmer*innen und Arbeiter*innen.
Staatshilfen wurden versprochen. Das Beispiel der „Veggie Bros“ aus Würzburg zeigt, wie unsozial diese konstruiert sind.
Beispiel „Veggie Bros“: Entlassung wird belohnt!

Die „Veggie Bros“ beschäftigen rund 20 Mitarbeiter*innen und betreiben zwei kleine vegetarische Fast Food Restaurants in Würzburg.
Auf ihrer Facebook-Seite schreiben sie: „Wie alle KollegInnen aus der Gastro kämpfen jedoch auch wir seit Beginn der Krise und den verschärften Maßnahmen mit Umsatzeinbrüchen, mit Existenzängsten und mit Unsicherheit.“ de-de.facebook.com/veggiebros/pos…
Dennoch versuchten sie, die Kurzarbeitsquote auf niedrigem Niveau zu halten und durch einen Take-Away-Betrieb weiterhin den Laden am Laufen zu halten. Dies wird ihnen nun zum Verhängnis.
Denn: Eine Voraussetzung für die Corona-Soforthilfen von Bund und Land ist ein sogenannter Liquiditätsengpass. Sprich: Dem Staat geht es darum, dass die Unternehmen weiter ihre Mieten zahlen und ihre Rechnungen begleichen können.
Wer Mitarbeiter*innen nicht entlässt, wird demnach bestraft, da somit der Liquiditätsengpass nicht erfüllt wird.
Die Veggie Bros schreiben, es sehe so aus, „als hätten wir nun im Nachteil (sic!) weil wir versuchen unseren Betrieb aufrecht zu erhalten und unseren MitarbeiterInnen Ihr Einkommen zu sichern.“
Belohnt werden mit den Staatshilfen somit Unternehmer*innen, die rigoros die Krise auf dem Rücken ihrer Belegschaft austragen.
Menschen in 450-Euro-Jobs werden komplett im Stich gelassen:

Der Autor dieses Textes wurde als Barangestellter nach Schließung des Kulturbetriebes sofort entlassen. Da die Anstellung auf 450-Euro-Basis erfolgte, hätte er auch keinen Anspruch auf Kurzarbeitergeld.
Generell zeigt sich: Die Menschen in den prekären sogenannten 450-Euro-Jobs werden komplett im Stich gelassen. Arbeiter*innen in Minijobs sind besonders gefährdet, da ihnen ihr sowieso schon minimales Einkommen komplett wegbricht.
Generell fehlt es an Hilfe für Menschen in Kultur- und Gastronomiebetrieben, während die Debatten um Milliardenhilfen für Autokonzerne ins Rollen kommen.
Aktionär*innen profitieren – Arbeiter*innen in Existenzangst:

Während BMW derzeit von staatlichem Kurzarbeitergeld profitiert und den Mitarbeiter*innen monatlich Geld fehlt, schüttet der bayrische Autokonzern 1,6 Milliarden Euro an Aktionär*innen aus.
Von der Prämie profit. v.a. die Erben der Familie Quandt. Stefan Quandt hält 25,8 Prozent der BMW Anteile, was ihm für das komm. Geschäftsjahr eine Dividende von 425 Mio. Euro beschert. Seine Schwester Susanne Klatten erhält für ihre 20,9% 344 Mio. € (merkur.de/politik/corona…).
Diese Zahlen demonstrieren die krasse Ungerechtigkeit in unserer Gesellschaft und wir geben ausnahmsweise einem SPD-Politiker Recht: Kühnert forderte 2019 BMW zu kollektivieren.
Trotz Dividendenausschüttung und Kurzarbeitsgeld fordert die Autoindustrie weitere staatliche Soforthilfen, die bei der Regierung auf offene Ohren stoßen. Tausende Euros sollen Käufer*innen von Neuwagen erhalten.
Über einen Notfallplan zur Rettung des maroden Nahverkehrs oder Subventionen für Bahnfahrer*innen wird in diesem Land trotz Klimawandel nicht diskutiert.
Entlassungen bei s. Oliver in Rottendorf:

Für viele Arbeiter*innen brechen extrem unsichere Zeiten an. Die Geschäftsführung des Modekonzerns „s. Oliver“ entlässt in Rottendorf 170 seiner 1500 Mitarbeiter*innen. Die Kündigungen seien schon vor Corona beschlossen gewesen.
Zurecht kritisiert der DGB den fehlenden Betriebsrat und DGB-Sektretär Viktor Grauberger fügt an, „Erst rund 45 Millionen Euro Gewinn machen, im nächsten Schritt jedoch mehr als ein Zehntel seines Personal rauszuwerfen – das ist ein Schlag ins Gesicht derjenigen,
die die Umsätze und Gewinne für das Unternehmen erarbeitet haben.“ br.de/nachrichten/ba…
Mieter*innen sind nicht geschützt:

Auch bei Vogel Communications in Würzburg sollen dutzende Mitarbeiter*innen entlassen werden, das Bar- und Gastro-Personal wurde in vielen Betrieben komplett gekündigt und besonders prekär Beschäftigte werden es schwer haben, die hohen
Würzburger Mieten weiterhin zu zahlen. Der Staat hatte zwar eine Stundung für Mieter*innen beschlossen, doch da kein Ende der Krise in Sicht ist, bed. dies ledigl.eine Verschleppung der Mietschulden. Ab 1. Juli können Mieter*innen, die nicht zahlen, wieder gekündigt werden.
Hohe Dunkelziffer bei Arbeitslosigkeit:

Die Arbeitslosenzahlen steigen. Die Dunkelziffer an Arbeitslosen ist jedoch deutlich höher.
Viele melden sich nicht arbeitslos, da die Hartz4-Auflagen stark in das Leben der Menschen eingreifen. Viele kommen mit der Bürokratie nicht zurecht oder schämen sich, sich als arbeitslos registrieren zu lassen.
Student*innen, die ihre Jobs verlieren, können nicht auf Hilfen vom Amt hoffen.

Statt Protesten gegen die explodierende Armut und ihre Profiteur*innen, nehmen sich „Impfgegner*innen“, #Naidoo- und #Hildmann-Follower*innen und Corona-Leugner*innen die Straße.
Wer Hoffnung hatte auf eine bessere Welt nach Corona wird wohl bitter enttäuscht werden. Die Bourgeoisie profitiert von den Staatshilfen, die Besitzlosen bleiben auf der Strecke.

Hier geht’s zum Fotoalbum zur Demo von @Resistance2O20: flickr.com/photos/1566327…